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Alle fünf Tage ein ÜberfallTatort Tankstelle

Das Personal von Tankstellenshops ist besonders gefährdet, Opfer eines Raubüberfalls zu werden. Sicherheitstrainer Markus Atzenweiler schult Verkäuferinnen und Verkäufer, damit sie auf den Ernstfall vorbereitet sind.

In der Schulung werden Überfälle nachgespielt: Matteo Reutimann als Räuber und Blerim Tatari als Verkäufer.
In der Schulung werden Überfälle nachgespielt: Matteo Reutimann als Räuber und Blerim Tatari als Verkäufer.
Foto: Andrea Zahler

Angestellte von Tankstellen leben gefährlich: Alle fünf Tage wird in der Schweiz der Shop einer Tankstelle überfallen. Viele Verkäufer, vor allem Verkäuferinnen, sind sogar schon mehrmals Opfer eines bewaffneten, maskierten Räubers geworden. Verletzt werden sie dabei selten, aber: «So ein Raub ist ein äusserst brutales Delikt», sagt Markus Atzenweiler, ein solcher Überfall dürfe auf keinen Fall verharmlost werden, viele Opfer würden ein Leben lang darunter leiden.

Atzenweiler ist Präventionsberater und Sicherheitstrainer, seine Firma Your Power in Winterthur bietet unter anderem Schulungen für das Personal von Tankstellenshops an. Damit es weiss, wie es im Ernstfall reagieren soll, denn: «Wer nicht vorbereitet ist, ist verloren.» Fast ein Vierteljahrhundert war der 63-Jährige für die Kantonspolizei Zürich im Einsatz. Er hat einen Bankräuber auf der Flucht gestellt, aber auch erlebt, wie der Posthalter im zürcherischen Knonau bei einem Überfall im Jahr 1985 erschossen wurde.

Für Schwangere ist der Kurs zu stressig

2002 hat sich Atzenweiler selbstständig gemacht, nicht zuletzt deshalb, weil er die damaligen polizeilichen Präventionsmethoden für «etwas verstaubt» hielt. Heute beschäftigt er 17 Mitarbeiter, Your Power ist in allen Sprachregionen tätig, 10’000 Personen werden jährlich auf Sicherheit getrimmt, darunter etwa 2000 Angestellte von Tankstellen. Einige der grossen Treibstoffunternehmen zählen zu seinen Kunden, 240 Franken pro Mitarbeiter zahlen sie für den Tageskurs. Gut investiertes Geld, sagt Atzenweiler: «Eine trainierte Verkäuferin verarbeitet den Überfall schneller, steht bald wieder auf der Matte.»

In jedem Kurs treffe er auf Frauen, die bereits einmal überfallen worden sind, diese müssten im Training besonders behutsam mit Tatwaffen konfrontiert werden, «sonst kommt alles wieder hoch». Schwangere Frauen und solche, die im vergangenen halben Jahr einen Angriff erlitten hätten, sollten die Ausbildung nicht besuchen, «zu viel Stress für die einen, die Gefahr einer Retraumatisierung für die anderen», sagt Atzenweiler.

Sicherheitsprofi Markus Atzenweiler: «Eine trainierte Verkäuferin verarbeitet den Überfall schneller, steht bald wieder auf der Matte.»
Sicherheitsprofi Markus Atzenweiler: «Eine trainierte Verkäuferin verarbeitet den Überfall schneller, steht bald wieder auf der Matte.»
Fpto: Andrea Zahler

Die Sicherheitstrainings werden in einem Gebäude auf dem einstigen Sulzer-Werkgelände durchgeführt, auf mehreren Etagen sind «Übungslandschaften» aufgebaut: eine Bankfiliale, ein Geldtransporter, ein Zugabteil, eine Busstation. Eine Verkaufstheke samt Kasse steht für den Tankstellenshop. Matteo Reutimann und Blerim Tatari stehen bereit, die beiden jungen Mitarbeiter werden als Räuber und Verkäufer einen Auftritt haben.

1872 Raubüberfälle sind 2019 in der Schweiz verübt worden, mit Abstand am meisten davon auf der Strasse, gefolgt von Tankstellen, Banken und Bijouterien. Seit einigen Jahren sind Attacken auf Avia, BP oder Shell leicht rückläufig, auch weil die meisten Shops über Videoüberwachungssysteme, fernbediente Steuerungen der Eingangstür sowie eine überfallsichere Tresorlösung verfügen.

Viel Bargeld gibts nicht zu holen. Doch weil sie oft einsam und immer verkehrsgünstig liegen, also ideale Fluchtbedingungen bieten, sind Tankstellen bevorzugtes Ziel, um rasch an ein paar Hundert Franken zu kommen. Viele der Läden sind rund um die Uhr geöffnet, die meisten Überfälle passieren nachts und in den frühen Morgenstunden.

Gesucht: Räuberin mit auffällig violetten Schuhen

In Corona-Zeiten wurde die Tankstelle besonders oft zum Tatort. Fünfmal haben Kriminelle seit April allein in der Stadt Zürich zugeschlagen 2019 wurde in derselben Periode kein einziger solcher Vorfall gemeldet. Die Täter werden als junge Männer mit Kapuzenpulli, Trainerhose, Mütze oder Sturmhaube beschrieben und mit Schal um Mund und Nase, eine Maskierung, die während der Pandemie weniger auffällt. Meist wurde das Personal mit einer Stichwaffe bedroht, eine Verkäuferin wurde leicht an der Hand verletzt, eine andere erlitt einen Schock. Fast immer waren Frauen an der Kasse; sie alle kehrten an den gefährlichen Arbeitsort zurück. Öffentlich darüber sprechen möchten die Opfer nicht, alle Anfragen gingen ins Leere. Wohl auch, weil die Treibstoffunternehmen kein Interesse daran haben: Man wolle allfällige Täter nicht auf Ideen bringen, so Shell Switzerland.

Auf die Frage, ob die gesuchten Täter gefasst werden konnten, gibt sich Marco Cortesi, Leiter Mediendienst der Stadtpolizei Zürich, bedeckt: «Einen Tankstellenräuber dingfest zu machen, ist nicht unmöglich es dauert aber sicher länger als in einem Tatort-Krimi.» Über das Täterprofil wird keine Statistik geführt; was Cortesi aber mit Sicherheit sagen kann: «Täterinnen sind sehr selten.» Aber nicht ausgeschlossen: Am Abend des 11. April wurde der Verkäufer der BP-Tankstelle in Zürich-Leimbach von einer jungen Frau – «südländischer Typ» – mit einer Faustfeuerwaffe bedroht. Die Räuberin trug «auffällig violette Schuhe».

Markus Atzenweiler zeigt einen kurzen Film: Otto Schäfer, besser bekannt als «der Panzerknacker», spricht in die Kamera. Schwer bewaffnet hat Schäfer in den 1990er-Jahren in Deutschland mit Raubüberfällen Millionen erbeutet. Der Panzerknacker wirkt nett, sagt: «Ich bin gegen Gewalt. Die Androhung von Gewalt ist bloss Mittel zum Zweck, die Waffe bloss ein Bluff.» Der Film soll der Verkäuferin vermitteln, dass hinter dem Täter ein normaler Mensch steckt, das mache ihn berechenbar, erklärt Atzenweiler. Denn, und das sei zentral: «Der Täter will dem Verkaufspersonal primär nicht schaden, er will vor allem das Geld.»

Und das soll er bekommen. Nicht wie früher, als die Angestellten gar nicht oder falsch auf solch gefährliche Situationen vorbereitet wurden. Damals hiess es: «Versuchen Sie, Zeit zu gewinnen. Geben Sie erst die kleinen, dann die grossen Noten.» Damals, so Atzenweiler, sei vom Verkäufer erwartet worden, dass er quasi Widerstand leistet. In manch einer Bank sei eine Schusswaffe in der Kassenschublade gelegen.

Zigaretten und Rubbellose statt Bargeld

Pfefferspray? «Fertiger Blödsinn!», sagt Atzenweiler. Selbstverteidigung? «Lebensgefährlich!» Deeskalation, das sei das einzig richtige Mittel. Bloss nicht provozieren, und Hände weg von Alarmknöpfen, eine Eskalation wäre programmiert. Nicht flehen, nicht weinen, möglichst keine Angst zeigen, selbstsicher auftreten aber kooperativ. Die Botschaft: «Das Geld bekommst du, mich nicht.» Alle Anweisungen befolgen und nie lügen! Aber was dann, wenn wegen Corona kaum Bargeld in der Kasse liegt? «Alternativen bieten», so Atzenweiler, «Zigaretten oder Rubbellose.»

Action! Matteo (Räuber) und Blerim (Verkäufer) haben ihren Auftritt. Räuber stürmt herein, hält Verkäufer eine Pistole an den Kopf: «Will Geld!» Verkäufer weicht einen Schritt zurück, hebt langsam die Arme, Handflächen nach vorn, «okay», sagt er deutlich und nickt einmal. Er öffnet die Kasse, legt das Bargeld auf die Theke, weicht wieder einen Schritt zurück. Räuber: «Will mehr!» Verkäufer: «Okay», nicken, er öffnet auch das versteckte Kässeli, packt das Geld wie verlangt in einen Plastiksack. Räuber ist weg, Verkäufer drückt den Alarmknopf, wählt die Nummer 117, verriegelt den Shop, wartet auf die Spurensicherung.

Der Spuk ist vorbei, ein Überfall nach Lehrbuch. Jetzt, so Atzenweiler, sei die Polizei gefordert. Auch Polizisten lassen sich bei Your Power weiterbilden. Ihnen will Atzenweiler die Sicht des Opfers näher bringen, damit sie diesem mit gebührendem Respekt begegneten. Einige Polizisten könnten nicht nachempfinden, unter welch enormem Druck das Opfer steht, nicht selten könne es sich nicht einmal an die Tatwaffe erinnern.

Atzenweilers Tipp ans Personal: Merkt euch das Signalement von unten nach oben. Denn die Kappe, die Sonnenbrille, den Schal werde der Täter sofort ablegen, die Schuhe nicht. Und sein Rat an die Shopbetreiber: Pflegt den Kontakt zur Polizei, ladet sie zum Kaffee ein – denn ein Polizeiauto vor der Tankstelle ist die beste Prävention.