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Folge des AusgehverbotsTessiner Pensionäre kaufen in Uri ein

Einkaufstourismus in Corona-Zeiten: Über 65-Jährige aus dem Tessin fahren durch den Gotthard, um ungestört ihre Einkäufe tätigen zu können.

Schnell am Ziel dank nahezu leeren Autobahnen: Etliche Senioren aus dem Tessin fahren nach Uri, um dort zu shoppen.
Schnell am Ziel dank nahezu leeren Autobahnen: Etliche Senioren aus dem Tessin fahren nach Uri, um dort zu shoppen.
Foto: Pascal Mora (Keystone)

Die Tessiner Regierung hat ihre rigorosen Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus um zwei Wochen verlängert, bis zum 13. April. Teil dieses Pakets ist das vielerorts umstrittene Ausgehverbot für über 65-Jährige. Es würden zwar keine Bussen verteilt, betonte der Tessiner Regierungspräsident Christian Vitta letzten Freitag. Aber es gelte der Grundsatz, dass Menschen über dieser Alterslimite nicht einkaufen gehen sollten.

Breite Einkaufspalette

Die Aussicht auf weitere zwei Wochen Ausgehverbot hatte Folgen. «Wir haben festgestellt, dass insbesondere am Samstag vermehrt ältere Tessiner in den Kanton Uri kamen, um hier einzukaufen,» sagt der Urner Polizeikommandant Reto Pfister. Von Bellinzona ist man in gut einer Stunde mit dem Auto in Erstfeld oder Altdorf, wo es eine breite Palette von Einkaufsmöglichkeiten gibt, von Grossverteilern wie Coop, Migros, Aldi, Lidl bis hin zu einem Landi und regionalen Detaillisten.

«Wenn einige Tessiner ausserhalb ihres Kantons einkaufen, ist das der aberwitzigen Altersgrenze geschuldet.»

Pierre Rusconi, ehemaliger Tessiner SVP-Nationalrat

Man könne diese Art von Tourismus nicht verhindern, da eine rechtliche Handhabe fehle, betont Pfister: «Aber es ist schon nicht im Sinn und Geist der Pandemiemassnahmen, wenn jetzt pensionierte Tessiner in Nachbarkantone ausschwärmen, um ihre Einkäufe zu tätigen.» Der ehemalige SVP-Nationalrat Pierre Rusconi verteidigt seine Tessiner Mitbürger: «Wenn einige Tessiner ausserhalb ihres Kantons einkaufen, ist das der aberwitzigen Altersgrenze geschuldet.» Diese sei illegal und nicht vereinbar mit der Bundesverfassung, die Diskriminierungen aufgrund des Alters verbiete, sagt der 70-Jährige.

Er nimmt einen Vorschlag des Immunologen Beda Stadler auf: Demnach sollte man den über 65-Jährigen ein eigenes Zeitfenster von 8 bis 10 Uhr zuweisen. Während dieser zwei Stunden solle es ihnen vorbehalten sein, Einkäufe zu tätigen. In anderen Ländern sind exklusive Shoppingzeiten für Seniorinnen und Senioren bereits üblich. So bietet etwa die Supermarktkette Iceland den über 65-Jährigen in Nordirland ein solches Zeitfenster an. In Australien dürfen von 7 bis 8 Uhr nur über 60-Jährige und Menschen mit Behinderung die Woolworth-Filialen besuchen.

Kontrollen an Ostern

Die Urner und die Tessiner Polizei orientieren am Dienstagnachmittag über die geplanten Informations- und Kontrollmassnahmen sowie deren Umsetzung. Eine Schliessung des Gotthard-Strassentunnels dürfte kein Thema sein. Für einen solchen Schritt war auch das vergangene Wochenende laut dem Urner Polizeikommandanten zu ruhig: «Die A2 war fast wie ausgestorben, es war kein Druck in den Süden feststellbar.» Er schätzt das Verkehrsaufkommen auf rund 20 Prozent eines normalen Palmsonntags. Zudem machte Bundesrat Alain Berset letzte Woche mit aller Deutlichkeit klar, dass eine Sperrung nicht infrage komme.