Überhör keinen Baum und kein Wasser

Ein alter Lehrer erinnert sich an dreckige, wilde und neugierige Kinder am Bach. Sie spielten Arbeit, es war ihnen ernst. Ein fein beobachtetes Plädoyer für das freie Spiel als wichtigste Form von Bildung. Lesen Sie den Siegertext.

Video: crosscam.ch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit diesem Text erreichte der Autor Sigi Amstutz den 1. Platz beim 11. «Bund»-Essaywettbewerb.

Z. klemmte den Stift zwischen die Finger und klopfte damit auf den Tisch. Seine Hände waren verkrampft, die Ohren kalt.

Lange hatte Z. das Essay vor sich hergeschoben. Doch jetzt war sein Entschluss gefasst. Das erste, was ihm durch den Kopf ging, waren die Hütten.

«Die Hütten am Bach», so hiess der kurze Artikel, den Z. geschrieben hatte. An die Redaktion eines Schulblattes war er gegangen. Aber die Redaktion war stumm geblieben. Mehrmals hatte er angerufen, ohne Erfolg. Endlich eine Stimme, etwas überhastet: «Jaja, Ihr Problem ist interessant, wirklich, aber Sie wissen», – ihre Stimme wurde noch flatteriger und nervöser –, «dieser Lehrplan 21 ist jetzt so aktuell, darauf m ü s s e n wir jetzt – eh – wir müssen sofort – eh – übrigens, was Sie da geschrieben haben ist wirklich lustig, aber wir haben jetzt anderes . . , Ihre Hütten lassen wir einstweilen noch stehen. Bis später, ja?»

Z. schwieg. Das irritierte die Eilige.
«Sind Sie noch da?»
«Ja», schnaubte Z., «ich habe nicht vor, meine Hütten bei Ihnen verrotten zu lassen überhaupt, schicken Sie mir alles an meine Adresse zurück, ich verzichte…!»

Z. hatte sich heissgeredet, das ging an seine Galle.
A. (immer an der Seite von Z.): «Was ärgert dich denn dermassen, mein lieber Z.?»
Z.: «Als ob es nichts Wichtigeres gäbe im Augenblick als diesen Lehrplan, voluminös, dicker als ‹Brehms Tier­leben› – wer liest das schon – für die Volksschule von Morgen, ha!»
A.: «Ist das so schlimm?»
Z.: «Wir, die Lehrpersonen an der Basis, haben kaum mitarbeiten dürfen, die klugen Herren haben hinter verschlossenen Türen ihr Lehrplan-Süpplein gekocht!»
A.: «Die Herren…?»
Z.: «Ja, die Herren Bildungsexperten eben, die hochgeschulten, die alles wissen und alles bestimmen möchten, die P ä d o k r a t e n eben – und jetzt gibt es internen Streit. Harmosfrieden?»

Z. kam wieder herunter vom feuerspeienden Berg und beruhigte sich allmählich. Er, der alte Lehrer, war in Gedanken wieder bei den Hütten am Bach. Der Bach: polternd durchs Bergtal. Sand, Geröll und schwere Gesteins­brocken mit sich führend; dann wieder gemächlich gurgelnd oder schläfrig murmelnd, sittsam in seinem eigenen Bett. Immer an den niedrigen braunen Wohnhäusern und den kleinen Scheunen, am ländlichen Schulhaus, an der Post, am kleinen Laden vorbei.

Es ist nötig, sagte sich Z., dass ich etwas von meiner Biografie erwähne, sonst wird man mich, die Eltern und deren Kinder nicht verstehen.

Über dreissig Jahre hatten ihn die an- und abschwellenden, die verwehten Töne des ziehenden Wassers begleitet, es war die Musik seines Alltages, seiner Arbeitsstunden, den späten, seiner Feiertage, seines Schlafes. Manchmal hörte er die Lieder des Wassers, manchmal nicht. Aber wenn in Gewitternächten die Steine in der wilden Strömung rollten und grollten wie ein ungestümes Gespann, er das Fenster öffnete, dann strich ein Pulverdampf um seine Nase. Das waren die klotzigen Steine, die aufeinander herumhämmerten und sich zerschlagen und zerquetschen wollten, ganz nahe an seinen Ohren – und seltsame Funken blitzten auf über den dahin schiessenden Wassermassen. Wer das noch nie gesehen hat, weiss nicht, was ein Wildbach ist.

Wasser, immer unterwegs. Das war Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wie die Tannenwipfel im Wind. Das war und blieb Natur, Schöpfung, Bewegung.

Z. hatte bemerkt, dass dort unten, zwischen den Stauden und Büschen, den Weiden und Erlen, bei den Ahornen, deren Äste über dem Wasser hingen, seit längerer Zeit ein reges Treiben im Gange war. Geschrei, Gelächter, Zurufe, Zoff. Dazu Arbeitsgeräusche: hämmern, klopfen, bohren, sägen, schieben, ziehen, schleifen, um nur einige zu nennen.

Es waren Kinder, seine Schulkinder, die am Bach nicht genug bekommen konnten. Manchmal waren es viele, manchmal wenige, die Zusammensetzung der Beteiligten wechselte immer wieder. Sie spielten Arbeit, es war ihnen ernst, sie schwitzten, diskutierten, wiesen einander zurecht, beratschlagten, stimmten ab, suchten Lösungen. Sie spielten Wirklichkeit, i h r e Wirklichkeit. Es gab Hierarchien, es waren nicht immer die gleichen.

Zusammenhalten und Wegdrängen, Integration und Isolation, es wurde gelebt, erfahren – und viel verhandelt und ausgehandelt.

Wenn Z. auf seinen «zufälligen» Spaziergängen an den Baustellen vorbeikam, beobachtete er das Geschehen immer intensiver. Das störte die Kinder nicht. Und er fand bestätigt, was er eigentlich schon vorher gewusst hatte: Lernen fand auch ausserhalb des Schulzimmers statt. Lebendiges Lernen:

Einer Strömung trotzen,
Schwierigkeiten überwinden.
Das Wilde in sich ausleben.
Eigenschaften des Holzes erfahren.
Das Verhalten der Tiere kennen lernen usw.

Z. glaubte, es den Schülern anzusehen, wenn sie wieder am Bach und bei den Bäumen gewesen waren. Frisch kamen sie daher, mit ansteckender Lebenslust, vital, widerstandsfähig. Konrad Lorenz: «Der Kontakt mit dem Lebendigen entwickelt das Gehirn, die Vielfalt draussen erzeugt die Vielfalt drinnen.» Ein Lied ging ihm durch den Kopf, das die Kinder gesungen hatten:

«… Birken horchen auf die Weise,
Birken und die tanzen leise…»

Z. fragte sich: Lebe und lebte ich mit Illusionen, bin ich ein Fantast? Kuschle ich laufend mit antiquierten Naturvorstellungen? Andererseits: Was habe ich denn ausser meinen Erfahrungen? Denen muss ich doch trauen!?

Dass sich die technisierte Welt immer weiter von der Natur entfernt, ist für niemand mehr ein Geheimnis. Würden die Lehrbuchmacher die Sicht der Kinder ernst nehmen, sähen die Lehrbücher, ihre Fragen, Antworten und Arbeitsanweisungen wohl ganz anders aus. Ich habe es beobachtet, wie begeistert die jüngsten Kinder am Bach alles sammelten, was sie auf ihren Entdeckungsreisen fanden: Steine, Früchte, Samen, Rinde, Hölzer, Schilf. Schöpferisch gingen sie damit um. Jedes Kraut, jedes Blatt war kostbar, inspirierte zu Gestaltungen, Formen und Bildern, heute «Land-Art» genannt. Das ist der Weg: von der Natur zur Kultur. Diese wunderbar wilden, neugierigen, dreckigen Kinder!

Einmal fragte ich einen Erst- oder Zweitklässler – ich hatte ihn auch schon am Bach und den Bäumen gesehen –, wie es denn eigentlich in der Unterschule gehe. «Es geit guet», meinte er, «aber si versuumt eim halt toll.» Eine geniale Antwort. Was heisst eigentlich «versuumt»? Es bedeutet: Die Schule hält mich auf, sie stört mich bei dem, was mich fasziniert.

Aber welche Schule dann, die die Kinder nicht «versuumt» und ihnen nicht das Leben raubt? Jedenfalls lieber eine «Freizeit-Schule» als eine Schule im Lektionen-Takt, zerhackt von Pausensirenen. Dazwischen die zeitgestoppten Vergleichsarbeiten, absurden Aufgaben und selektionierenden Proben, die zersägten Inhalte, messbaren Kompetenzen, asphaltierten Emotionen.

Z. (leise zitierend):
«Was ist schön?
Schonen ist schön
Kinder schonen,
Tiere schonen,
Pflanzen schonen
Die Schöpfung
schonen.»
(Kurt Marti)

Z. (kaum hörbar zitierend):
«Ich weiss nicht wer die Natur
erschaffen hat.
Aber ich weiss, wer
sie zerstört.»
(Stanislaw J. Lec)

A.: «Willst du noch weiter träumen, lieber Z.?»
Z.: «Ja, ich brauche noch etwas Zeit.»

Z.: «Ich sehe den Flüchtling Rousseau auf der St. Petersinsel, Herbst 1765, sitzend in einem Kahn, der langsam auf den See hinaustreibt. Dämmerung. Lange Baumschatten im Wasser. Rousseau träumt über die noch helle Fläche, er kann den Übergang vom Wasser in den Himmel nicht ausmachen, die Elemente sind zu Dunst geworden. – Später schreibt Rousseau über diesen Augenblick: ‹J’aurais voulu, que ce lac eût été l’Océan.› Das ist die Sehnsucht des Flüchtlings und Naturmenschen nach Unbegrenztheit und Unendlichkeit. Das ist Religion.»

Und die Schulkinder am Bach? Sie wollten nichts anderes als das Paradies. Sie möchten im Garten Eden spielen, an den Büschen und Tümpeln.

Die Lust am Leben! Mit diesem Ziel vor Augen, mit dieser Vision – sie zu Interessierten, zu Kämpferinnen für die kranke Natur machen, das wollte ich. Habe ich mein Problem zu ihrem gemacht? Nein. Die beschädigte Natur ist nicht mein einziges Anliegen. Aber es ist da. Und es i s t ernst. «In der Schweiz kannst du alles sagen, aber niemand hört zu.» (Friedrich Dürrenmatt)

Das hiess: meinen Unterricht anders, sehr anders gestalten. Den Erfahrungen der Kinder von Bach und Bäumen recht geben, den Fächerkanon infrage stellen. Sinnvolle Lernorte wählen, diese ausprobieren, Gegebenheiten nicht unbesehen akzeptieren, Gleichgesinnte finden, auf die Gelegenheit zu Nadelstichen gegen alles Festgefahrene warten, unruhig bleiben und für Unruhe sorgen. Dinge jedenfalls, die den Kindern auch Spass machen könnten.

Z. schwieg.
Dann meinte er: «Auch scheitern wäre eine Möglichkeit ge­wesen.»
A. fragte: «Bist du gescheitert?»
Z.: «Ja.»
Stille.
«Der grosse Wurf ist mir nicht gelungen, habe mich überfordert, habe zurückstecken müssen und habe … nein, ich muss nicht alles wiedererzählen!»

Z. (für sich): Einiges habe ich erreicht mit meiner Arbeit – mein Wille ist nicht gebrochen, resigniert habe ich auch nicht, die Schülerinnen und Schüler nicht verloren, die Eltern sind meine Freunde geworden. Diese Eltern! Frauen und Männer der Berge, Mütter und Väter, auf eine wunderbare Weise fatalistisch. Sie wussten aus Erfahrung, dass Wachstum Zeit braucht und dass Entwicklung, wenn man sie steuern will, nicht in die gewünschte Richtung geht. Einer hat gesagt: Wers fühlt, weiss es besser.

Die Leute vom Tal lächelten nur, wenn andere behaupteten, in dieser seltsamen Schule lerne man wohl nicht viel, der Z. sei im Sommer ja nur draussen mit der Klasse. Die Angesprochenen liessen sich nicht provozieren, sagten nur: Das sind wir ja ebenfalls, beruflich. Und wenn wieder andere krähten, im Winter spiele der Z. ja nur Theater mit den Kindern, dann grinsten die Eingeweihten: Das tun wir ja auch.

Es stimmte. Ich verbrachte nicht nur mit den Kindern, sondern auch mit Erwachsenen/Eltern sehr viel Zeit auf der Schulhausbühne. Die Bühne als Treffpunkt für das Elterntheater. Die Schulbehörden? Wenn es keine ernsthaften Beschwerden gab, schwiegen sie.

Als zwei meiner Schülerinnen ohne Prüfung ins Lehrerinnenseminar übertraten, horchte man auf.

Ein Glücksfall waren die Schulinspektoren. Der eine mochte Mehrklassenschulen, der andere ebenfalls. «Lasst ihn machen», sagte er. Der dritte lakonisch: «Die haben im Tal ihre eigenen Gesetze.»

«Und die Kollegen?», wollte A. wissen.
Z. lachte: «Sag du doch auch mal etwas!»

Z.: Als meine Amtszeit zu Ende ging, machte ich mir vermehrt Gedanken über meine Kindheit. Die Reise von Asien, wo ich geboren wurde, über die Ozeane nach Europa. Die Ankunft in der Schweiz: ein Schock. Eisige Schneelandschaft. Die Bise – das erste Wort, das ich mir merken konnte – nahm mir den Atem in dieser weissen, starren Welt. Das Schulhaus auf der Anhöhe, klein und zerbrechlich, wurde fast umgerissen vom Sturm. Eine Gesamtschule, wie ich später erfuhr.

Die Wärme und der gute Geruch des Feuers drangen aus dem Raum, wo die Pulte standen. Ein Mädchen, viel älter als ich, zog mir Mantel und Schuhe aus. Der Zimmerboden knarrte. Ein Mann, den sie Alfred nannten und der buschige Augenbrauen hatte, gab mir die Hand und sah mich lange, aber freundlich an, mich, den «Schweizer Flüchtling».

Durch Alfred, den Lehrer, kam ich erstmals mit der grossen europäischen Kultur in Berührung. Alfred spielte mit fliegenden Händen auf dem Harmonium, dazu sang er und pumpte mit den Füssen Töne aus dem Kasten. Ich schauderte. «Wer reitet so spät durch Nacht und Wind…» – ich ahnte, worum es ging. Alfreds Stimme zitterte. Unvergessliche Klänge, während draussen die Schneeflocken immer noch wirbelten. Es war ein langer, strenger Winter und ich knapp neunjährig.

In einem einzigen Jahr, so meine Mutter, hatte ich drei Schuljahre absolviert. Der asiatische Dialekt, den ich fliessend mit meinen «Räuberfreunden» – wie meine Mutter sie liebevoll nannte – gesprochen hatte, war weg, ins Bodenlose versunken. Wie ich Deutsch in allen Schattierungen lernte, weiss ich nicht mehr. Und auch vom Französisch schnappte ich manches auf, ich war wie ein trockener Schwamm, im «Vorbeigang» wurde ich zum «Schwarzlerner», «klaute» Wörter, Sätze, Geschichten, Redewendungen, Rechenoperationen, Witze. Das machte mir Freude, ich lernte gerne bei Alfred. Und so wurde ich eines Tages Lehrer – und einige Zeit später erwachsen.

Z. liess einmal mehr seinen Stift sinken.
A. sah ihn an.
Er nickte.
Ja, wir sind e i n e Person: WIR.
Und immer suchen WIR nach Schulen, die uns nicht das Leben klauen.
Die Ohren sausen: Es sind die Bäume und das Wasser.

Das geht ans Herz.

(Der Bund)

(Erstellt: 21.03.2017, 21:36 Uhr)

Sigi Amstutz liest am Finale des Essaypreises. (Bild: Adrian Moser)

Artikel zum Thema

Per aspera ad astra

Eine Art Meister spricht zu uns und treibt uns zu Eigenständigkeit und Selbsterkenntnis an. Von der Lebensschule wird viel geredet, sie so treffend zu beschreiben wie dieser Essay: das ist hohe Schule. Lesen sie den 2.-platzierten Text. Mehr...

Die Utopie, das bin ich!

Nahaufnahme von «Bildungsfernen»: Der Monolog einer engagierten , aber auch von Zweifeln geplagten Lehrerin beleuchtet schonungslos eine pädagogische Realität in Integrationsklassen. Lesen Sie den 3.-platzierten Text. Mehr...

Schulbericht zuhanden der Inspektorenkonferenz

Der in Bolligen lebende Sigi Amstutz gewinnt den 11. «Der Bund»-Essay-Wettbewerb mit seinem Text «Überhör keinen Baum und kein Wasser», in dem er seinen reichen pädagogischen Erfahrungsschatz ausbreitet. Mehr...

Dossiers

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Pizarro muss passen

Sweet Home Achtung, es wird üppig

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Schlacht mit weichen Waffen: Die Studenten der St.-Andrews-Universität sprühen sich am traditionellen «Raisin Weekend» voll mit Schaum. (23. Oktober 2017)
(Bild: Russell Cheyne) Mehr...