Ringparabel

Was mit uns geschieht, wenn wir mit unseren Daten bezahlen.

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In einer Bijouterie
Juwelier, Niko

Niko: Er ist wunderschön.

Juwelier: Ja, das ist er.

Niko: Meine Frau würde ausflippen.

Juwelier: Ich bin sicher, dass sie Freude hätte.

Niko: Wie viel kostet er?

Juwelier: 2300 Franken.

Niko: Ah . . . ja . . . Das kann ich mir nicht leisten.

Juwelier: Wir akzeptieren auch Bitcoins.

Niko: Davon habe ich leider keine.

Juwelier: Wir akzeptieren hier auch Daten. Haben Sie schon eine Datenkarte? Dann können Sie selbstverständlich mit Ihren Daten bezahlen.

Niko: Ich . . . ich . . . Wie viel würde der Ring denn kosten?

Juwelier: Was haben Sie für Daten im Angebot? Wir könnten ein grosses Paket schnüren aus Ihren Schrittzähldaten, Kaffeekonsum, Kalorienverbrauch, Hygieneritualen, Mobilitätsvorlieben, Schlafphasenrechner und Südfruchtverbrauch des letzten Jahres.

Niko: Südfruchtverbrauch?

Juwelier: Wir haben herausgefunden, dass Menschen, die viele exotische Früchte essen, auffällig viel Schmuck kaufen.

Niko: Ah ja?

Juwelier: Übrigens hat neben uns eben ein Gemüseladen eröffnet.

Niko: Ach.

Juwelier: Darf ich mal einen Blick auf Ihre Datenkarte werfen?

Niko: Nein . . . Das Paket ist mir zu gross. So viele Daten will ich nicht hergeben.

Juwelier: Dann geben Sie wenige, aber wertvolle Daten ab. Wie sieht es aus mit Ihren Beziehungsdaten, Aufenthaltsdaten und Medikamentendaten des letzten Jahres?

Niko: Ich weiss nicht . . .

Juwelier: Oder wir machen es ganz simpel, und sie geben mir nur Ihre Sexdaten. Aktivität, Vorlieben, Pornokonsum, Verhütungsmethoden. Dann dürfen Sie den Ring mitnehmen.

Niko: Ich . . . ich . . . Ich kann das nicht . . .

Juwelier: Mein Gott, ich will mir Ihre Daten doch gar nicht genauer anschauen, es ist doch nur für Ihren Vorteil, damit Sie immer besseren und schnelleren Zugang zu Ihren Vorlieben, Freunden, Berufschancen und Freizeitangeboten bekommen.

Niko: Nein, das meine ich nicht. Die Wahrheit ist, ich bin komplett «ausgedatet». Ich habe alle meine Daten schon mehrfach ausgegeben.

Juwelier: Sie sind ausgeschossen?

Niko: Ja.

Juwelier: Da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder Sie nehmen einen unserer Datenkredite, und Sie zahlen über die nächsten Monate laufend die Rechnungen mit den neu generierten Daten zurück.

Niko: Oder?

Juwelier: Oder aber . . .

Niko: Ja?

Juwelier: Wir nehmen seit Neuestem auch Fremddaten an.

Niko: Fremddaten?

Juwelier: Sie haben ja eine Frau. Haben Sie auch Kinder?

Niko: Zwei.

Juwelier: Na also. Spielverhalten, Farbvorlieben, Essverhalten, Wortschatz, Musikgeschmack, bevorzugte TV-Shows usw. So nah wie Sie kommt sonst keiner an die Kleinen ran, und jedes Handy kann inzwischen sensorisch auch die Daten der Mitbewohner erfassen. Wenn Sie mir die gesammelten Daten Ihrer Kinder bringen, dürfen Sie den Ring mitnehmen.

Niko: Meine Frau würde mich umbringen, wenn ich das mache.

Juwelier: Ihre Frau bringt Sie um, wenn Sie ihr nicht endlich eine grosse Aufmerksamkeit schenken.

Niko: Wie kommen Sie darauf?

Juwelier: Ihre Frau war letzte Woche bei uns, und ihre Beziehungsdaten zeigen, dass Ihre Frau sehr unglücklich und frustriert ist.

Niko: Wirklich?

Juwelier: Ja, was für den Markt aber nicht von Nachteil ist, im Gegenteil. Menschen mit sehr glücklichen oder sehr unglücklichen Beziehungen kaufen viel ein. Im mittleren Beziehungssektor ist die Kaufkraft eher klein. Für diese Gruppe müssen wir neue Anreize schaffen. Aber Ihre Frau gehört noch zu den sehr kaufkräftigen, also sehr unglücklichen Personen.

Niko: Wirklich?

Juwelier: Nehmen Sie nun den Ring?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2018, 19:33 Uhr

Laura de Weck

Die Autorin und Schauspielerin wechselt sich als Kolumnistin mit dem Politgeografen Michael Hermann und dem ehemaligen Preisüberwacher Rudolf Strahm ab.

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