Tequila-Boom führt zum Kater

Edler Tequila und der ihm verwandte Mezcal sind gefragt. Die Exportzahlen haben sich in den letzten Jahren vervielfacht. Das hat Folgen für den Rohstoff – die Agaven.

Natur unter Druck: Ernte der populären Tequila-Agave in Mexiko.

Natur unter Druck: Ernte der populären Tequila-Agave in Mexiko.

(Bild: Getty Images)

Mischa Stünzi

In der Schweiz hat der Tequila den Ruf, Kopfschmerzen zu verursachen. Getrunken wird der mexikanische Agaven-Schnaps in der Regel als Shot in einem Schluck. Und weil dabei meistens ein billiges Destillat verwendet wird, müssen Zitrone und Salz den beissenden Geschmack übertönen.

Das könnte sich demnächst ändern. In der Heimat längst als hochwertig bekannt, erfreuen sich Tequila und der ihm verwandte Mezcal seit ein paar Jahren auch im Ausland steigender Beliebtheit – besonders in den USA. Die Agaven-Spirituosen geniessen dort nicht selten ein ähnliches Renommee wie Whisky und Rum. In den hippen Quartieren der US-Grossstädte eröffnen derzeit im Wochentakt Mezcal- und Tequila-Bars.

Gemäss der Regulierungsorganisation für Tequila, dem Consejo Regulador del Tequila, wurde letztes Jahr so viel vom Schnaps exportiert wie noch nie, seit 1995 mit der Datenerhebung begonnen wurde. Damals verliessen in einem Jahr 64,6 Millionen Liter Tequila Mexiko – 2016 waren es fast 200 Millionen Liter. Beim unbekannteren Verwandten, dem Mezcal, sieht die Nachfragesteigerung laut dessen Aufsichtsorganisation nicht weniger eindrücklich aus: 2011 wurden knapp 650'000 Liter Mezcal exportiert – letztes Jahr waren es über 2 Millionen Liter.

Einen Anhaltspunkt für die wachsende Nachfrage liefert auch der Finanzmarkt. Der Börsengang des wichtigsten Tequila-Unternehmens, Jose Cuervo, wurde im Februar achtfach überzeichnet. Die 15 Prozent des veräusserten Aktienkapitals waren den Anlegern knapp 1 Milliarde Dollar wert. Für einen ähnlichen Betrag verkaufte George Clooney seine Tequila-Firma Casamigos unlängst an den britischen Getränkeriesen Diageo. Dies nachdem er das Unternehmen erst vier Jahre zuvor zusammen mit seinem Freund Rande Gerber gegründet hatte.

Bauern intensivieren den Anbau

Der Boom, so willkommen er aus wirtschaftlicher Sicht für Mexiko ist, hat aber auch seine Schattenseite. Neben dem, dass die Tequila- und Mezcalproduktion ungemein viel Wasser benötigt und zu grossen Mengen Abfall führt, nimmt ironischerweise besonders der Rohstoff, die Agave, Schaden.

Mit der steigenden Nachfrage nach Tequila – er darf nur aus der bläulichen Agave tequilana Weber Azul gewonnen werden – wächst auch der Druck auf die Agavenbauern. 98 Prozent der Agavenbauern, so die NGO Tequila Interchange Project, hätten in den letzten Jahren und Jahrzehnten ihre Plantagenbewirtschaftung intensiviert. Das hat mehrere Folgen: So werden etwa immer mehr Unkrautvernichter und Pflanzenschutzmittel gespritzt.

Das aus mehreren Gründen: Einerseits gingen die traditionellen Methoden zur Schädlingsbekämpfung verloren, wie eine Untersuchung von Forschern der Universitäten von North Carolina und Guadalajara zeigt. So wurden etwa die Plantagen immer mehr zu Monokulturen, während früher zwischen die jungen Agaven oft noch andere Pflanzen gesetzt wurden, um ein ausgeglichenes Ökosystem zu schaffen.

Andererseits lassen die Bauern die Agaven sich nicht mehr auf natürlichem Weg vermehren. Dafür werden die Pflanzen geklont, was sie anfälliger für Krankheiten macht. Das hat auch zur Folge, dass Tiere wie Fledermäuse und Insekten, die sich aus der Agavenblüte ernähren, weniger Nahrung finden.

Beim Mezcal, der im Gegensatz zum Tequila weniger industriell und aus unterschiedlichen Agave-Arten hergestellt wird, ist das Problem ein anderes. Er wird nicht selten aus wilden Agaven gewonnen. Experten wie Megan Barnes, die in Washington eine Mezcal-Bar betreibt, äusserten gegenüber der «New York Times» die Befürchtung, dass die steigende Nachfrage nach dem rauchigen Schnaps zur Auslöschung ganzer Felder wilder Agaven führen könnte.

Produzenten denken um

Immerhin hat Mexiko die Probleme erkannt. Es gibt verschiedene Massnahmen, um Gegensteuer zu geben. Angefangen damit, dass die biologischen Abfälle kompostiert und nicht mehr verbrannt werden, bis zum Einsatz von Solarpanels. Eine koordinierte Anstrengung unternimmt nun der Consejo Regulador del Tequila zusammen mit der Umweltorganisation von Nobelpreisträger Mario Molina. Gemeinsam haben sie jüngst eine Strategie erarbeitet, um die Tequilaproduktion nachhaltiger zu machen.

Am Samstag hält Fernando Cano vom Consejo Regulador del Tequila im Rahmen der Veranstaltung «Viva México!» um 13.00 Uhr einen Vortrag zum Thema in der Unitobler in Bern (Raum F021).

Der Bund

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