Das Airline-Projekt Powdair kommt Sitten teuer zu stehen

Die Fluggesellschaft wollte britische Skitouristen zu Tausenden ins Wallis fliegen. Sie hob nie ab – und hinterlässt im Kanton Frust und Schulden.

Grounding vor dem Abflug: Illustration eines Powdair-Fliegers. Bild: Twitter / MagazineOfTravel Int

Grounding vor dem Abflug: Illustration eines Powdair-Fliegers. Bild: Twitter / MagazineOfTravel Int

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Es herrschte aufgeräumte Stimmung, als sich die Direktoren der Tourismusorganisationen der Walliser Ferienorte am 16. Februar 2017 zu einer Sitzung trafen. Eingeladen hatte eine neue Fluggesellschaft. Die britisch-irische Airline wollte über ihre Pläne berichten. Powdair beabsichtigte, im Winter Skitouristen vor allem aus Grossbritannien in die Schweizer Alpen zu fliegen.

«Dies wäre für das Wallis eine grosse Chance gewesen.»Bruno Huggler, Crans-Montana Tourisme

Die Idee kam gut an. «Eine Fluggesellschaft, die während der Saison regelmässig nach Sitten fliegt – das hätte für uns sehr gut gepasst», sagt Damian Indermitte, Chef von Anzère Tourisme. Das Dorf liegt nur 25 Minuten vom Flughafen entfernt. Grossbritannien sei ein interessanter Markt für dieses Skigebiet. Auch Bruno Huggler war bei der Sitzung am Flughafen Sitten dabei. «Dies wäre für das Wallis eine grosse Chance gewesen», sagt der Direktor von Crans-Montana Tourisme et Congrès.

Zweifel gabs von Anfang an

Angetan von den Plänen, machte sich ein Steuerungsausschuss aus Vertretern der Tourismusbranche ans Werk. Zusammen mit der kantonalen Vermarktungsorganisation Valais/Wallis Promotion wollte man schauen, wie man die Chance nutzen konnte. Powdair hatte nur eine kleine Forderung gestellt: einen Marketingzuschuss von 200'000 Franken. «Das wäre sehr gut tragbar gewesen, da die Beträge für die einzelnen Feriendestinationen klein gewesen wären», erinnert sich Huggler.

Zweifel an Powdair gab es schon damals. Die Fluggesellschaft war in der Branche völlig unbekannt. Ausser einem Briefkasten an der Sitzadresse in Dublin hatte sie wenige Referenzen vorzuweisen. «Bereits beim ersten Treffen fragte ich nach den Investoren hinter Powdair. Das wollten sie partout nicht sagen», so Huggler. Doch das Risiko war gering und der finanzielle Einsatz überblickbar.

Das wollte die Airline ändern. Im letzten Sommer gelangte sie plötzlich mit Vorschlägen für eine Partnerschaft an die Walliser Orte, bei der es um ganz andere Beträge ging. Das kleinste Partnerpaket – Bronze-Paket genannt – hätte umgerechnet 66'000 Franken pro Wintersaison gekostet. In der Offerte schrieb Powdair jedoch dazu: «Beschränkte Verfügbarkeit» – fast so, als wenn man wenig Interesse daran hatte, die günstige Option zu verkaufen. Das Platin-Paket wäre für stolze 523'000 Franken zu haben gewesen. Dafür hätte man laut Powd­air eine «voll integrierte Marketingkampagne erhalten, um dank Partnerschaft mit Powdair Verkehr in die Orte im Wallis zu lenken und um wiederkehrende und neue Gäste anzulocken».

Vorbehalte gegenüber der Airline mehrten sich

Die Destinationen wollten bei ihrem Engagement gemeinsam vorgehen. «Wir merkten aber, dass Powdair versuchte, direkt mit den einzelnen Destinationen zu verhandeln. Es schien, als wollten sie uns gegeneinander ausspielen», so Hugg­ler. Ein Marketingpaket gekauft haben weder Anzère noch Crans-Montana oder Verbier. «Weit ausserhalb unseres Budgets», lautet die Antwort. Hinzu kam, dass sich die Vorbehalte gegenüber Powdair mehrten. «Wir wurden spätestens dann hellhörig, als sie ihre Pläne ständig änderten, gewisse Destinationen neu ankündigten, andere strichen», erinnert sich Anzère-Vertreter Indermitte.

«Es schien, als wollten sie uns gegeneinander ausspielen.»Bruno Huggler, Crans-Montana Tourisme

Die Walliser Orte haben Geld für einen gemeinsamen Auftritt mit Powdair an der Ski and Snowboard Show in London ausgegeben. «Wir haben ein paar Tausend Franken in die Teilnahme an der Messe in London investiert», sagt Vincent Riba, Sprecher von Verbier Promotion. Das Geld sei aber keineswegs verloren, weil man sich dort gut präsentieren konnte.

Sitten verliert Geld

Das kann die Stadt Sitten nicht von sich behaupten. «Der Gemeinderat hat eine Starthilfe für Powdair bis zu einem Betrag von 100'000 Franken gesprochen», sagt Sprecherin Judith Mayencourt. Der Flughafen Sitten hat seinerseits 75'000 Franken beigesteuert. Er überwies die gesamten 175'000 Franken an Powdair, wie Mayencourt bestätigt.

75'000 Franken in den Sand gesetzt: Flughafen in Sitten. Foto: Samuel Schalch

Doch Powdair brachte keine Touristen ins Wallis. Zwei Wochen vor dem ersten Flug am 11. Dezember 2017 meldete sie überraschend, dass ihr wichtigster Geldgeber «aus persönlichen Gründen» ausgestiegen sei. Daher fehlten 3 Millionen Pfund. Die Suche nach neuen Investoren blieb erfolglos. In seiner Verzweiflung gelangte das Management nochmals an die Walliser Skiorte und fragte an, ob sie bereit wären, Sitzplatzkontingente auf Flügen zu kaufen. Sie lehnten ab. Powdair musste den Start auf 2018 verschieben. Auf Fragen dieser Zeitung hat die Airline nicht reagiert.

«Die Chance, das Geld wiederzubekommen, scheint sehr gering zu sein.»Judith Mayencourt, Sprecherin Gemeinderat Sitten

Wenige glauben daran, dass es überhaupt noch zu einem Start kommen wird. Auch die Stadt Sitten nicht. Eigentlich habe man gemäss Vertrag das Recht, die Hälfte der an Powdair überwiesenen Gelder zurückzufordern, sagt Sprecherin Mayencourt. «Die Chance, das Geld wiederzubekommen, scheint aber sehr gering zu sein.» Die Gemeinde kann es verkraften. Der Posten macht ein halbes Promille des Jahresbudgets aus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2018, 21:01 Uhr

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