Der dunkle Traum vom Paradies

Vor 40 Jahren wurde Pier Paolo Pasolini ermordet, zur Retrospektive im Kino Xenix gehört auch Abel Ferraras neue Biografie «Pasolini».

Rekonstruktion und Spekulation, wie das war und gewesen sein könnte: Trailer zu «Pasolini» von Abel Ferrara. Video: Unifrance

Wenn es wahr ist, was Abel Ferrara in seinem neuen Spielfilm «Pasolini» erzählt, dann hat Pier Paolo Pasolini (1922-1975), der italienische Schriftsteller und Filmregisseur, dieser Katholik ohne Gott, dieser Kommunist ohne Dogma, nie aufgehört vom Paradies zu träumen, an dessen Existenz er zweifelte. Er träumte noch an seinem allerletzten Tag. Das ist ein poetischer Trost. Es erinnert ans vieldeutig funkelnde Leben eines widersprüchlichen Intellektuellen, nicht nur an den fürchterlich eindeutigen Tod, der sich noch nach 40 Jahren vor es drängt.

Eine mächtige Erinnerung: Wie Pasolini dalag auf einem dreckigen Fussballplatz in Ostia, mit zerschmettertem Gesicht, erschlagen und überfahren von einem damals 17-jährigen Strichjungen, der es Jahre später nicht mehr gewesen sein wollte oder jedenfalls nicht allein. Es gibt Fotos von der Leiche, die Pressefotografen waren gnadenlos. Und über den kaum erkalteten Pasolino beugten sich seinerzeit die Nachrufer und erklärten sich von diesem Sterben her die Logik eines Lebens, und viele stellten fest, so was käme eben von so was.

Pier Paolo Pasolini auf dem Filmset zu «Il Vangelo secondo Matteo» 1964. Foto: Keystone

«So was», das meinte damals vor allem Pasolinis neuen, seinen letzten Film: «Salò o le 120 giornate die Sodoma», worin vier faschistische Granden einen solchen sadistischen Totentanz inszenieren, dass man es heute noch schwer aushält. Pasolini, gewiss kein Marquis de Sade, sondern ein Linker im Geist seiner Zeit, verstand den Film als Radikalkritik an einer kannibalischen Warenwelt. Und 1975 lastete eben mancher dem Boten, der der widerwärtigen Realität Nachricht von ihrer Widerwärtigkeit brachte, die Botschaft als Tat an. Einige hatten dazu aufgerufen, ihn zu köpfen, derartiges soll ja heute noch vorkommen.

Ein düsteres Stück Biografie: Willem Dafoe in «Pasolini». Fotos: PD

Natürlich gehört «Salò» in die laufende Retrospektive des Zürcher Kinos Xenix: als Zumutung, die uns zumutbar ist; als Monument der Verzweiflung; als pasolinische Dunkelwelt. Aber der filmische Lebensweg führte ja nicht so geradeaus ins Schwarze, und Pasolinis Filmsprache spielt im Xenix in allen Farben. Hier ist der ganze «Engel der Provokation», wie «La Repubblica» ihn nannte: seine neorealistische Roheit in «Accatone» (1961), der fast schwärmerische Hang zu den «ragazzi de vita» aus den Römer Vorstädten, die geliebten Gesichter, die archaischen Leidenschaften in «Edipo re» (1967) oder «Medea» (1969), die Märchenhaftigkeit von «Il fiori delle mille e una notte» (1974) und die heiteren Gelüste des «Decameron» (1971).

Noch skandalöser als «Salò»

Abel Ferraras «Pasolini» fügt sich gut in dieses Programm. Als Reflex des Ganzen. Als Rekonstruktion und Spekulation, wie das war und gewesen sein könnte am letzten Tag und in den letzten Stunden. Und was, wenns anders gewesen wäre, noch hätte werden können. Das ist ein düsteres Stück Biografie voller Nacht und Vorahnung, das historische Bewusstsein konnte ja die mörderischen Fakten nicht ausblenden, darum vielleicht beginnt es mit Bildern aus «Salò». Aber es ist auch ein heller Film. Wir sehen einen Pasolini (Willem Dafoe), dessen politische Weltverzweiflung sich beruhigt hat, und über den ideologischen Kampf und den Tod des traditionellen Erzählens hinausgelangt ist zu einer souveränen anarchischen Utopie.

Der Geist des erschlagenen Pasolini hat eine lebendige Zukunft.

Womöglich wäre aus ihr auch Kino geworden. Jedenfalls fantasiert sich Ferrara hinein in ein nie gedrehtes Werk, dessen skandalöse Metaphysik den Skandal von «Salò» noch übertroffen hätte. Darin folgt Ninetto Davoli, zu Zeiten Pasolinis Lieblingsschauspieler, dem Stern zum Messias und zum Paradies. Wir erinnern uns an den jungen Lockenkopf und seine fröhlichen Augen. Jetzt, alt geworden, hat Davoli diese Löckchen und die chaplineske Fröhlichkeit immer noch; und in «Pasolini» beobachtet er still die Orgien einer vollendeten schwulen, lesbischen und sogar heterosexuellen Liberalität, die nicht das Paradies ist, und dann steigt er die Himmelstreppe hinauf ins Irgendwo, wo es auch nicht ist, sondern nur der Friede der Leere und der freie Blick auf die Erde und ihre Möglichkeiten. Es kommt einem gottlos katholisch vor. Oder besser gesagt: stoisch.

Man kann es sich vorstellen wie in Ciceros «Traum des Scipio»: «Ich sah Sterne, die wir von der Erde aus niemals sehen ... Tatsächlich erschien mir die Erde so klein, dass mir unser Reich, das nur einen Punkt auf ihrer Oberfläche ist, läppisch vorkam.» Dieses entrückte Pathos hat «Pasolini». Aber auch die irdische Gewissheit, dass der Geist des erschlagenen Pasolini, der auf einem Punkt innerhalb eines läppischen Punktes liegt, eine lebendige Zukunft hat.

«Pasolini» im Kino Xenix: 23. bis 25. 11.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt