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Corona in den USATrump will Social Distancing beenden

Donald Trump wird ungeduldig. Er möchte seine «beste Wirtschaft aller Zeiten» zurückhaben. Schon melden sich ältere Amerikaner, die dafür zu sterben bereit sind.

US-Präsident Donald Trump prophezeit volle Kirchen am Ostersonntag.
US-Präsident Donald Trump prophezeit volle Kirchen am Ostersonntag.
Foto: Sarah Silbiger/Keystone

Es juckt ihn, den Hasardeur und ehemaligen Besitzer von Spielcasinos. Am Ostersonntag soll es passieren, denn «Ostern ist ein besonderer Tag für mich». Weshalb Donald Trump an Ostern die Amerikaner aus ihrer Corona-Vereinsamung herausführen möchte wie einst Moses die Israeliten aus Ägypten. «Die Kirchen werden voll sein», prophezeite der Präsident mit Blick auf den Ostersonntag, wenn die Nation dem Virus den Stinkefinger zeigen soll.

So zumindest schwebt es Trump derzeit vor. Er will die amerikanische Wirtschaft retten, denn der Erreger droht sie in Grund und Boden zu rammen. Arbeitslosigkeit von 30 Prozent, Rückgang des Sozialprodukts um ein Drittel, Suizide und anderweitig am Boden zerstörte Bürger wären die Folge, glaubt Trump. Social Distancing soll zurückgefahren werden, nur in Hochrisikogebieten wie New York, New Orleans und Los Angeles würden weiterhin Einsamkeit und Leere herrschen.

Zum Opfergang bereit

Seit mindestens einer Woche wird es Trump von konservativen Beratern und Freunden aus Finanz und Wirtschaft eingeflüstert: Unternehmen und Geschäfte müssen wieder in Gang kommen, gesunde Amerikaner an die Arbeit. Denn sieben Monate vor der Präsidentschaftswahl will der Präsident seine «beste Wirtschaft aller Zeiten» wieder zurückhaben. Kein zweiter Herbert Hoover möchte er sein, kein Loser wie sein republikanischer Vorgänger, den die Wähler in der Grossen Depression 1932 aus dem Amt jagten.

Schon gibt es geriatrische Freiwillige, die bereit sind, für Trump und das Wohl der Nation zu sterben. Als Erster hatte sich Dan Patrick, der 70-jährige stellvertretende Gouverneur von Texas, zum Opfergang bereit erklärt. Gehe es darum, das Überleben zu riskieren, damit der amerikanische Traum auch für Kinder und Enkel noch existiere, «dann bin ich voll dabei», erklärte Patrick am Montag bei Fox News.

Die wirtschaftliche Zukunft des Landes sei wichtiger als das Leben von Grosseltern und überhaupt Menschen vorgerückten Alters, wollte Patrick sagen. Er bestätigte damit die Beobachtung des Amerikareisenden Alexis de Tocqueville vor nahezu zwei Jahrhunderten. «Es ist etwas Heldenhaftes an der Art und Weise, wie die Amerikaner Geschäfte machen», hatte der Franzose bewundernd geschrieben.

Sogar wenn wir krank werden, möchte ich lieber sterben, als das Land umzubringen.

Glenn Beck, TV-Impresario

Nun also drängen Helden wie Patrick oder der konservative TV-Impresario Glenn Beck an die Front. «Sogar wenn wir krank werden, möchte ich lieber sterben, als das Land umzubringen, denn es ist nicht einfach die Wirtschaft, die hier stirbt, es ist das Land», sagte Beck in seiner Show.

2009 hatte Beck gegen die Einführung von Obamacare mit der Begründung argumentiert, die Reform des Gesundheitswesens werde unweigerlich zu «Todesgremien» führen. Diese würden über Leben und Tod älterer Amerikaner entscheiden. «Wir sind da für die Alten, das Leben ist wertvoll in unserem Land», hatte Beck damals gesagt. Aber das war damals, als Donald Trump noch ein Hotelier und sonst nichts war.

Rettung oder Katastrophe

Inzwischen sitzt Trump im Weissen Haus, und irgendwann muss die amerikanische Wirtschaft tatsächlich wieder anspringen. Warum also nicht stufenweise bald damit beginnen? Gelingt es, wird Donald Trump als Retter des Vaterlandes und seiner Werktätigen im Januar 2021 abermals ins Weisse Haus einziehen. Womöglich führte eine verfrühte Aufhebung sozialer Isolation jedoch zu einer medizinischen Katastrophe. Zumal sich das Virus nach einer Pause im Herbst zurückmelden und Trumps «bester Wirtschaft aller Zeiten» neuerlich den Garaus machen könnte.

Experten wie Dr. Anthony Fauci, der Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten bei den National Institutes of Health, halten Trumps volle Ostergottesdienste für immens gefährlich. Wahrscheinlich werden sie deshalb nicht stattfinden. Trotzdem wird der Präsident, ungeduldig und stets risikobereit, immer lauter darauf drängen, möglichst schnell zur Tagesordnung überzugehen. Stillsitzen ist seine Sache nicht.