Wer trägt Schuld am Tod von Fabian?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum tragischen Schicksal eines übergewichtigen Kindes.

Die Schwester und die Mutter des Verstorbenen mit einer Trauermahlzeit für Fabian. Foto: Urs Jaudas

Die Schwester und die Mutter des Verstorbenen mit einer Trauermahlzeit für Fabian. Foto: Urs Jaudas

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Im «Tages-Anzeiger» vom vorletzten Samstag las ich den Artikel über «Den Jungen, der sich zu Tode ass». Trifft niemanden der Beteiligten auch nur eine moralische Schuld am Tod von Fabian? Damit meine ich: die Eltern, die Kesb, Psychologen, Psychiater, Heimleiter. Das Delegieren von Verantwortung war für Fabian tödlich. Oder liege ich da falsch?

L. M.

Lieber Herr M.

Ich weiss nicht, wie es zu diesem Ende kommen konnte, und daher auch nicht, ob Sie richtigliegen oder falsch. Zum einen, weil es sehr schwierig ist, aus der Distanz zu beurteilen, wer wann warum und mit welchem Ergebnis etwas falsch gemacht hat. Ich kenne, wie Sie, die Geschichte Fabians auch nur aus dem besagten Artikel. Ich kann aus dieser Entfernung weder jemandem die Schuld geben noch nehmen.

Wenn man den Artikel liest, gibt es freilich immer wieder Stellen, an denen man denkt: «Spätestens da hätte man doch . . .» Aber was hätte man eigentlich? Dass einer mal so richtig konsequent durchgreift, funktioniert vielleicht im Kino; im wirklichen Leben greift die Ruckzuck-Dirty-Harry-Methode des Einer-gegen-alle nicht. In der Rückschau sieht manches nach einer Kette von sich kausal bedingenden Ereignissen und Handlungen aus; mittendrin steht man eher ratlos da und kann nicht abschätzen, welche Folgen eine Handlung hat.

Anorektiker und Anorektikerinnen heilt man auch nicht dadurch, dass man ihnen die Barbiepuppen und Modeheftli wegnimmt und einen feinen Schweinebraten mit Klössen vorsetzt, damit ihnen die Hungerflausen vergehen. Man weiss nicht von Anfang an, ob ein Kind vielleicht bloss etwas moppelig ist und man es mit seiner Trostschokolade am besten in Ruhe lässt – oder ob sich hier der Beginn einer tödlich endenden Esssucht anbahnt.

Desgleichen endet auch nicht jede Diät eines Jugendlichen in einer Anorexie. Kann nicht vielleicht auch das Theater, das man ums Übergewicht macht, der Ausgangspunkt für eine Magersucht werden? Man weiss es nicht im Voraus. Vieles an Problemen in der Kindheit und frühen Jugend wächst sich aus; manchmal aber auch nicht. Bei einer Infektionskrankheit kann man einen Erreger isolieren und bekämpfen; bei einer – wie soll man es überhaupt nennen? – psychosozialen Abwärtsspirale der suchtartigen Selbst­zerstörung gibt es keine solche einzelne Ursache, die man anpacken könnte.

Es gibt daher auch keine All-in-one-Lösung, allenfalls hilfreiche und weniger hilfreiche Interventionen. Jede einzelne davon kann man durchaus kritisieren, ablehnen oder verwerflich finden – aber eben nicht von einer sicheren archimedischen Position aus.

Im Fall von Fabian kommt hinzu, dass er sich in vielem der Hilfe – oder was seine Mitmenschen darunter verstanden – widersetzte, weil er sie als Quälerei betrachtete. Über diesen Widerstand kann man sich nicht beliebig hinweg­setzen, sondern allenfalls punktuell.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 23:10 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

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