Mario Testino, der Caravaggio der Tausendstelsekunde

Dem Modefotografen widmen sich eine Berliner Ausstellung und ein Katalog.

Erfinder des bekleideten Aktes: Modefotograf Mario Testino.

Erfinder des bekleideten Aktes: Modefotograf Mario Testino.

(Bild: Keystone)

Alles scheint man von ihm zu wissen, zu kennen, jedes Bild. Die Halbnackten und Ganznackten und die, die bekleidet vollends entblösst dastehen. Die Models Kate, Linda, Claudia, Noemi und wie sie alle heissen, sexy, subversiv und strahlend. Seine Schnappschüsse von Promis, die ihm auflauern, um von ihm fotografiert zu werden, Oprah, Mick, Charlize, Orlando, Gaga, Gwyneth. Das Club-Kid, das sein Schamhaar für ihn zu einem G rasiert, G wie Gucci. Modeaufnahmen im Studio wie endlose Partys, chaotisch die Szene, stürmisch die Aktion, respektlos die Erzählung. Oder dann im Freien: die «Vogue»-Affen, die er durch die Wüste jagt, das kleine Lama als Haustier der Anden-Models in Peru, das er erst am Bildschirm unter die rasende Wolkenwand bastelt.

Mario Testino, Teufel für die einen, Gott für die anderen, dieser Caravaggio der Tausendstelsekunde, macht Bilder, die uns ins Gesicht springen. Der in London ansässige Peruaner ist ein Erfinder des bekleideten Aktes, er hat die Grenze zwischen Mode und Porträt penetriert. Super Mario? Jetzt sind ein Buch und eine Retrospektive zum Werk in Berlin die Überraschung schlechthin. «In Your Face» heissen beide und zeigen den grossen Ruhelosen als grossen (Selbst-)Reflexiven.

Denn zu den über 120 Bildern aus zwei Jahrzehnten eine Europapremiere ist im fabelhaften Reader von Taschen erstmals eine Breitseite Biografisches zu vernehmen. So wird klar: Testino hasst die Perfektion, er will den Widerspruch, er sucht Zerstörung. Und es verblüffen Zitate wie dieses: «Künstler denken nach, dann handeln sie. Wir Modefotografen handeln erst, dann denken wir nach.» Zum Glück ist das so. Und zum Glück hat Mario Testino die Hochglanzerotik nicht ausschliesslich dummen Menschen überlassen.

«In Your Face», Ausstellung in der Kunstbibliothek im Kulturforum, Berlin, bis 26. Juli. Die Begleitpublikation ist im Verlag Taschen erschienen: Köln 2015, 224 S., ca. 60 Fr.

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