Der Superoligarch taumelt

Die westlichen Sanktionen gegen russische Businessleute scheinen zu verpuffen. Nur den Aluminiumkönig Oleg Deripaska haben sie eiskalt erwischt. Und mit ihm russische Arbeiter.

Findet Oleg Deripaska keinen Deal mit den USA, droht aus dem mächtigen Oligarchen ein abgehalfterter Manager zu werden. Bild: Maxim Zmeyev/Reuters

Findet Oleg Deripaska keinen Deal mit den USA, droht aus dem mächtigen Oligarchen ein abgehalfterter Manager zu werden. Bild: Maxim Zmeyev/Reuters

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Die Männer sind schwerreich und ziehen in Russland die Fäden. Sie gehören zu Präsident Wladimir Putins politischem und persönlichem Freundeskreis und stehen deshalb seit 2014 auf der Sanktionsliste, welche die USA und die EU wegen der Annexion der Krim und des Kriegs in der Ostukraine gegen Russland verhängt haben. Doch scheinen Leute wie Igor Setschin, der Chef des staatlichen Ölkonzerns Rosneft, oder Arkadi Rotenberg, der grösste Bauunternehmer Russlands, auch nach vier Jahren seltsam unberührt von den Strafmassnahmen: Rotenberg hat zum Stolz der Nation gerade die monumentale Brücke vom russischen Festland auf die von der Ukraine annektierte Halbinsel Krim fertig gebaut. Und Setschin einen neuen Öllieferungsvertrag mit Europa geschlossen.

Oleg Deripaska steht erst seit einem guten Monat auf der neuen Sanktionsliste der USA, die als Strafe für die russische Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf erlassen wurde und der sich die Europäer deshalb nicht angeschlossen haben. Doch bei Deripaska haben die Sanktionen eingeschlagen wie eine Bombe. Sein Aluminiumimperium ist faktisch von der Aussenwelt abgeschnitten, die Geschäfte sind auf Eis – egal, wer mit ihm zusammenarbeitet: Er kann dafür bestraft werden.

Alle acht Unternehmen auf der Strafliste

Unlängst musste der 50-Jährige sogar den Leasingvertrag für seine drei Gulfstreams auflösen. Die Luxusjets stehen nun für rund 30 Millionen Dollar das Stück zum Verkauf. Sie gehören offenbar teilweise der Credit Suisse. Man kommentiere grundsätzlich keine Kundenbeziehungen, heisst es dazu bei der CS. Die Linie in Sachen Russlandsanktionen ist jedoch klar: «Die Credit Suisse arbeitet mit internationalen Regulierungsbehörden zusammen, um die Einhaltung von Sanktionen sicherzustellen. Dazu gehört auch die Einhaltung der jüngsten Sanktionen gegen Russland.»

Die USA hatten die Sanktionen am 6. April gegen 38 russische Firmen und Einzelpersonen verhängt. Nicht nur Deripaska als Person steht auf dieser Strafliste, sondern auch seine acht Unternehmen sind aufgeführt – allen voran Rusal, der zweitgrösste Aluminiumproduzent der Welt. US-Firmen oder amerikanische Bürger dürfen keine Geschäfte mehr machen mit Personen und Unternehmen auf der Sanktionsliste. Und auch nicht amerikanische Partner können bestraft werden, wenn sie mit den Sanktionierten zusammenarbeiten.

Seine Kunden liessen Oleg Deripaska wie eine giftige Kröte fallen.

Nach Verhängung der Strafmassnahmen gegen Deripaskas Imperium sind die Aktien von Rusal um rund die Hälfte eingebrochen. Deripaska soll bereits mehrere Milliarden Dollar verloren haben. In seinen Produktionsstätten stapelt sich das Aluminium, das nicht mehr exportiert werden kann. Denn Deripaska macht nicht nur in Russland, sondern auf der ganzen Welt Geschäfte. Viele internationale Kunden haben die Käufe sofort gestoppt, Banken das Geld gesperrt – und Deripaska wie eine giftige Kröte fallen lassen. Experten schätzen, dass Rusal den Zugang zu mehr als der Hälfte seiner Kunden verloren hat.

Die USA haben den Oligarchen mit der Begründung auf die Sanktionsliste gesetzt, er stehe Putin besonders nahe. Dabei stützte man sich auf ein Interview mit der «Financial Times», in dem Deripaska vor Jahren erklärte, er mache keinen Unterschied zwischen sich und dem russischen Staat. Zudem steht er in Verdacht, sich persönlich in den amerikanischen Wahlkampf eingemischt zu haben: Donald Trumps zeitweiliger Wahlkampfmanager Paul Manafort hat Moskau angeblich Briefings über den Gang des US-Wahlkampfs angeboten, als Vermittler soll ihm sein alter Bekannter Oleg Deripaska gedient haben. Die beiden hatten vor rund zehn Jahren ein Geschäft in der Ukraine abgewickelt, über das sie sich jedoch in die Haare gerieten und schliesslich vor Gericht landeten. Dafür, dass Deripaska sich 2016 noch mal auf Manafort eingelassen und den Kontakt zu Putin hergestellt hat, gibt es bislang keine Belege.

Putin-Leute misstrauen Jelzin-Leuten

Die USA hatten Deripaska schon früher mit einem Einreisestopp belegt, weil er Kontakt zu mafiösen Gruppen pflege, wie die Begründung damals lautete. Doch die Frage ist, warum er nun wieder auf die US-Sanktionsliste kam; andere russische Oligarchen seines Formats mit den gleich guten Beziehungen zum Kreml aber weniger hart getroffen oder gar verschont wurden. Experten argwöhnen, dass der amerikanische Entscheid mehr mit dem Aluminiumbusiness zu tun haben könnte als mit den US-Wahlen: Trump hat Strafzölle gegen Aluminium beschlossen, und nun bot sich die Gelegenheit, Rusal, die Nummer 2 auf dem amerikanischen Markt, mit einem Schlag auszuschalten.

Natürlich bemüht sich der Alu-Magnat um ein gutes Verhältnis zum Kreml, damit seine Geschäfte in Russland reibungslos laufen. Doch Deripaska gehört nicht zu Putins innerem Zirkel. Er war einer der mächtigen Oligarchen zur Zeit von Präsident Boris Jelzin, in dessen Familie Deripaska sogar einheiratete. Doch Putin – und insbesondere seine Leute aus dem Dunstkreis von Militär und Geheimdienst – misstrauen den Jelzin-Leuten bis heute zutiefst. Die Magnaten werden trotz aller Loyalitätsbeweise als unsichere Kantonisten angesehen, als potenzielle Verbündete des Westens und Betrüger des russischen Volkes.

Auch Deripaska hat das zu spüren bekommen: 2009 kam es in der Region Petersburg zu Protesten in einem seiner Werke, das geschlossen werden sollte. Die Angestellten demonstrierten für ihre Arbeitsplätze und ihren Lohn, der über Monate nicht ausbezahlt worden war. Schliesslich fuhr der damalige Premierminister Putin im Städtchen ein: ohne Krawatte, in Jeans und sportlicher Jacke. Zuerst stauchte er vor laufender Kamera die Führung des Werks zusammen. Er schimpfte sie unfähige Egoisten und Kakerlaken, welche die ehrlichen Arbeiter zu ihren Geiseln gemacht hätten. «Das ist absolut inakzeptabel!»

«Gib mir den Stift zurück!»Wladimir Putin zu Oleg Deripaska

Es wurde ein gemeinsames Dokument aufgesetzt über die Beilegung der Krise. Schliesslich zitierte er Deripaska wie einen unartigen Schüler zu sich an die Stirnseite des Tischs. Warf ihm den Stift vor die Nase und befahl ihm zu unterzeichnen. Deripaska tat wie ihm geheissen, schweigend und mit gesenktem Blick. Obwohl die Szene für das russische Staatsfernsehen natürlich bis ins Detail choreografiert war: Sie liess für niemanden einen Zweifel daran, wer hier der Boss ist. Erst recht nicht, als Putin Deripaska nach der Unterschrift anherrschte: «Gib mir den Stift zurück!»

Die Szene hängt heute wie eine düstere Verheissung über dem Oligarchen. Denn schon damals drohte Putin ihm, seinen Betrieb kurzerhand zu verstaatlichen, wenn er die Situation nicht in den Griff bekomme. «Wir werden hier weitermachen, egal, ob mit oder ohne euch», sagte er in seiner Strafpredigt. Angesichts der neusten Krise vermuten deshalb viele, dass der Kreml auch heute wieder dieses Szenario in Betracht ziehe. Überhaupt sind russische Experten überzeugt, dass die jüngste Runde von US-Sanktionen dazu führen könnte, dass der Besitz im Land neu verteilt wird – und zwar primär von den Jelzin-Oligarchen an die Putin-Leute. Der Präsident ist auch Verstaatlichungen gegenüber nicht abgeneigt, in seiner Amtszeit hat sich der Anteil der Staatsbetriebe deutlich erhöht. Und die Russen sehen das nach den schlechten Erfahrungen mit dem Räuberkapitalismus eh als ihre beste Rückversicherung für die Zukunft an.

Ohne Aluminium sterben ganze Städte

Die Sanktionen des Westens machen ihnen dabei weniger zu schaffen. Die meisten Russen reagieren mit einer Mischung aus Trotz und Gleichgültigkeit darauf. In einer Umfrage geben 80 Prozent an, dass die Strafmassnahmen sie nicht beunruhigen. Doch unter Deripaskas Angestellten geht die Angst um. 150'000 Menschen arbeiten für den Oligarchen, 60'000 allein für Rusal, das letztes Jahr fette Gewinne eingefahren hat. Ganze Regionen hängen vom Aluminium ab. Die südsibirische Stadt Sajanogorsk etwa wurde 1976 überhaupt erst für das Alu-Werk gebaut. Dort hat Deripaska 1994 seine Karriere als Alu-Magnat gestartet, als der studierte Physiker mit 26 Jahren Generaldirektor wurde.

Muss die Produktion in einer Stadt wie Sajanogorsk schliessen, bedeutet das für die Einwohner das Aus, denn etwas anderes gibt es dort nicht zu tun. Das würde eine Revolte geben, sagen Arbeiter vor Ort wütend, sie seien in diesem Streit zu Geiseln der Weltpolitik geworden. Und dass man sich hier zu wehren weiss, haben die Menschen bereits in den 90er-Jahren bewiesen: Damals gingen Zehntausende Kohlearbeiter auf die Strasse, marschierten gar nach Moskau und setzten Präsident Jelzin unter massiven Druck.

Sanktionen gehen am Ziel vorbei

Im Putin-Zeitalter ist ein solcher Aufstand natürlich undenkbar. Deshalb schmiedet man im Kreml Rettungspläne, wie man das bereits während der Finanzkrise 2009 gemacht hat. Beobachter sind jedoch ziemlich sicher, dass der Kreml diesmal nur Rusal retten wird und nicht auch Deripaska selber. Lieber verlässt man sich auf die eigenen Magnaten, die Putin selber an die Spitze von Staatsunternehmen gesetzt hat. Sie sind mehr Manager als mächtige Oligarchen und dem Regime gegenüber loyal. Der Druck aus dem Westen treibt sie nur noch näher zum Kreml, von dem sie komplett abhängen. Deshalb gehen die Sanktionen am eigentlichen Ziel vorbei, nämlich einen Keil zwischen Putins Regime und die Wirtschaftselite zu treiben, oder noch besser: zwischen Führung und Volk.

Und wie das Beispiel Deripaska zeigt, drängen die Strafmassnahmen auch unabhängigere Magnaten direkt in die Arme des Kremls. Nicht einmal der Ausweg in den Westen bleibt ihnen offen, da sie in viele Länder gar nicht mehr einreisen dürfen. Dass sie sich ausgerechnet in dieser Lage gegen den Kreml wenden, ist praktisch ausgeschlossen: Damit würden sie ihren Besitz oder wohl sogar die Freiheit riskieren. Denn Gründe, gegen einen Oligarchen vorzugehen, gibt es immer. Das hat Putin schon 2003 im Fall des Ölmagnaten Michail Chodorkowski demonstriert, der für seine Aufmüpfigkeit zehn Jahre im Arbeitslager sass.

«Grundlos, lächerlich und absurd»

Die Aussicht auf einen noch engeren Schulterschluss der Wirtschaftsbosse mit dem Regime ist selbst den Verfassern der Sanktionsliste unheimlich geworden. Es sei nicht das Ziel, Rusal vom Weltmarkt zu vertreiben, sagte US-Finanzminister Steven Mnuchin Anfang Monat. «Die US-Regierung zielt nicht auf die hart arbeitenden Menschen, die von Rusal abhängig sind.» Wenn Deripaska sich aus seinen Firmen zurückziehe, könnten die Sanktionen vielleicht gelockert oder seine Unternehmen von der Liste gestrichen werden, so Mnuchin. Gleichzeitig verlängerte er die Frist für Firmen, ihre Geschäftsbeziehungen mit Rusal zu beenden, von Anfang Juni auf Ende Oktober.

Deripaska hat die Sanktionen «grundlos, lächerlich und absurd» genannt. Am Freitag ist er als Aufsichtsratsvorsitzender abgetreten und arbeitet fieberhaft an einem Deal mit den USA, um der Umarmung durch den russischen Staat zu entgehen. Eine Verstaatlichung seines Imperiums dürfte ihn sein Vermögen kosten. Und aus einem mächtigen Oligarchen einen abgehalfterten Manager machen.

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