Ein Boxer für Macron

Edouard Philippe, der neue Premierminister Frankreichs, teilt gerne aus. Noch vor kurzem gegen seinen heutigen Chef.

Wäre gerne Dirigent, ist jetzt aber Premierminister: Edouard Philipp.

Wäre gerne Dirigent, ist jetzt aber Premierminister: Edouard Philipp.

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Im nächsten Leben, so hatte Edouard Philippe vor einigen Jahren gestanden, würde er gern Dirigent werden. Orchester-Chef, das wäre ein Traum – «aber leider habe ich dafür kein Talent». Phi­lippes Bescheidenheit bezog sich allein auf seine musikalischen Gaben. Als Politiker, das bezeugen Weggefährten, plagen den 46-Jährigen keine Selbstzweifel. Bisher war er Bürgermeister der Hafenstadt Le Havre und Abgeordneter im Parlament. Jetzt, da er einen riesigen Sprung nach oben gemacht hat, muss er sich als politischer Dirigent beweisen: Edouard Philippe ist seit Montag der Chef von Frankreichs neuer Regierung.

Es gibt zwei Gründe, warum Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ausgerechnet Philippe zu seinem Premier gemacht hat. Die beiden Männer, die sich 2011 erstmals bei einem Abend­essen begegneten, eint erstens derselbe Korpsgeist. Beide studierten an der renommierten Pariser Hochschule Sciences Po, beide absolvierten sie zwei harte Jahre an der École Nationale d’Admi­nistration, der Kaderschmiede der Republik. Und beide machten Karriere im Schatten hoher Herren: Macron diente seinem Amtsvorgänger Hollande, Philippe war bisher einer der engsten Vertrauten von Alain Juppé, dem Ex-Premier und gemässigten Republikaner.

Eben das ist der zweite Grund für Philippes Berufung: Er ist Republikaner. Macron benutzt seinen Premier als Köder. Er will den gemässigten Flügel der konservativen Opposition in seine Bewegung En Marche locken – und so Frankreichs Republikaner noch vor der Parlamentswahl im Juni schwächen und spalten. Prompt spielten die Republikaner am Montag die Personalie zum «Einzelfall» herunter, dem keine Mitläufer folgen würden. Derweil schrie Frankreichs Linke Zeter und Mordio: Mit Philippe als Regierungschef offenbare Macron sein wahres, sein rechtes Gesicht.

Ein Mann der Mitte

Tatsächlich ist Philippe eher ein Mann der Mitte. Und ein Grenzgänger, der politische Linien überschreitet. Nach seinem Abitur in der deutschen Stadt Bonn (wo sein Vater Lehrer an einer französischen Schule war) reihte sich der Student zunächst auf der Linken ein. Philippe begeisterte sich für Michel ­Rocard, den Vordenker einer französischen Sozialdemokratie. Als Rocard scheiterte, wechselte Philippe ins Juppé-Lager. Gleichzeitig schuf er sich in Le Havre, einer lange Zeit kommunistisch regierten Stadt, eine politische Bastion. Vor einem halben Jahr noch hoffte Philippe, unter einem Präsidenten Juppé ins Hotel Matignon, den Pariser Amtssitz des Premiers, einziehen zu können. In jenen Tagen liess Philippe eine böse ­Bemerkung fallen über Macron: «Er hat einen netten Kopf, aber da ist nichts drin – der ist total leer.»

Nun marschiert Philippe mit Macron. Der Mann hat Fantasie, als Co-Autor hat er schon zwei politische Romane mit­geschrieben. Und er kann kämpfen, als Hobbyboxer. Da lerne man einzu­stecken, sagt Philippe. Um dann zu versichern: «Aber ich teile auch aus. Mal rechts, mal links.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2017, 23:10 Uhr

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