Bildstrecke: Fukushima

Rund 700 Rettungsarbeiter versuchen tagtäglich, die Lage im Unfallreaktor von Fukushima in den Griff zu bekommen. In japanischen Medien haben sie nun ihren Alltag geschildert. Klar wird: Die Lohnbedingungen sind nicht für alle gleich.

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Jan Knüsel

Ursprünglich wurden sie als «die 50 Helden von Fukushima» bezeichnet. Inzwischen ist die Zahl der Rettungsarbeiter auf gut 700 angestiegen, wie die «Asahi Shimbun» berichtet. Angestellte des Atombetreibers Tepco und anderer Partnerfirmen wie Toshiba und Hitachi versuchen seit einem Monat, die Katastrophe in den Griff zu bekommen.

Noch kurz nach dem Reaktorunfall waren die Arbeitsbedingungen äusserst prekär. Fast zehn Tage hintereinander schufteten sie sich in ihren Schutzanzügen ab. Weil die Versorgung ins radioaktive Gebiet erschwert war, mussten sich die Rettungsarbeiter gemäss der «Mainichi Shimbun» mit zwei Mahlzeiten pro Tag zufriedengeben. Es gab Kekse, Büchsenessen und Gemüsesaft. Schlafen mussten sie auf dem Boden der Konferenzräume des Atomkraftwerkes.

Inzwischen hat sich die Lage etwas verbessert. So gibt es neu täglich drei Mahlzeiten pro Tag und einige Arbeiter können sich in Unterkünften ausserhalb des AKW-Geländes ausruhen. Inzwischen wurden die Aufgaben in Schichten aufgeteilt. Für die Arbeiter gibt es regelmässig zwei Ruhetage, an denen sie nach Hause gehen können.

215 Franken Tageslohn

In den Medien als mutig und unerschrocken bezeichnet, üben längst nicht alle Angestellten freiwillig ihre Arbeit auf dem radioaktiv verseuchten Gelände aus. «Ich wollte nicht hingehen. Hätte ich aber abgelehnt, wäre ich wohl entlassen worden», zitiert die «Asahi Shimbun» einen gut 40-jährigen Mann, der von einer Partnerfirma von Tepco zum AKW Fukushima I entsandt wurde.

Weniger als 20'000 Yen (215 Franken) Tageslohn erhält er für die lebensgefährliche Arbeit. «Ich habe gehört, dass andere Arbeiter mehrere Tausend Yen pro Stunde erhalten sollen. Wir arbeiten aber unter den gewöhnlichen Lohnbedingungen, weil meine Firma schon vor dem Unfall mit Tepco zusammenarbeitete.»

Tatsächlich berichtete die «Tokyo Shimbun» vor zwei Wochen, dass Reaktorbetreiber Tepco über eine Partnerfirma hohe Löhne offerierte. So soll der 27-jährige Ryuta Toda per Handynachricht von einem Freund, der im Unfallreaktor arbeitet, ein Angebot über 400'000 Yen (4280 Franken) pro Tag erhalten haben. Einem weiteren 50-jährigen Spezialist wurde ebenfalls ein «überdurchschnittlicher Lohn» angeboten. Tepco selbst wollte der «Tokyo Shimbun» keine der Zahlen bestätigen.

Sorge unter den Ehefrauen

Andere Rettungsarbeiter haben sich derweil freiwillig gemeldet. Die «Asahi Shimbun» schreibt von einer grossen Solidarität unter den Männern vor Ort. Gerade ältere Arbeiter und Kadermitglieder von Partnerunternehmen hätten sich an Stelle der jungen Mitarbeiter zur Verfügung gestellt.

Für die Ehefrauen der «Fukushima 700» wird die Katastrophenhilfe zur Geduldsprobe. Sie machen sich Sorgen über die Langzeitfolgen der Arbeit. So sind viele Rettungsarbeiter überzeugt, dass sie bereits eine erhöhte Strahlung abbekommen haben. Oft sehen sie ihre Ehemänner tagelang nicht mehr, wie die «Yomiuri Shimbun»berichtet. Andere würden wiederholt zu einem Einsatz im Unfallreaktor abberufen. Zu Hause erzählen sie ihren Frauen, wie sie Wasser vom Tsunami aus den AKW-Gebäuden abpumpten oder wie sie verstrahlte Fahrzeuge wuschen.

Der Rechstanwalt Astushi Suzuki rechnet in den nächsten Jahren mit einer Reihe von Klagen gegen Tepco und den Staat. Denn bei vielen Arbeitern würden sich erst nach vielen Jahren strahlungsbedingte Krankheitssymptome zeigen. Bislang mussten mindestens 19 Arbeiter wegen erhöhter Strahlung behandelt werden.

DerBund.ch/Newsnet

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