Traum mit Leiter

Die Berner Luc Jaggi und Florian Jampen haben sich im Wald ein Baumhaus gebaut, das zum Geschäftsmodell werden soll.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn der Steinzeitmensch sich an Leib und Leben bedroht fühlte, hatte er zwei Möglichkeiten: Er verkroch sich in eine Höhle oder kletterte auf einen Baum. Ein Hauch von Abenteuer, ein Gefühl von Sicherheit – das spüren Kinder noch heute, wenn sie eine Leiter hochsteigen, eine Klappe oder Luke öffnen und dann in das Innere eines Baumhauses klettern. Die Gefahr zieht vorüber.

Luc Jaggi beschreibt den archaischen Tatbestand des Rückzugs so: «Wenn die Tür zugeht, kann einen niemand mehr stören.» Der 20-jährige Schreiner, der diesen Sommer die Berufsmatur geschafft hat, ist in Grossaffoltern bei Lyss aufgewachsen, in einem Einfamilienhausquartier am Waldrand. Mit seinen Freunden spielte er vornehmlich draussen. Ein Garten war vorhanden, auch ein Baum in der erforderlichen Grösse. «Ein Baumhaus war ein Traum meiner Kindheit», sagt er. «Hier ist man nicht dem Willen anderer ausgesetzt, hier kann man sein eigenes Reich gestalten.» Es ist auch eine eigene Heimat, die den Kindern Freiheit verheisst. Ein pensionierter Schreiner half ihm, seinen Bubentraum zu verwirklichen. So kam er zu einem Baumhaus, auch wenn seine Eltern nicht mit dem nötigen handwerklichen Geschick gesegnet waren.

In der Lehre als Schreiner kam der richtige Moment, im Rahmen der Vertiefungsarbeit selber ein Baumhaus zu entwerfen und zu bauen. Nun steht das Baumhaus nicht weit vom Waldrand entfernt auf einer Tanne. Oder wurde es auf dem Baum errichtet? An dessen Stamm befestigt? Oder hängt es etwa daran? Die Wortwahl kann offen bleiben. Auf jeden Fall geht der Stamm der Tanne mitten durch den rund zwei mal zwei Meter grossen Raum und kommt durch das Dach wieder heraus. Schlicht sieht es aus und einfach. Mit dem vielräumigen Baum-Penthouse der nach einem Schiffsunglück gestrandeten Schweizer Familie Robinson von Walt Disney kann es sich nicht messen. Auf den Boden gestellt, sähe es wohl nicht besonders beeindruckend aus. Aber die Höhe schafft einen eigenen Zauber.

Kindern einen Traum erfüllen

Auch Florian Jampen zog es oft nach draussen. Zeltlager aufbauen mit der Jungschar, Seile und Stricke zu einer Brücke zwischen Felsen oder Bäumen zusammenknoten, Wachttürme zusammenzimmern, zuerst als Kind, dann als Leiter. «Der Wald übt eine starke Anziehungskraft aus, ich bin sehr mit der Natur verbunden», sagt der 21-Jährige, der in Huttwil wohnt und kürzlich den Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaft an der Universität Bern bestanden hat. Das seien «coole Erfahrungen» gewesen. Sie waren auch wichtig für seine persönliche Entwicklung, denn als Leiter übernahm er auch viel Verantwortung, weil die Eltern ihm ihre Kinder anvertrauten. Luc Jaggi lernte er an einem Wochenende für Start-ups kennen.

Start-up? Ja, genau. Nachdem sich Luc Jaggi und Florian Jampen getroffen hatten, blieben sie in Kontakt. Lucs Traum vom Baumhaus begann sich zur Plattform für ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Die beiden fanden: Der Traum vom eigenen Baumhaus soll für Kinder nicht unerfüllt bleiben, nur weil bei den Eltern weder Zeit noch Fachwissen zum Bau vorhanden ist. Mit ihrer Idee meinbaumhaus.ch gewannen sie im letzten Jahr am Berner Business Creation Wettbewerb eine Auszeichnung. «Wir wollen nicht nur einen Kindertraum erfüllen, sondern auch die Eltern entlasten», sagt Jampen.

Sicherheit geht vor

Wenn Bart Simpson in der Comicserie in seine Baumhütte steigt, kümmert sich niemand um Sicherheitsfragen und allfällige Haftungsansprüche. Und es geschehen immer zu Halloween in den «Baumhaus des Schreckens»-Episoden die gruseligsten Dinge. Zombies, Vampire, Mumien, Ausserirdische: Alles, was die Unterhaltungsindustrie aufbieten kann, erhält einen Auftritt und bringt Springfield, den Wohnort der Simpsons, an den Rand des Abgrunds.

«Hier ist man nicht dem Willen anderer ausgesetzt, hier kann man sein eigenes Reich gestalten.»


Luc Jaggi

Für die Geschäftsidee von Luc Jaggi und Florian Jampen wären solche Schreckensszenarien nicht förderlich. Darum haben die beiden jungen Männer sich auch um die Sicherheit gekümmert. Es war zum Beispiel gar nicht einfach, die Zusage des Försters zu bekommen. Das ging eigentlich nur, weil das Projekt im Rahmen von Jaggis Schreinerlehre realisiert wurde. Das Waldgesetz sei sehr strikt, erklärt Jaggi. Bauten, die nicht der Pflege oder der Förderung des Waldes dienten, seien nicht gestattet. Zudem gebe es dann keine Kontrolle darüber, wer das Baumhaus schliesslich benütze: Ein Kind könnte aus dem Fenster stürzen oder die Leiter hinunterfallen. Wegen solcher Haftungsfragen ist das Baumhaus in Grossaffoltern abgeschlossen. Einfacher ist es, ein Baumhaus auf einem privaten Grundstück zu bauen. Unbeheizte Kleinbauten mit einer Fläche von bis zu 10 Quadratmetern benötigen im Kanton Bern grundsätzlich keine Baubewilligung.

Mit grosser Energie sind die beiden Freunde jetzt daran, die Technik gegenüber einem herkömmlichen Baumhaus zu verbessern und zu verfeinern. Die Holzkonstruktion ruht nicht, wie man es sonst oft sieht, auf einem Eisenreifen. Die Stützen stehen schräg vom Stamm ab und sind mit einem Drahtseil festgebunden, das an das Wachstum des Baums angepasst werden kann. Bei einem Eisenreifen werde nicht selten der Baum beschädigt, sagt Jaggi. Es bildet sich eine Art Taille oder verengte Stelle. «Mit unserer Methode dagegen wird der Baum nicht verletzt.»

Ganz billig ist es nicht

Ausserdem muss der Stamm des Baums nicht unbedingt mitten durch den Raum gehen wie beim Prototyp in Grossaffoltern. Die Stützen sind verstellbar, sodass sie unterschiedliche Winkel bilden können. Der Stamm kann deshalb auch durch eine Ecke des Hauses führen, dann bleibt für die Benützerinnen und Benützer mehr Platz. Der Boden kann ausnivelliert werden. Auch Marktforschung betreiben die beiden. Sie stellten sich in einen Baumarkt und fragten die Kunden, wie viel Geld sie für ein Baumhaus auszugeben bereit wären. Die Antworten lagen nicht unbedingt innerhalb der Preisvorstellungen von Jampen und Jaggi. Denn das Haus kostet mit Montage um die 6000 Franken. «Vielleicht könnten wir auch einen Bausatz anbieten», sagt Jampen.

Aber eine Nachfrage besteht durchaus. Im August werde man in Watt, Kanton Zürich, ein Baumhaus aufstellen. In der Gemeinde Schüpfen ist sogar bereits Geld für ein Baumhaus reserviert. Und es gibt weitere Anfragen. «Wir schauen, wie sich die Sache entwickelt», sagt Luc Jaggi. Er kümmert sich um den Bau. Florian Jampen übernimmt Korrespondenz und Marketing. Falls es nicht klappt wie erhofft: Vielleicht hilft ein Nachmittag im Baumhaus, am besten wenn der Regen auf das Holzdach prasselt. Fliegen einem da, weg vom Alltag, umgeben von Erinnerungen, die Geistesblitze nicht nur so zu? (Der Bund)

Erstellt: 26.07.2018, 06:44 Uhr

«Bund»-Sommerserie

Die Welt mag aus den Fugen sein. Auch die Schweiz ist nicht immer so, wie es wünschbar wäre. Doch es gibt den Ort, an dem man sich wohlfühlt, der einem ein Stück Heimat ist. Menschen aus dem Kanton Bern zeigen uns einen Ort, den sie besonders mögen. Und sie sagen, weshalb sie dieses Refugium niemals aufgeben würden.

Grossaffoltern in Zahlen

Wer beim Namen der Gemeinde an Affen denkt, befindet sich auf dem Holzweg. Der Name leitet sich vielmehr vom althochdeutschen Wort für Apfelbaum ab. Grossaffoltern zählt gut 3000 Einwohner und Einwohnerinnen, weist eine Steueranlage von 1,74 auf und besteht aus zahlreichen Dörfern. Die SBB-Station befindet sich in Suberg im Tal zwischen Lyss und Schüpfen.

Mit Läden ist die Gemeinde nicht reich gesegnet, auch die Post ist geschlossen, die Gemeindeverwaltung kümmert sich nun auch um Postgeschäfte. Dafür gibt es noch mehrere Beizen und gleich zwei Motorradgeschäfte. Grossaffoltern ist landwirtschaftlich geprägt und hat eine lange historische Vergangenheit. So befinden sich zahlreiche Grabhügel aus keltischer Zeit auf dem Gebiet der Gemeinde.

Artikel zum Thema

«Weder abgeschottet noch einsam»

Arthur und Katharina Elmer haben sich im Emmental ein gemütliches Refugium eingerichtet. Ihre sechs Kinder schult die freikirchliche Familie zu Hause. Mehr...

Von Bern nach Rostock – und zurück

Nico Cadonau verbringt mehr Zeit in seinem Lastwagen als in seiner Wohnung. In seinem Job erkundet er Strassen, Werkhallen und Festgelände. Unterwegs mit einem Fernfahrer. Mehr...

Säntis und Stockhorn im Einklang

Seit 30 Jahren singt Albert Koller im Appenzellerchörli Bern. Er fühlt sich im Kanton Bern zu Hause und trägt doch im Herzen die Appenzeller Kultur. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...