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Die Lage am ArbeitsmarktTriste Zahlen, aber der Trend ist positiv

Die jüngsten Daten zeugen noch immer von der schweren Krise, die das Land im laufenden Jahr erfasst hat. Doch sie zeigen auch Entwicklungen, die Mut machen.

Noch immer ist die Arbeitslosigkeit in der Schweiz sehr viel höher als im Vorjahr: Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) in Zürich.
Noch immer ist die Arbeitslosigkeit in der Schweiz sehr viel höher als im Vorjahr: Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) in Zürich.
Foto: Dominique Meienberg

Fast 150’000 Personen waren im September offiziell als arbeitslos gemeldet. Über 50’000 mehr als noch vor einem Jahr. Die Zunahme im Jahresvergleich zeigt den anhaltenden Schaden, den die Corona-Krise der Schweizer Wirtschaft im laufenden Jahr zugefügt hat. Immerhin gibt die Entwicklung viel Grund zur Hoffnung. «Die Tendenz ist positiv», sagt Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), nach der Präsentation der jüngsten Zahlen.

Vor allem hat die Arbeitslosigkeit jüngst nicht mehr zugenommen. Da sie gewöhnlich verzögert auf die Krise reagiert, ist das im aktuellen Krisenjahr ein sehr gutes Zeichen. Die Zahl der Arbeitslosen hat absolut sogar den tiefsten Stand seit dem Höhepunkt der Krise im Mai erreicht.

Auch die Arbeitslosenquote liegt mit 3,2 Prozent zwar noch immer sehr viel höher als im September 2019; damals belief sie sich bloss auf 2,1 Prozent. Doch erstens war das Vorjahr ein positives Ausnahmejahr für den Schweizer Arbeitsmarkt, und zweitens ist die Quote seit dem August immerhin um 0,1 Prozent zurückgegangen, was 2550 Beschäftigten entspricht.

Noch bis im August angestiegen ist allerdings die Jugendarbeitslosigkeit. Im September ging sie jetzt wieder zurück. Dass die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen stärker und länger angestiegen ist, erklärt sich Boris Zürcher damit, dass Jugendliche auf den Arbeitsmärkten überdurchschnittlich mobil sind: Eher als andere kündigen sie ihre Stelle, auch wenn sie noch keine neue gefunden haben.

In gewöhnlichen Zeiten stellt das kein Problem dar, weil die Jobs für sie vorhanden sind. «Diesmal aber standen sie angesichts der Lockdown und der Kurzarbeitsregeln buchstäblich vor verschlossenen Türen», sagt Zürcher. Unternehmen mit Kurzarbeit dürfen keine Neuanstellung vornehmen, was auch für Jugendliche und Lehrabgänger gilt. So kam es vorübergehend dazu, dass sich bei den Bewerbungen von Jugendlichen ein Stau bildete, was deren Arbeitslosigkeit ansteigen liess.

Aber auch hier ist der Trend positiv. «Wenn sich die Lage verbessert, sind es die Jugendlichen, die am schnellsten wieder Jobs finden», sagt der oberste Arbeitsamtschef. Mit Blick auf die übliche Dynamik an den Arbeitsmärkten gebe es gute Gründe für die Hoffnung, dass sich die Jugendarbeitslosigkeit im Jahresverlauf weiter zurückbildet. Als «nicht dramatisch» beurteilt Zürcher auch die Situation für Jugendliche, die eine Lehrstelle suchen. Vielleicht könne nicht jede und jeder den Traumjob finden, aber allein der demografische Trend kommt ihnen entgegen.

Während es vor zehn Jahren noch zu wenige Lehrstellen für alle Interessierten gab, hat sich das schon in den letzten Jahren gekehrt. Angesichts immer weniger Jugendlicher konnten nicht mehr alle Lehrstellen besetzt werden. Auch jetzt sei die Lage bei weitem nicht so schlimm, wie das zuweilen dargestellt werde, sagt Zürcher.

Hohe Zahl offener Stellen

Die für den gesamten Arbeitsmarkt erhöhte Dynamik zeigt sich auch daran, dass die Zahl der «Abgänge», also jener Personen, die sich nicht mehr als arbeitslos meldeten, im September mit fast 37’000 Personen den höchsten Wert im laufenden Jahr erreichte. Weil die Zugänge geringer ausgefallen sind, sank die Arbeitslosigkeit.

«Der Arbeitsmarkt in der Schweiz kann Arbeitslose wieder sehr viel besser absorbieren.»

Boris Zürcher, Leiter der Direktion des Seco

«Der Arbeitsmarkt in der Schweiz kann Arbeitslose wieder sehr viel besser absorbieren», resümiert Boris Zürcher. Einen Hinweis darauf liefert auch die Zahl der gemeldeten offenen Stellen, die im September mit knapp 35’000 nicht dramatisch unter den 38’000 des glänzenden Vorjahres liegen.

Eine Normalisierung zeichnet sich auch bei der Kurzarbeit ab. Nicht nur weil deren Anwendung deutlich zurückgegangen ist, sondern weil sie wieder für jene Branchen ins Zentrum rückt, für die sie traditionell gedacht war: die Maschinen- und Elektro- und aktuell auch die Uhrenindustrie. Das widerspiegelt auch den Umstand, dass die Schwierigkeiten im internationalen wirtschaftlichen Kontext im Vergleich zu den Covid-bedingten Ausfällen in der Schweiz wieder stärker in den Fokus gelangen.

Wie Boris Zürcher allerdings deutlich macht, sind wir trotz dem aktuell positiven Trend noch weit von einer wirklichen Normalität am Arbeitsmarkt entfernt, und je nach der weiteren Entwicklung der Covid-Ausbreitung kann sich die Lage auch wieder deutlich verschlimmern. Aber aus den Zahlen vom September ergeben sich weiterhin keine Hinweise auf Entlassungs- oder Konkurswellen, wie das noch vor kurzem befürchtet werden musste.

15 Kommentare
    Martin Cesna

    Das Ganze ist eigentlich eine organisierte Belästigung der Personalverantwortlichen:

    - Auch Sozialhilfe-Empfänger müssen Bewerbungen auf Inserate schreiben.

    - Leute, die Ergänzungsleistungen beziehen, müssen auch entsprechend Bewerbungen vorweisen.

    Diese zwei Gruppen sind realiter chancenlos auf dem aktuellen Arbeitsmarkt. Hier geht es demnach nur um Beschäftigungstherapie für die Altpapiersammlung.

    - Auch Langzeitarbeitslose werden heute kaum mehr angestellt. Sie gelten als "entwöhnt".

    - Die ü50er sind versicherungstechnisch zu teuer, da die Pensionskassen da mehr Beiträge sehen wollen, ergo chancenlos.

    Hier wäre es Sache des Staates, diesen massenweisen Leerlauf zu beenden und sich klar zu werden, dass diese Gruppen auf dem aktuellen Arbeitsmarkt chancenlos sind.

    Manchmal werden Ausnahmen genannt, die aber nur die Realität bestätigen.

    P.S. auch die Reintegration aus der IV-Rente ist so eine "Luftnummer" ohne

    Realität.