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Forderung nach MaskenpflichtTrotz Kritik: Kanton Bern hält an Corona-Strategie fest

Eine Epidemiologin und Vertreter von Risikopersonen fordern eine Maskenpflicht in Berner Läden. Der Kanton hält jedoch an seiner Einschätzung fest: Diese sei noch nicht nötig.

Im Kanton Zürich sind Masken beim Einkaufen bereits Pflicht. Im Kanton Bern braucht es derzeit hingegen keine Maske in Läden und öffentlichen Räumen.
Im Kanton Zürich sind Masken beim Einkaufen bereits Pflicht. Im Kanton Bern braucht es derzeit hingegen keine Maske in Läden und öffentlichen Räumen.
Foto: Dominique Meienberg

Bisher hat sich der Kanton Bern gemessen an den Fallzahlen relativ gut durch die Corona-Pandemie manövriert. In den letzten Wochen ist die Zahl der Fälle allerdings gestiegen. Die Situation nähert sich denn auch der Situation im Kanton Zürich an – wo bereits eine weitgehende Maskenpflicht gilt. (Lesen Sie hier mehr zur Corona-Situation im Kanton Bern)

Im «Bund»-Interview vom Mittwoch äusserte Nicola Low, Epidemiologin an der Universität Bern, Kritik an der Einschätzung des Kantons. Sie fordert eine Maskenpflicht in öffentlich zugänglichen Räumen sowie Läden und rät, auf Grossveranstaltungen vorerst zu verzichten.

Nicht nur die Expertin fordert härtere Massnahmen. «Uns erreichen immer wieder Rückmeldungen von Personen und Organisationen, die striktere Regeln fordern», sagt der Sprecher der bernischen Gesundheitsdirektion, Gundekar Giebel. Dies seien vor allem Vereinigungen oder Verbände, welche mit gefährdeten Personen Kontakt hätten oder diese verträten. Forderungen, die Massnahmen zu lockern, seien hingegen bisher nie direkt an den Kanton herangetragen worden.

Trotz diesen Rückmeldungen will der Kanton seine Strategie vorerst nicht ändern. So reagiert der Kanton auf die Kritik der Epidemiologin Low:

Der Kanton Bern hätte längst eine Maskenpflicht einführen müssen

«Es bräuchte auch längst eine Maskenpflicht in Läden und an anderen öffentlichen Orten, wo Abstände nicht eingehalten werden können», sagt Low. Die Auslastung der Spitäler sei kein gutes Kriterium für eine Maskenpflicht – weil es bei einer stärkeren Auslastung schon zu spät sei.

Laut Giebel teilt der Kanton Bern diese Einschätzung nicht. Die Zahlen aus dem Contact-Tracing zeigten, dass es in den letzten beiden Wochen beim Einkaufen zu keinen Ansteckungen gekommen sei – zumindest bei jenen Infektionen, bei denen der Ansteckungsort bekannt sei. Allerdings wisse man bei einem Drittel der Ansteckungen nicht, wo sie passiert sind.

Zudem müssten die Spitäler im Kanton Bern in der aktuellen Situation ein Drittel der verfügbaren Beatmungsplätze zwingend für mögliche Corona-Patienten freihalten – das entspricht derzeit total 33 Plätzen. Im Notfall kann die Zahl der insgesamt im Kanton verfügbaren Beatmungsplätze aufgestockt werden. Deshalb sei man auch auf einen raschen Anstieg von schweren Fällen vorbereitet, so Giebel.

Die kantonsweite Verteilung des Virus ist gefährlich

«Laut Behörden ist es zu begrüssen, dass es noch keine Corona-Hotspots im Kanton gibt. Für mich sind das aber keine guten News», sagt Low. Es sei einfacher, das Virus einzudämmen, wenn es nur punktuell auftrete.

Die Zahlen in den einzelnen Gemeinden seien tief, so Giebel. Wenn es eine Häufung gebe, handle es sich meist um Freundeskreise oder Familien – nach einem kurzen Anstieg würden sich solche Quasi-Hotspots schnell wieder abkühlen. Dass sich das Virus über das ganze Kantonsgebiet verbreite, sei der Preis für die wiedergewonnene Mobilität nach dem Lockdown.

Die Einschätzung von Low sei nachvollziehbar, so Giebel: «Es wäre sicher einfacher, wenn man einfach ein einzelnes Quartier abriegeln könnte, aber das Virus kennt ja keine Grenzen.» Zudem wäre eine solche Massnahme nur schwierig umzusetzen, wie das Beispiel Madrid zeige.

Für Grossveranstaltungen ist es zu früh

Ab 1. Oktober sind Grossveranstaltungen bei entsprechenden Sicherheitskonzepten wieder möglich. Sie persönlich hätte diese Lockerung nicht empfohlen, sagt Epidemiologin Low. Sie verstehe das Bedürfnis nach solchen Anlässen – «für mich lohnt sich aber das Risiko nicht».

Wenn man nun grössere Anlässe erlaube, vollziehe man die Vorgaben des Bundesamtes für Gesundheit, so Giebel. Die Ausgestaltung der Sicherheitsmassnahmen liege in der Hand der Kantone. «Hier gehen wir weiter als andere Kantone», sagt Giebel – etwa mit einer Maskenpflicht, die generell gilt und nicht nur bei Eishockey- und Fussballspielen, wie es das BAG vorgebe. Für die Arbeit des Contact-Tracing sei diese Massnahme sehr wichtig, denn dadurch würden die möglichen Ansteckungsorte reduziert.

Gewerbe trägt Strategie mit

Die Mitglieder des kantonalen Gewerbeverbandes wären von einer allfälligen Maskenpflicht in Läden und öffentlich zugänglichen Räumen stark betroffen. Zur bisherigen Arbeit des Kantons in der Corona-Pandemie sagt der Chef des Verbandes, Christoph Erb: Der Kanton gehe bislang verantwortungsbewusst mit seinen Möglichkeiten um.

«Eine Maskenpflicht wäre immer noch besser als ein zweiter Lockdown.»

Christoph Erb, kantonaler Gewerbeverband

Wenn die Zahlen wieder stiegen, hätte der Verband aber durchaus Verständnis für eine Maskenpflicht. «Das wäre immer noch besser als ein zweiter Lockdown.» Allerdings sagt Erb: «Unsere Mitglieder haben die Situation im Griff.» Man setze die Empfehlungen der jeweiligen Branchenverbände um und sorge so für genügend Abstand unter den Kunden. «Bis jetzt fehlen aber Anhaltspunkte für ein hohes Ansteckungsrisiko in Läden.»

Neutrale Gewerkschaft

Auf Arbeitnehmerseite gehen die Meinungen auseinander, wie Stefan Wüthrich von der Berner Sektion der Gewerkschaft Unia sagt. Es gebe Stimmen, die stärkeren Schutz forderten – aber genauso gebe es auch Mitarbeitende, die sich nicht vorstellen könnten, den ganzen Tag mit einer Maske zu arbeiten.

Die Unia selbst vertritt keine Position in der Maskendiskussion: «Wir können und wollen solche medizinischen und epidemiologischen Fragen nicht beurteilen.» Das Wichtigste sei aber der Schutz der Arbeitnehmer. Zu Beginn der ersten Lockerungen habe die Unia oft intervenieren müssen, weil Betriebe die Schutzbestimmungen ungenügend umgesetzt hätten. Das habe sich nun aber deutlich beruhigt.

25 Kommentare
    St.W.

    Die Fallzahlen steigen stetig an im Kanton Bern. Das Berner Volk wird angelogen was die versprochenen Massnahmen betrifft. Man werde darauf reagieren sobald die Fallzahlen steigen und einen konstanten Level erreicht haben. Der Level ist schon lange erreicht, es passiert jedoch nichts! Hier wird bewusst mit Menschenleben gespielt liebe Berner Regierung bzw. Kantonsarztamt! Die folgenden schweren Erkrankungen und Todesfälle gehen auf ihr Konto, ich könnte so nicht mehr ruhig schlafen. Die Verantwortung müssen SIE tragen, aber man sieht, es ist IHNEN egal. Es kann nicht sein, dass hier zumindest für Einkaufsläden keine Maskenpflicht eingeführt wird! Wachen Sie endlich auf, der Kanton Fribourg hat wohl mittlerweile die Lage im Griff dank Maskenpflicht, der Kanton Bern hat die Lage leider nicht mehr im Griff!