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Kachelmann-Prozess: Interview mit Rechtsprofessorin

Im Kachelmann-Prozess ist Sabine W. einem Vernehmungsmarathon ausgesetzt. Was dies für die 37-jährige Frau und den Ausgang des Prozesses bedeutet, erklärt die Zürcher Rechtsprofessorin Brigitte Tag.

Fast 20 Personen - Richter, Staatsanwälte, Gutachter und Verteidiger - befragen Sabine W. ausführlich während mehreren Tagen. Wie stark gefährdet diese ungewöhnliche Vernehmungssituation die Wahrheitssuche im Kachelmann-Prozess?Brigitte Tag: Diese Drucksituation spielt eine grosse Rolle. Denn die Bürde, die auf dem mutmasslichen Opfer lastet, alles «richtig» zu machen, ist immens. Auch kann die Autorität des Befragers und die Anzahl der Gutachter, die die Befragung beobachten, suggestive Wirkung haben. Auch wenn alle Beteiligten, namentlich das Gericht und die Gutachter dies wissen und mit in ihre Bewertung einstellen müssen, bleibt dennoch ein Beurteilungsspielraum, der letztlich nicht überprüfbar ist. Es gilt jedoch: Je häufiger jemand vernommen wird, umso besser kann man in der Regel seine Ausführungen einschätzten. Weichen die Aussagen im Laufe des Verfahrens voneinander ab, so kommt zumeist der Erstaussage unmittelbar nach der potenziellen Tat besondere Bedeutung zu. In diesem Zeitpunkt verfügt der Zeuge – wenn er nicht traumatisiert ist – noch über eine gute Erinnerung. Er erzählt in der Regel spontan und ausführlich und frei von Zwängen.

Wie beurteilen Sie das Risiko, dass Sabine W. - aus Überforderung, Übermüdung oder Unsicherheit - Aussagen macht, die sie in einer anderen Befragungssituation nicht machen würde? Das Risiko ist sehr hoch. Sie benötigt eine grosse Konzentration und mentale Stärke.

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