Zum Hauptinhalt springen

Erzählung über eine Beziehung Toma kommt bald

Das Berner Lesefest Aprillen entfällt wegen der Corona-Krise. Der «Bund» bringt die brachliegenden Texte. – Folge 7: Leta Semadeni mit einem nächtlichen Gedankenflug.

Leta Semadeni schreibt Lyrik und Prosa auf Deutsch und Romanisch und übersetzt ihre Texte selbst in beide Sprachen.
Leta Semadeni schreibt Lyrik und Prosa auf Deutsch und Romanisch und übersetzt ihre Texte selbst in beide Sprachen.
Foto: Luzi RTR

Auf dem Bildschirm lief ein alter Film: In einem ganz in Dämmerung getauchten Zimmer sass eine junge Frau mit einem hellen, porenlosen Teint am Fussende ihres riesigen Bettes. Die Fremde trug ein weisses Kleid, das fast so aussah, wie jenes, das Mara am Silvesterabend ihres 18. Lebensjahres getragen hatte. Ihre Mutter hatte es lange aufbewahrt, hatte es reinigen lassen, und kurz vor ihrem Tod hatte sie es Mara noch einmal geschenkt. Es hing jetzt im Schrank. Es roch nicht mehr nach ihm.

Auch von der nächsten Begegnung an einem See im darauffolgenden Sommer war nicht viel geblieben, aber genug, um alles zu sein.

Irgendwann im Laufe des Einnachtens hatte sein Arm schwer seitwärts auf ihrem Bauch gelegen. Der Mond hatte sich nur ganz kurz zwischen den Wolken gezeigt, und dabei war ihr Blick auf die offen daliegende Innenseite seines Handgelenks gefallen: Die blasse Haut schimmerte wie die Innenseite einer Muschel. Später war draussen auf dem Wasser ein hell erleuchtetes Schiff vorbeigeschwebt, und der Wind hatte die Klänge eines Ohrwurms ans Ufer herübergeweht.

Jetzt, da sie alt wurde, konnte Mara verstehen, warum in anderen Kulturen die Toten in Weiss gekleidet wurden. Das Bedürfnis nach Licht wuchs ins Unermessliche.

In jener Nacht hatte Toma ihr erzählt, irgendwo auf einer fernen Insel gäbe es Menschen, die den Traum als Teil der Erfahrungen eines menschlichen Wesens verstünden. Träumte jemand von einem Stern und erzählte am nächsten Morgen von seinem Traum, so galt er von nun an als Wissender in Sachen Stern. Er habe einmal, hatte er hinzugefügt, vom Grossen Bären geträumt. Es war das Sternbild, das die Sommersprossen auf ihrem linken Unterarm bildeten.

Unterdessen war das Wort ENDE auf dem Bildschirm zu sehen. Mara stellte den Fernseher ab und blieb noch eine Weile am Fenster stehen. Draussen auf der Wiese war Frühling. Es war wieder Frühling, und über der Bergkette schwebte ein einsames Wölkchen.

Die Mutter hatte ihr das Kleid damals für den Silvesterball gekauft, ein Kleid aus schneeweissen Spitzen. Nie wieder hatte sie ein so schönes, ein so helles Kleid getragen. Jetzt, da sie alt wurde, konnte Mara verstehen, warum in anderen Kulturen die Toten in Weiss gekleidet wurden. Das Bedürfnis nach Licht wuchs ins Unermessliche, je dunkler es in ihr und um sie herum wurde.

Selten war es möglich, dachte Mara, als sie kurz darauf in der Küche stand, einen Augenblick seiner Zeit zu entreissen. Nur im Winter war die Zeit manchmal leicht eingefroren. Die Tage blieben dann hie und da im Haus stehen und liessen das Draussen unbeachtet vorbeigehen, während die Stunden sich drinnen ausdehnten und wuchsen bis in die jungen Nächte hinein, die nach Aufbruch rochen, nach Frühlingswiese und nach Tomas Apfel, den er sich schnappte, jedes Mal, wenn er von einem Abendspaziergang zurückkam.

Oft aber endeten solche Zeitausflüge in einem Traum-Labyrinth, und es war schwer, am nächsten Morgen den Ausgang wieder zu finden. Trotzdem verirrte sich Mara gern in diesen Gefilden, wo die Wolken kleinere oder grössere Löcher bildeten, um den Mond vorbeizulassen, der immer einen Ausweg aus den beleuchteten Korridoren dieser Labyrinthe versprach.

Toma war der pulsierende Stern solcher Nächte. Irgendwie gelang es ihnen, den irdischen Dingen eine grosse Ruhe zu verleihen, eine Art Stillstand, die Mara mit jedem Mal vertrauter wurde und dadurch das Vergehen der Zeit für sie erträglicher machte.

Mara blickte hinüber auf die andere Seite des Tales. Um diese Jahreszeit kam einem die Landschaft entgegen; Bäume und Büsche plusterten sich auf, rückten immer näher, dick eingepackt in ihr wucherndes Blätterwerk. Seltsam, im Winter trotzten sie ganz nackt der Kälte, und wenn die Temperaturen stiegen, wenn auf den Wiesen und an den Hängen nur noch wenige Schneezungen lagen, zogen sie sich an – ganz im Gegensatz zu den Menschen. Langsam senkte sich die Dämmerung aufs Haus. Gerade lief draussen die Katze über die Strasse, und im gleichen Moment ging die Strassenlampe an. Der Tiger trat in den Lichtkreis und setzte sich hin.

Mara verliess ihren Platz am Fenster und begann, wie jeden Abend, den Tisch für zwei zu decken und die Fruchtschale im Eingang mit frischen Äpfeln zu füllen. Bald würde Toma eintreffen, er hatte versprochen, spätestens um acht da zu sein.

Leta Semadeni schreibt Lyrik und Prosa auf Deutsch und Romanisch und übersetzt ihre Texte selbst in beide Sprachen. Ihr Roman «Tamangur» wurde mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.