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«Das ist der Super-GAU»

Karsten Ritter-Lang hat Patienten eine fehlerhafte Bandscheibe entfernt, die zwei Schweizer mitentwickelt haben. Er ist fassungslos.

«Wie ein zerbröselter Radiergummi»: Chirurg Karsten Ritter-Lang über die fehlerhafte Bandscheibe. Video: NDR/WDR

Karsten Ritter-Lang deutet auf das Loch, das sich schattenhaft auf dem MRI-Bild abzeichnet. Es sieht aus wie ein Auge. Die Aufnahme zeigt die ramponierte Wirbelsäule des Affen mit der Nummer 18062. Er war einer von fünf Versuchstieren, denen 2008 ein Prototyp der Prothese Cadisc-L implantiert worden war. Das Implantat verursachte bei gegen 90 Patienten europaweit gravierende Probleme. Zwei Schweizer Professoren haben bei der Entwicklung mitgewirkt (wir berichteten).

Die Affen-Studie dokumentiert, was die Prothesen in den ersten sechs Monaten mit Wirbelsäulen machen. Bei Pavian Nummer 18062 bildete sich ein Teil der umliegenden Wirbelknochen zurück. «Das ist ganz übel», sagt der Orthopäde und lehnt sich so weit zurück, wie es ihm sein Lederstuhl nur erlaubt.

Eindeutiger Befund

Ritter-Lang, Brille, das Hemd aufgeknöpft, sitzt in seiner Praxis in der Nähe von Berlin. Links steht die Behandlungsliege, vor ihm auf dem Tisch ein Laptop. Auf dem Bildschirm schimmern die Bilder. Ritter-Lang klickt durch die Studie, gibt knappe Kommentare ab: Flüssigkeits­signale, entzündungsähnliche Reaktionen, Knochenverlust. Nichts davon sollte eine Rückenprothese hervorrufen. Zwar sehen nicht alle Wirbelsäulen so schlimm aus wie die von Affe Nummer 18062.

Aber für Ritter-Lang (55) sind die Befunde so eindeutig wie die Konsequenzen, die sich aus ihnen hätten ergeben müssen: «Die Prothese wird im Körper nicht sicher integriert.» Es entstehe keine stabile Verbindung zwischen Knochen und Prothesenoberfläche. So etwas darf keinem Menschen eingesetzt werden. Laut Dokumenten von Ranier Technology aus dem Jahr 2014, wurden aber Cadisc-L Implantate insgesamt 194 Mal eingesetzt. Mindestens sieben Implantate wurden bei Patienten in der Schweiz eingesetzt. In Deutschland haben Ritter-Lang und seine Kollegen bisher 70 Prothesen wieder herausgeholt, die letzte vor einem Monat.

«Man hätte auch ein Stück Holz implantieren können – die Bilder wären dieselben.»

Karsten Ritter-Lang, Orthopäde

Auf einem zweiten Laptop zeigt der Chirurg andere Abzüge. Diese Wirbelsäulen gehören zu Patienten. Auch sie weisen ­Löcher auf: «Die Bilder sind im Grunde analog», sagt Ritter-Lang. Deswegen wirkt der Arzt auch nicht besonders überrascht, als er die Studie sieht. Eher wie ein Historiker, der für eine ohnehin schon schlüssige Theorie den finalen Beleg findet. Es sei «erschreckend», dass nach solch löchrigen Ergebnissen im Tierversuch, eine Prothese später die Zulassung bekommen habe. Andererseits hatte er von Anfang an erhebliche Zweifel, dass die Konstruktion der Cadisc-L funktioniert.

Video – «Die Hölle auf Erden»

Andreas Rode litt grosse Qualen, als sich das von zwei Schweizer Professoren entwickelte Implantat zersetzte. (Video: NDR, WDR)

«Die Studie bestätigt das, was ich und andere vermutet haben», sagt er. Zwar nimmt sie nicht alle Komplikationen vorweg: Zum Beispiel, dass die Kerne im ­Protheseninneren kaputtgehen könnten. Teilweise seien die Kerne an den Rändern aufgebrochen und Material sei in den Rückenmarkskanal «eingestülpt», beschreibt der Chirurg das, was er bei den Operationen vorfand.

Die Bilder aus der Affenstudie zeigten, «dass um die Prothese herum Reaktionen auftreten, die wir dann später bei den Patienten genauso erlebt haben», sagt der Chirurg. Es komme immer mal wieder vor, dass es Probleme mit Implantaten gebe und man sie rausnehmen müsse. «Aber so ein generalisiertes ­Versagen einer Prothese habe ich in meiner Berufslaufbahn noch nicht erlebt. Das ist schlichtweg der Super-GAU», sagt Karsten Ritter-Lang.

Alle Probleme habe man mit der Affenstudie nicht vorhersagen können. Dafür sei der Beobachtungszeitraum zu kurz, sagt der Arzt. Die Studie zeige aber eindeutig, dass die Prothesen nicht einheilen. Jemand, der sich mit der Materie auskenne, hätte dies erkennen und sofort Bedenken äussern müssen, findet Ritter-Lang: «Man hätte auch ein Stück Holz implantieren können – die Bilder wären dieselben.»

In Zusammenarbeit mit der BBC, der Süddeutschen Zeitung und NDR.

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