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Hexen und Propheten auf dem Münsterhof

Am Markt vom kommenden Wochenende mischen sich mittelalterliche Gestalten unter die Leute. Sie wollen vor allem eins: irritieren.

Hexensabbat: Artistinnen der Dimitrischule proben Interventionen für den Mittelaltermarkt auf dem Münsterhof.
Hexensabbat: Artistinnen der Dimitrischule proben Interventionen für den Mittelaltermarkt auf dem Münsterhof.
Sabina Bobst
Nachahmen verboten: Der Schwanenhals des Münsterbrunnens wird zur Kletterstange.
Nachahmen verboten: Der Schwanenhals des Münsterbrunnens wird zur Kletterstange.
Sabina Bobst
Jungbrunnen: Sind die Falten weg, wenn die Hexen genügend lang im frischen Wasser des Münsterbrunnens baden?
Jungbrunnen: Sind die Falten weg, wenn die Hexen genügend lang im frischen Wasser des Münsterbrunnens baden?
Sabina Bobst
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Mitten auf dem Münsterhof liegt eine junge Frau ausgestreckt und völlig entspannt auf dem Rücken. Nach einer Weile sitzt sie auf, dehnt sich, geht in die Standwaage. Touristen zücken ihre Handys, Einheimische sind irritiert. Dabei hat die junge Frau noch gar nicht angefangen. Denn jetzt gesellen sich weitere zu ihr, lauter junge, schlanke, leicht­füssige Menschen, die sich umarmen und trotz des babylonischen Sprachgewirrs – Italienisch, Spanisch, Englisch, Deutsch – offenbar bestens verstehen. Schliesslich tritt ein Mann mit Hut in ihre Reihen – bezeichnen wir ihn als kräftig gebaut. Nun sind sie vollzählig: Regisseur Volker Hesse und jene 22 Artisten, die am Mittelaltermarkt vom kommenden Wochenende für das sorgen wollen, was sie bereits im Ansatz getan haben: für Irritationen durch Interventionen.

«Mich fasziniert und beschäftigt, wie dünn die Schicht ist, die uns moderne Menschen vom Archaischen trennt.»

Volker Hesse

Der von der Gesellschaft zu Fraumünster organisiert Mittelaltermarkt auf dem Münsterhof findet jeweils alle drei Jahre statt. Das Motto der diesjährigen Ausgabe lag auf der Hand: der Aufbruch in eine neue Zeit, der unter anderem in der Reformation seinen Ausdruck fand. Nebenan, im Grossmünster, inszeniert Volker Hesse das Mysterienspiel «Akte Zwingli». Hier auf dem Münsterhof steigen die dort engagierten Künstlerinnen und Künstler mitten unter die Leute: Von den Dächern herab und aus den Fenstern heraus rufen Herolde das Volk zusammen, vom Balkon des Zunfthauses zur Meisen verkündet Erasmus von Rotterdam «Das Lob der Torheit», Thomas Morus wandelt durch die Menge und sucht Mitbewohner für sein Utopia – Teilnehmerzahl beschränkt.

Das Wehklagen der Nonnen

Regula Zweifel, die vonseiten der Organisation für die Interventionen auf dem Münsterhof zuständig ist, sagt: «Die Menschen damals waren hin und her gerissen zwischen Hoffnung auf eine neue Zeit und Angst davor.» Dies kommt im Gesang zweier Klosterfrauen im Fraumünster zum Ausdruck; die Nonnen erzählen davon, dass sie durch die Schliessung des Klosters ihre innere und äussere Heimat verlieren und gleichzeitig eine gewisse Befreiung erfahren.

Das ambivalente Lebensgefühl der Befreiung aus dem sogenannt dunklen Mittelalter und die Angst vor der ungewissen Zukunft, in welcher der Mensch selbstbestimmter leben soll, zieht sic durch die Auftritte der Artisten. Regula Zweifel ist tief beeindruckt von der Ernsthaftigkeit, dem Können und dem Einsatz, mit dem sie am Werk sind.

Die Choreografin Laia Sanmartin hat mittlerweile die Probe in Gang gesetzt. Die Artisten, Absolventen der Scuola ­Dimitri, machen sich zu ihren Spielorten auf. Dunkle Trompetenfanfaren tönen über den Platz, übermütige junge Männer klettern das gebogene Brunnenrohr hinauf – der eine setzt sich vorn hin und beginnt den Wasserstrahl so zu teilen, dass er rundum alle nass spritzt: das «Manneken Pis» vom Münsterhof.

Falsche Propheten malen den Weltuntergang an die Wand, Alchemisten versprechen das Ende von Krieg und Armut, denn bald sei es ihnen möglich, Gold herzustellen. Scharlatane versprechen ewige Jugend. Dann schwärmen weiss gekleidete Hexen aus, maskiert mit den Gesichtern alter Frauen; sie feiern einen Sabbat im kühlen Wasser des Jungbrunnens. Und in einem verhüllten Zirkuswagen werden Sehnsüchte nach der eben erst entdeckten Neuen Welt ­befriedigt: Exotische Tiere und schwarze Frauen werden zur Schau gestellt.

Die Hexen vom Paradeplatz

Die Interventionen funktionieren bereits vor kleinem Publikum: Sie lassen die Passanten einhalten, irritieren sie, sodass sie auf die Szenen reagieren. «Das hat nichts mit der Schweiz zu tun», herrscht eine Frau in wackligem Englisch das «Manneken Pis» an. Zwei Freundinnen setzen sich hin, holen Tupperware aus ihren Rucksäcken und beginnen hart gekochte Eier zu schälen, während sie dem Treiben zuschauen.

Auch Volker Hesse sitzt auf einer Bank und schaut zu: Hin und wieder ruft er einem Schauspieler ein paar Worte zu. Er gibt an, welches der Fenster des Zunfthauses zur Waage am effektvollsten von einem Herold besetzt wird, dann spricht er mit Inhabern der umliegenden Geschäfte. Denn er wäre nicht er, wenn er die Szenen als reines Schauspiel gelten lassen würde: «Mir ist wichtig, dass wir mit den Menschen, die hier arbeiten und leben, in Dialog treten, damit diese Teil des Geschehens sind.»

Bei Apotheker Lorenz Schmid ist er sofort auf offene Ohren gestossen. Der CVP-Kantonsrat stellt den Scharlatanen, die ewiges Leben versprechen, in seinem Geschäft nicht nur Raum zur Verfügung, sondern hält selbst einen Sermon über die heutigen Versprechen des Anti-Agings. Auch die Hexen entspringen nicht dem Sumpf der Geschichte, sondern schlendern im Deuxpièces vom ­Paradeplatz kommend auf den Platz, wo sie sich erst nach und nach den ekstatischen Tänzen hingeben. «Mich fasziniert und beschäftigt, wie dünn die Schicht ist, die uns moderne Menschen vom Archaischen trennt», sagt Hesse. Nicht zuletzt darin liegt wohl ein Grund, ­weshalb uns das Lebensgefühl der Menschen aus der Zeitenwende um 1500 so gegenwärtig vorkommt.

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