Microsoft schwebt auf der Marihuana-Wolke

Als erster Technologiekonzern macht Microsoft aus der Freigabe von Cannabis ein Geschäft.

Hochprofessionelle Plantage mit medizinischem Marihuana in Ontario (Kanada). Foto: James MacDonald (Bloomberg)

Hochprofessionelle Plantage mit medizinischem Marihuana in Ontario (Kanada). Foto: James MacDonald (Bloomberg)

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Willie Nelson investiert ins Geschäft, Snoop Dogg tut es, und der frühere Radprofi Floyd Landis eröffnete Ende Juni in Colorado einen Marihuana-Laden. Nachdem er des Dopings überführt worden war, stellte Landis gegen seine chronischen Hüftschmerzen von Opiaten auf Marihuana um. Nun hofft er, genauso wie Microsoft vom erwarteten Boom profitieren zu können. Während Landis Cannabisöl aus den Höhenlagen in Colorado verkauft, vermarktet Microsoft die Internetwolke Azure. Der Konzern will den Bundesstaaten helfen, den Anbau, die Produktion und den Verkauf von Marihuana zu überwachen und sich die geschuldete «grüne Steuer» zu sichern.

Microsoft macht gemeinsame Sache mit dem Unternehmer David Dinenberg, der beim Immobiliencrash von 2007 sein Vermögen verlor und in Los Angeles einen Neuanfang wagte. Sein Plan war zunächst, den Marihuana-Unternehmern in Washington und Colorado, wo die erste völlige Freigabe beschlossen wurde, Startkapital zur Verfügung zu stellen. Traditionelle Banken geben keinen Kredit, da der Anbau und der Verkauf auf nationaler Ebene noch illegal sind. Selbst wenn die Regierung in den liberalisierten Bundesstaaten nicht mehr aktiv eingreift, hängen die Kredite so lange in der Luft, als der Kongress das Verbot nicht aufhebt.

Bei einer landesweiten Freigabe könnte der Marihuana-Markt 85 bis 90 Milliarden Dollar wert sein.

Dinenberg stellte sein Geschäft jedoch um, als er nach eigenen Worten sah, wie viele Marihuana-Kleinunternehmer schlecht bei Kasse waren. Und trotz der Freigabe bleibt noch ein erheblicher Graumarkt, da nicht alle Händler eine Abgabe von bis zu 15 Prozent einziehen und abrechnen wollen. Die grosse Lücke im Markt ist somit die Überwachung und Kontrolle des Geschäfts. Hier liegt gemäss Dinenberg auch am meisten Geld, sagt er. Ähnlich wie im Alkohol- und Tabakmarkt seien die Behörden darauf angewiesen, dass die gesetzlichen Vorschriften – zum Beispiel für Minderjährige – durchgesetzt und die Abgaben eingezogen würden.

Azure für die Bundesstaaten

Die Zusammenarbeit mit Microsoft sieht vor, dass Dinenberg ein Inventar der Marihuana-Anbauer und -Geschäfte führt und diese Daten sowohl den Steuer­behörden wie auch der Polizei zur Verfügung stellt. Microsoft ist für die Datenaufnahme und -speicherung zuständig. Dafür müssten sich die Bundesstaaten der Internetwolke Azure anhängen, die nach der Cloud von Amazon die Nummer zwei im US-Markt ist. Microsoft hält aus politischen Gründen noch eine kritische Distanz zum Marihuana-Geschäft selber, und stellt zunächst die politischen Beziehungen und Lobbyisten in den einzelnen Bundesstaaten bereit. Ein erster Antrag für die Zulassung der Marihuana-Wolke ist in Puerto Rico hängig.

In den USA hat bereits die Hälfte der Bundesstaaten den Marihuana-Konsum für medizinische Zwecke zugelassen; 25 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner brauchen ein Cannabis-Produkt zur Schmerzbekämpfung. Doch wirtschaftlich interessanter sind die Staaten, in denen der Anbau und Konsum völlig liberalisiert oder in Kürze freigegeben werden. «Wir gehen von einem bedeutsamen Wachstum aus», sagt Kimberly Nelson, Microsoft-Direktorin für politische Angelegenheiten in den Bundesstaaten. «Die Transaktionen werden zunehmen und damit auch der Bedarf nach präziserer Überwachung und Kontrolle.»

Dieser Schritt verschafft Microsoft gegenüber anderen Techfirmen einen Vorteil und ist Teil der Strategie von Konzernchef Satya Nadella, neue Geschäftsfelder zu erschliessen. Nur wenige Tage vor dem Marihuana-Einstieg hatte Microsoft den Kauf der Online-­Adresskartei Linked­in für gut 26 Milliarden bekannt gegeben.

Wenn im November wie erwartet vier weitere Bundesstaaten die Legalisierung beschliessen, dürfte dies den Marihuana-Markt von derzeit rund 6 Milliarden Dollar bis 2020 auf über 30 Milliarden anheben. Bei einer landesweiten Freigabe könnte der Markt 85 bis 90 Milliarden Dollar wert sein, schätzt die Substance Abuse und Mental Health Services Administration. Der Umsatz wäre dann doppelt so hoch wie der aktuelle Aufwand zur Durchsetzung des Verbots.

Allerdings ist der Markt noch grossen Schwankungen ausgesetzt. Die Wirtschaftsagentur Bloomberg schätzt, dass nach der ersten Freigabe in Colorado vor vier Jahren mehr als 50 Marihuana-Zulieferbetriebe an die Börse gegangen seien. Deren Markt ist mit insgesamt 3 Milliarden Dollar aber noch äusserst bescheiden – und die Kursausschläge der Aktien sind enorm. Marihuana-Aktien gelten als Spielball für Kleinstinvestoren. Mit dem Einstieg von Microsoft haben die Marihuana-Liebhaber eine handfestere Alternative.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2016, 21:55 Uhr

Napster-Gründer finanziert Ja-Kampagne

Kalifornien dürfte dieses Jahr als fünfter US-Bundesstaat den Anbau und den Konsum von Marihuana legalisieren. Auf dem Verkauf soll eine Abgabe von 15 Prozent erhoben werden: Kalifornien rechnet mit Einnahmen von bis zu 1 Milliarde Dollar und hofft, den Aufwand der Polizei um 100 Mio. zu senken.

Kalifornien war vor 20 Jahren der erste Bundesstaat, der Marihuana zu medizinischen Zwecken zuliess, danach aber in einer Volksabstimmung mit einer vollständigen Legalisierung scheiterte. Dafür haben inzwischen Washington, Colorado, Oregon und Alaska die Freigabe beschlossen. Präsident Obama hat seine totale Opposition aufgebeben und erklärt nun, die Regierung habe wichtigere Dinge zu tun, als die einzelnen Bundesstaaten an der Legalisierung zu hindern. Rein juristisch ist der Verkauf und der Konsum auf nationaler Ebene verboten; je mehr Bundesstaaten aber die Freigabe beschliessen, desto weniger lässt sich das Verbot halten.

Umfragen in Kalifornien deuten auf ein klares Ja hin. Rund 60 Prozent wollen für die Freigabe stimmen, 37 Prozent dagegen, und der Rest ist unentschlossen. Neben Kalifornien stimmen im November auch Florida, Nevada und Maine über die Liberalisierung ab – in allen Bundesstaaten wird ein Ja erwartet. Wichtigster Financier der Ja-­Kampagne in Kalifornien ist Sean Parker, Gründer des Musikdienstes Napster und erster Präsident von Facebook. (wn)

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