Terroranschlag auf Marokkos Herz

Das Attentat auf Marrakeschs berühmten und beliebten Platz Djemma el Fna wirkt wie ein Fanal. Bremst es auch den Reformeifer des Königs?

Von Oliver Meiler, Rom Sie haben jenen Ort gewählt, der auf jeder Liste möglicher Attentatsziele in Marokko an erster Stelle stand – immer schon: Djemma el Fna. Kein Platz Nordafrikas übt mehr exotische Suggestiv-kraft und mehr pulsierende Anziehung aus auf seine vielen Besucher aus der ganzen Welt als diese grosse Esplanade im Herzen von Marrakesch, im Süden des Landes (siehe Text unten). Mindestens 15 Menschen – zwölf Touristen und 3 Marokkaner – kamen um, als ein mutmasslicher Attentäter am Donnerstag zur Mittagszeit, 11.50 Uhr, im ersten Stock des beliebten Cafés Argana, der einen erhabenen Blick über den Platz bietet, einen mächtigen Sprengsatz zündete. Der Platz war zum Zeitpunkt des Anschlags voll mit Menschen, die Panik danach gross. Im unmittelbaren Nachgang zur Explosion glaubten die Behörden an einen Unfall. Mehrere Gasflaschen des Cafés waren explodiert. Doch dann verdichteten sich die Hinweise auf einen jungen Mann, der das Lokal mit einem Rucksack betreten hatte, einen Softdrink bestellte und das Restaurant offenbar wieder verliess, bevor seine Bestellung eingetroffen war. Laut einer anderen Version soll es sich beim Attentäter um einen Selbstmordattentäter gehandelt haben. Die Ärzte im Spital fanden Eisenstücke und Nägel im Fleisch der Opfer, was ebenfalls auf eine Bombe hinwies. Mehr Informationen zu den Hintergründen und zur möglichen Täterschaft gab es aber zunächst nicht. Nur so viel: Die Tat, so glauben die Ermittler, sei von langer Hand geplant worden. Gebrochene Garantie Für Marokko war es das folgenschwerste Attentat seit jener Serie von Selbstmordanschlägen in der Wirtschaftsmetropole Casablanca am 16. Mai 2003 – unter anderem auf ein Nobelhotel, auf eine jüdische Versammlungsstätte und auf das spanische Kulturzentrum. 45 Personen wurden damals getötet, inklusive 13 Attentätern, die man einer salafistischen Gruppierung mit loser Verbindung zu al-Qaida zurechnete. Für den jungen König Mohammed VI., der erst vier Jahre davor an die Macht gelangt war, stellten die Anschläge die erste grosse Reifeprüfung dar – und für das Volk einen Schock. Marokko hatte bis dahin als Hafen der Ruhe gegolten. Man erklärte sich die Ruhe damit, dass der König als Oberhaupt der Gläubigen eine Art Garantie gegen extremistische und terroristische Tendenzen bilde. Weiter hiess es immer, die beiden grossen islamistischen Organisationen im Land – die moderate, im Parlament vertretene Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung und die konservativere, ausserparlamentarische Bewegung für Gerechtigkeit und Wohlfahrt – würden das politisch-religiös motivierte Protestpotenzial im Volk genügend kanalisieren.Es war ein Trugschluss, das Bollwerk wirkte nicht – oder nicht mehr. Mohammed VI. reagierte damals mit Härte, liess viele mutmassliche Islamisten und Mitläufer festnehmen. Er ging dabei auch recht summarisch vor, was ihm Kritik eintrug. Für acht Jahre blieb Marokko von Anschlägen verschont. Vor zehn Tagen begnadigte der König nun 190 politische Gefangene, viele von ihnen Islamisten. Die Geste gehörte zu einer Reihe von Konzessionen an das Protestvolk, das unter dem Eindruck des revolutionären Windes in Tunesien und Ägypten bald auch in seinem Reich zu wachsen begonnen hatte. «M6» kündigte eine profunde Reform der Verfassung an, die, wenn sie denn tatsächlich umgesetzt würde, aus der absolutistischen eine konstitutionelle Monarchie machen würde. Mohammed VI. erntete dafür fast uneingeschränktes Lob. Eine Kommission ist schon an der Arbeit, bis zum Sommer soll der Entwurf der neuen Verfassung stehen. Wenn denn der Anschlag auf das Herz Marokkos den Reformeifer des Königs jetzt nicht jäh bremst und einen Vorwand bietet für eine Rückkehr zu breiter Repression. Für Marokko war es das folgenschwerste Attentat seit acht Jahren. Die Tat, so glauben die Ermittler, sei lange geplant worden. Menschenmenge vor dem Café Argana, in dem sich die gewaltige Explosion ereignet hatte. Foto: Youssef Boudlal (Reuters)

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