Interview: «Es wird mehr Anschlagsversuche geben»

Osama Bin Ladens Tod hat symbolische Bedeutung, al-Qaida lebt aber weiter, sagt der Terrorexperte Claude Moniquet. In naher Zukunft ist überall mit Terroranschlägen zu rechnen.

Monica Fahmy@fahmy07

Herr Moniquet, Osama Bin Laden ist tot, wie geht es weiter mit al-Qaida?
An der Bedeutung des salafistischen Jihad wird Bin Ladens Tod nichts ändern. Zwar ist sein Tod wichtig, weil er eine Symbolfigur und der Gründer al-Qaidas ist. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist al-Qaida zu einer Franchising-Organisation mit autonomen Einheiten in Pakistan, Afghanistan und etlichen weiteren Ländern geworden. Der Tod Bin Ladens wird nichts an der Motivation der Franchisenehmer ändern, im Gegenteil.

Muss man sich also in naher Zukunft auf mehr Terroranschläge gefasst machen?
Es wird mehr Anschlagsversuche geben, um Bin Laden zu rächen. Die Jihadisten vergessen nicht so schnell. Da sind einerseits die Organisationen, die Bin Laden mit einer Art Vasallen-Treueschwur verbunden sind. Die haben eine klare Verpflichtung, seinen Tod zu rächen. Dann gibt es die Sympathisanten, die wahrscheinlich versuchen werden, in der einen oder anderen Art, seinen Tod zu rächen, dazu aber nicht verpflichtet sind.

Wann dürften die Jihadisten zuschlagen und welches sind die wahrscheinlichsten Ziele?
Da der Jihad nicht zentralisiert ist, dürfte es rein zufällig sein, wann und wo sie zuschlagen. Ziele sind sicher in erster Linie US-amerikanische Einrichtungen, egal wo auf der Welt. Es könnte Anschläge gegen die Truppen in Afghanistan und Irak geben, gegen Botschaften, Geschäftsleute, humanitäre Missionen. Ebenso wichtig sind die US-Alliierten wie Frankreich, Grossbritannien, die Nato. Aber auch arabische Regimes, die als Helfer des Westens angesehen werden, wie etwa Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudiarabien, Katar und weitere nordafrikanische Länder.

Wer wird die Anschläge versuchen?
Zum Teil sind es Verdächtige, die den Nachrichtendiensten bekannt und daher einfacher zu überwachen sind. Es gibt aber auch das Phänomen des Homegrown Terrorism, frustrierte Jugendliche, die sich mit dem Jihad identifizieren, aber nicht Mitglieder einer Organisation sind. Sie stehen zum Teil mit Gleichgesinnten im Internet in Kontakt und sie warten auf eine Gelegenheit.

Wird Bin Ladens Nummer zwei, Ayman al-Zawahiri, sein Nachfolger?
Viele sagen, er sei sowieso die Nummer eins, und Bin Laden sei einfach die Symbolfigur al-Qaidas. Die Frage ist aber, ob al-Zawahiri das Charisma hat, um Bin Ladens Nachfolge als Symbol anzutreten. Dies werden diverse Al-Qaida-Führer entscheiden. Al-Zawahiri ist klar in der Poleposition, es gibt nicht viele, die so gut aufgestellt sind wie er. Ein heisser Anwärter ist auch der radikale Prediger Anwar al-Awlaki. Er wurde in Mexiko geboren, ist US-jemenitischer Doppelbürger und lebt im Jemen. Al-Awlakis Verdienst ist, dass er all den nicht Arabisch sprechenden Extremisten den Jihad nahegebracht hat. Würde er der neue Leader, würde al-Qaida zurück zur Quelle nach Jemen kehren.

Bin Laden wurde in Abottabad getötet, einer Stadt etwa eine Stunde von Islamabad entfernt. Dort befindet sich unter anderem eine Militärbasis und eine Militärakademie. Was wusste Pakistan, und was wusste der pakistanische Geheimdienst ISI?
Das ist die 10-Millionen-Dollar-Frage. Barack Obama hat sich zwar bei den Pakistanis für die Zusammenarbeit bedankt, aus anderen Quellen ist aber zu erfahren, dass die Pakistanis nicht vorab informiert wurden. Sie wurden es erst in letzter Minute und auch da soll noch verheimlicht worden sein, wer die Zielperson sei. Da war ein Misstrauen da. Die Militärakademie in Abottabad befindet sich 500 Meter von der Villa entfernt. Es war ein 1-Million-Dollar-Anwesen, ohne Telefon und Internet, in dem viele Leute verkehrten. Es hätte die Aufmerksamkeit wecken sollen, wie es schliesslich die Aufmerksamkeit der Amerikaner geweckt hat. Das wirft schon Fragen auf.

Die USA haben die Aktion allein durchgezogen, wie wird das in der arabischen Welt aufgenommen?
Man kann das nicht generalisieren, denn die arabische Welt ist sehr diversifiziert. Eine Minderheit sympathisiert mit al-Qaida ,und eine Minderheit kämpft für einen modernen Islam mit Freiheiten. Dazwischen ist eine grosse Masse, die wartet. Für viele ist allerdings der Tod Bin Ladens eine gute Nachricht. Man hat nicht vergessen, dass bei den Anschlägen al-Qaidas mehr Muslime als andere getötet wurden. Bin Laden war kein Freund. Bei einer Minderheit wird die Aktion allerdings die Wut auf alles Westliche steigern.

Die Nachricht vom Tod Bin Ladens kam für Obama zu einem guten Zeitpunkt.
Obama hat höchstwahrscheinlich die Wiederwahl gewonnen. Wie genau die Aktion ablief, werden wir aus Quellenschutz wahrscheinlich lange nicht erfahren. Seit August 2010 stand fest, dass Bin Laden nicht irgendwo in den Bergen ist, sondern in einer grösseren pakistanischen Stadt. Angesichts der Wichtigkeit des Ziels, wollte man wirklich erst zuschlagen, als es sicher war. Das ist den USA gelungen.

Was bedeutet Bin Ladens Tod generell für die arabische Revolution?
Al-Qaida und die arabische Revolution haben ja nichts miteinander zu tun, auch wenn al-Qaida einen gerne das Gegenteil glauben lassen würde. Durch die arabische Revolution wurde al-Qaida marginalisiert. Etliche Jugendliche, die sich sonst hätten radikalisieren lassen, wenden sich vom Terrorismus ab, weil sie nun eine Perspektive im Leben sehen.

Und was ist mit den Autokraten, die ihre Herrschaft dadurch rechtfertigen, dass sie ein Bollwerk gegen al-Qaida seien. Haben die nun Aufwind?
Die Haltung gegenüber den Autokraten ist zwiespältig, wie man es am Beispiel von Hosni Mubarak und Zine al-Abidine Ben Ali sieht. Erst waren sie «Freunde», nach deren Sturz wollte man sie nicht mehr kennen. Klar ist, dass wenn morgen freie Wahlen wären, Islamisten wie die Muslimbrüder Zuwachs erhalten würden, weil sie als einzige glaubwürdig gegen die Regime standen und sich humanitär engagiert haben. Andererseits ist es so, dass die Autokraten erst mit ihrer Gegenwart den Islamisten die Rechtfertigung geben.

DerBund.ch/Newsnet

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