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Das Polo-ShirtSystemrelevant wie Jeans und Turnschuhe

Das Polohemd hat einen Sexappeal irgendwo zwischen Spezialagent und Bademeister. In Mode war der Klassiker schon länger nicht mehr – jetzt aber kehrt es auf den Laufsteg zurück.

Sag niemals nie zum Polo-Shirt: Sean Connery, 1962, als er «Dr. No» drehte.
Sag niemals nie zum Polo-Shirt: Sean Connery, 1962, als er «Dr. No» drehte.
Bild: imago images/Everett Collection

Beginnen wir mit Clint Eastwood, weil der Schauspieler und Regisseur ja gerade 90 Jahre alt geworden ist und deshalb überall noch mal in seiner legendären Uniform aus Hemd, Poncho, Gambler Hut oder im Dirty-Harry-Anzug gezeigt wurde, während er in Wirklichkeit natürlich ein ganz anderes modisches Habitat pflegt: Eastwood ist vor allem ein Polohemd-Träger.

Das ist keineswegs negativ und schon gar nicht politisch gemeint, sondern erst einmal eine Feststellung. Schon Mitte der Sechzigerjahre trug der Schauspieler in den Drehpausen zu «Für eine Handvoll Dollar» am knallheissen Set von Almeria ein eng anliegendes, grünes Polo der Marke Lacoste, später ähnliche Modelle auf der Leinwand, etwa in «Million Dollar Baby» und «Gran Torino». Obwohl er in letzterem Film auch oft im grauen T-Shirt zu sehen ist, was seine Figur noch reaktionärer, vor allem älter und unfitter aussehen lässt als im Polo – und genau hier liegt der springende Punkt: Das Polohemd ist in gewisser Weise der Stützstrumpf unter den Männer-Oberteilen.

Während sich unter einem dünnen T-Shirt-Stoff Ansätze von Wölbungen abzeichnen, vermag das festere Baumwoll-Piqué mit seiner waffelartigen Struktur optisch zu strecken und zu kaschieren. Obendrein lenkt der Kragen mit Knopfleiste den Blick geschickt auf die in jedem Alter meist weniger problematische Schlüsselbeinpartie.

Obama, Dean und Prince Charles – dieses Teil verbindet sie alle

Der Prince of Wales wechselt sein Shirt während eines Polo-Spiels im Jahr 2015 in Windsor.
Der Prince of Wales wechselt sein Shirt während eines Polo-Spiels im Jahr 2015 in Windsor.
Bild: Getty Images

Sicher, dieses Kleidungsstück hat auch noch andere Vorzüge. Es ist der perfekte Zwitter aus T-Shirt und Hemd. Halb formal, halb lässig, mit sauber gerippten Bündchen an den kurzen Ärmeln. «Smart casual» wie die Amerikaner sagen, so ziemlich immer und überall tragbar, von der Garten- bis zur Houseparty. Auf geheimer Mission oder beim Entlauben des Poolbereichs. Deshalb lautet die Frage auch nicht, wer Polohemden anzieht, sondern eher, wer nicht. Barack Obama, Donald Trump, die Gallagher-Brüder, James Bond (Sean Connery wie Daniel Craig), James Dean - zumindest dieses eine Teil verbindet sie alle.

Auf die Frage, ob er eine Kleiderordnung beim Schreiben habe, so wie Scott F. Fitzgerald sich nur im Brooks-Brothers-Anzug an den Schreibtisch setzte, antwortete der Schriftsteller einmal in einem Interview, ihm gelinge am besten etwas in Cordhose und einem Polohemd von Lacoste.

Logos und Trage(un)sitten erst einmal beiseitegelassen, ist das Kleidungsstück an sich also das, was man in der Mode gemeinhin einen Klassiker nennt. Für die Alltagskleidung von Männern ungefähr so systemrelevant wie Jeans und Turnschuhe.

Diesen Sommer lockerer geschnitten – und für Frauen

Wirklich «angesagt» allerdings war das Polo schon länger nicht mehr, aber genau das ändert sich gerade wieder. Der französische Designer Jacquemus zeigte bereits für vergangenen Sommer extra enge Poloshirts mit Streifen im Stil der Siebzigerjahre. Diesen Sommer sind sie bei ihm lockerer geschnitten, mal mit Farbverlauf, mal in Pastellfarben, auch mal ohne Knöpfe, einfach mit offenem Kragen. Fendi hat aktuell ein Polo aus Jeans im Programm, bei Lacoste experimentiert die neue Designerin Louise Trotter mit XXL-Kragen, aufgesetzten Taschen, Bündchen aus Leder. Und Hedi Slimane brachte bei Celine gerade eine limitierte Sonderkollektion mit dem deutschen Künstler André Butzer heraus, darunter Polos mit Butzers «Wanderer»-Logo. Preis des modischen Kunstwerks: rund 450 Franken.

So sieht das Polo-Shirt diesen Sommer bei Lacoste aus.
So sieht das Polo-Shirt diesen Sommer bei Lacoste aus.
Bild: Getty Images

Noch interessanter ist allerdings die Rückkehr des Polos in die Damenmode, wo es seit den Achtzigern abseits des Tennis- oder Golfplatzes keine nennenswerten Auftritte mehr hatte. Lange her, dass «Joghurette-Frauen» darin durch die Vorstadt radelten; unglaublich, dass Kelly McGillis in so einem Aufzug (Pullover über den Schultern inklusive) ernsthaft als «Love Interest» von Tom Cruise in «Top Gun» durchgehen konnte.

Bei Paco Rabanne wurde ein knallrotes Polo unter ein Kettenhemd-Kleid gezogen.

Der Moment für den aktuellen Sinneswandel lässt sich ausnahmsweise sogar ziemlich genau bestimmen: September 2019. In jenen Tagen legten Häuser wie Ferragamo und Bottega Veneta den Frauen für den Sommer 2020 Lederkleider ans klimaanlagengekühlte Herz, Gucci sorgte mit zwangsjackenähnlichen Entwürfen für Aufsehen, aber die wirklich bahnbrechende Nachricht von den Mailänder Schauen war: «Polos bei Prada.»

Denn es waren gleich ein Dutzend davon auf dem Laufsteg zu sehen gewesen. Nicht aus Baumwoll-Piqué, kaum sportlich, sondern aus feinem Kaschmir-Seiden-Gemisch, halb durchsichtig, mit nichts darunter, aber hoch zugeknöpft. Kombiniert wurden die Hemdchen zu Anzügen, langen Röcken aus Leinen oder Leder. Ein eigentlich ganz simpler Look, den Miuccia Prada trotzdem als Eröffnung und Schluss für die Show wählte, was gewissermassen immer als «Ansage» für die gesamte Ausrichtung einer Kollektion zu verstehen ist. Das Poloshirt bekam in diesem Moment eine neue Facette, einen anderen Kontext verliehen.

Ein paar Tage später zeigte das junge Label Rokh ebenfalls Polos zu langen Röcken, bei Paco Rabanne wurde ein knallrotes Polo unter ein Kettenhemd-Kleid gezogen. Influencer trugen daraufhin Lederröcke mit gestrickten Polohemden, ausgewaschene Lacoste-Männerhemden zu Shorts und Highheels. In der Mode geht es bekanntlich immer mehr um neues Styling statt neuer Schnitte, nun wird eben das Polo umgekrempelt.

1933 kam das Krokodil aufs Shirt

Damit beginnt gewissermassen das nächste Kapitel eines Kleidungsstücks, das in seiner Geschichte schon eine ganze Menge mitgemacht hat. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts sollen die britischen Kolonialherren beim Polospielen ein Kurzarmshirt aus Baumwollstoff mit Kragen getragen haben, daher der Name. Aber erst in den späten 1920er-Jahren etablierte der französische Tennisspieler René Lacoste das Polohemd, wie wir es heute kennen. Statt dem üblichen, unbequemen Herrenhemd mit hochgekrempelten Ärmeln wählte er ein atmungsaktives, kurzärmeliges Shirt mit Kragen und Knopfleiste.

1933, nach dem Ende seiner Karriere, brachte er sein "Petit Piqué" auf den Markt. Ein Hemd mit Wabenstruktur, die entsteht, wenn Fasern in zwei verschiedenen Spannungsebenen miteinander verbunden werden, und dadurch besonders atmungsaktiv wird. Außerdem ließ er ein Krokodil als Anspielung auf seinen Spitznamen «The Crocodile» auf der Brust anbringen und kreierte obendrein das erste sichtbare Logo in der Mode. Rückblickend sollte das einiges lostreten und Konsumkritiker zur Verzweiflung bringen, in diesem Moment aber revolutionierte es zunächst einmal nur den Tennissport.

Im vergangenen Jahr verkaufte die französische Marke weltweit jede Sekunde zwei Produkte mit dem Krokodil-Logo. Überflüssig zu erwähnen, dass die Zielgruppe über den Rasen hinausgewachsen ist.

Der «Popper» ist erst komplett mit Chinos und Loafer

Auch andere berühmte Polomarken stammen aus dem Sportbereich. Der Brite Fred Perry, ebenfalls ehemaliger Tennisspieler, brachte zum Start von Wimbledon 1952 seine Version des Shirts heraus, mit zwei schmalen Streifen am Kragen. Das «Polo-Polo» hingegen, mit dem namensgebenden Spieler darauf, folgte erst zwanzig Jahre später. Gespielt hatte der Amerikaner Ralph Lauren den Sport zum damaligen Zeitpunkt zwar noch nie, aber die Idee von dieser Welt gefiel ihm so gut, dass er gleich seine ganze, sportlichere Zweitmarke danach benannte: Polo Ralph Lauren.

Tennis und Polo, dazu frühe Fans wie Grace Kelly, John F. Kennedy, Präsident Eisenhower – mehr Elitismus konnte man in den kleinen Waben kaum anlagern. Kein Wunder, dass das Hemd zum Synonym des Preppy Chic wurde, benannt nach jenen wohlhabenden Sprösslingen, die auf private «Prep Schools» als Vorbereitung für die Top-Unis gingen. Die Komplettausstattung umfasste noch Chinos und Loafer. Die hiesige Version davon wurde in den späten Siebzigern und Achtzigern bekanntlich «Popper» genannt.

Das Image des Polohemds langfristig versaut haben jedenfalls jene unter ihnen, die auf die Idee kamen, den gerippten Kragen aufzustellen. Warum, ist nicht ganz geklärt. Als Casual-Version von Humphrey-Bogards aufgestelltem Trenchcoat-Kragen in «Casablanca»? Um optisch Überlegenheit zu suggerieren? Jedenfalls machen sich bis heute wegen dieser modischen Albernheit immer noch Leute über «Polohemdenträger» lustig. Während sie natürlich selbst welche im Schrank haben.

 Kragen hoch macht Sinn beim Regenmantel – aber beim Poloshirt? Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in einer Szene aus «Casablanca» von 1943.
Kragen hoch macht Sinn beim Regenmantel – aber beim Poloshirt? Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in einer Szene aus «Casablanca» von 1943.
Bild: Keystone

Aber es gab ja immer auch andere Strömungen und Gegenbewegungen, so wie die Mods in den Sechzigern sich das Statussymbol des Establishments zu eigen machten, um dagegen zu rebellieren. Als Kontrast knöpften sie das Hemd extrahoch zu. Legionen von weniger elitären Sportlern trugen das Kleidungsstück wegen seiner Bequemlichkeit. In der aktuellen Netflix-Serie «The Last Dance» über Michael Jordan wimmelt es von Polos.

Unvergessen auch, wie der junge Arnold Schwarzenegger das elastische Bündchen mit seinem Bizeps bis zum Anschlag dehnte. Daneben wurden Scharen von Servicepersonal (von McDonald's bis Deutsche Bahn) im Laufe der Zeit von Berufs wegen zu Polohemdträgern gemacht. So viel zum Thema Eliten-Chic. Aber deren Ruf ist ja eh ruiniert. Bleibt die Frage, warum das Kleidungsstück ausgerechnet jetzt wieder im Trend liegt.

Nostalgie spielt sicher eine Rolle. Im Film «Call Me By Your Name» etwa trägt der Schauspieler Timothée Chalamet drei verschiedene Versionen von Lacoste-Shirts. Spiessig sieht er damit nie aus, propper vielleicht ein bisschen, aber seine sind gut abgetragen, leicht ausgebleicht. Vintage-Shops sollen daraufhin reihenweise alte Poloshirts verkauft haben. Ein anderer Grund dürfte eine vorsichtige Abkehr von allzu schluffiger Streetwear für Männer sein – zurück zu mehr «Angezogensein». Zwei Knöpfe am Hals können da schon eine Menge ausrichten.

In der Frauenmode soll alles wieder ein bisschen einfacher, essentieller werden. Naturmaterialien, Handwerk, Teile, die länger getragen werden. Von allem und insgesamt «weniger», sagte Miuccia Prada nach ihrer Sommerkollektion. Wer will, darf bestimmt trotzdem einen BH unters Polo ziehen.