Terrorangst – diese Stadt lernte damit leben

Muss diese Gewaltbedrohung einen erdrücken? Nein! Beispiel dafür sind die Menschen in Tel Aviv. Wie machen die das?

Demonstrative Normalität: Strandleben in Tel Aviv.

Demonstrative Normalität: Strandleben in Tel Aviv. Bild: Marcus Vogel (Laif)

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* Dieser Artikel wurde nach dem Terror in Paris publiziert.

Die Anschläge in Europa haben auch in Zürich die Stimmung verändert. In einer Stadt, die bis anhin als sehr sicher galt, machen sich die Menschen Sorgen – wie in anderen Städten Europas auch. Die Terrorangst, von der man dachte, es gebe sie nur weit entfernt, ist Teil der eigenen Lebenswelt geworden. Wo kann man noch hingehen? Welche Orte soll man meiden? Ein geistiger und emotionaler Ausnahmezustand hat Einzug gehalten.

Eben trat der israelische Sänger Idan Raichel im Moods auf. Und plötzlich sah sich der Zürcher Club mit einem Publikum konfrontiert, das sich erkundigte, wie es um die Sicherheit stehe. In Brüssel war die Situation in den letzten Tagen weit prekärer: konkrete Terrorwarnung, Stillstand der Stadt, kein öffentlicher Verkehr, mit Gewehren patrouillierende Sicherheitskräfte.

Eine Stadt wie Zürich

Was in Europa die Ausnahme ist, ist in Tel Aviv Normalität. Die israelische Metropole ist eine lebendige, westlich fühlende Stadt. Aber auch eine Stadt, die immer wieder mit Terror und Terrorangst zu kämpfen hat. Selbstmordattentate, Bomben, Messerstechereien gehören zum Alltag – als lauernde Bedrohung wie auch als regelmässige Realität. An jenem Freitag, als in Paris die Anschläge geschahen, wurden im Süden Tel Avivs bei einem Terrorakt zwei Israelis erstochen und einer verletzt.

Wie Zürich zählt Tel Aviv rund 400 000 Einwohner. Wie Zürich ist die Stadt das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes, mit einer ausgeprägten und sehr jugendlichen Ausgangsszene. Wie in Zürich treten in Tel Aviv internationale Künstler auf, sind die Restaurants Abend für Abend gut besucht, werden die Cafés emsig frequentiert. Dazu hat Tel Aviv einen Strand, an dem nicht nur die vielen Touristen verkehren, sondern auch Einheimische. Zu jeder Nachtstunde trifft man in Tel Aviv Menschen auf den Strassen. Die Stadt schläft nie.

Stets alarmbereit

In Zeiten der allgemeinen Unsicherheit kommt umso deutlicher zum Ausdruck, was Tel Aviv auszeichnet: Die israelische Metropole macht vor, wie sehr sich der Mensch an eine Bedrohung gewöhnen kann. Und wie wenig diese im Endeffekt den Alltag des Einzelnen beeinflussen muss. Man stelle sich vor, in Zürich käme es zu einem Terrorakt: Das Leben würde einfrieren, ein Klima des Misstrauens entstünde sofort. Man würde den Sitznachbarn im Bus oder im Café als potenzielle Bedrohung wahrnehmen. Keiner würde seinen Tag nach der üblichen Routine beenden, keiner sein Wochenende wie gewohnt planen.

In Tel Aviv aber gilt die Devise: «Wir lassen uns nicht terrorisieren.» Der Alltag muss weitergehen, in schweren Zeiten erst recht, das ist die Einstellung. Die Unsicherheit in der Stadt ist immer dann spürbar gross, wenn die Medien – wie kürzlich im Falle einer Messerstecherei – berichten, dass die Polizei einen zweiten Attentäter auf freiem Fuss vermutet. Wenn man davon ausgeht, dass auf den Strassen noch ein Attentäter mit Mordauftrag unterwegs ist und man ihm auf dem Nachhauseweg begegnen könnte. Und doch macht man trotz Unbehagen weiter, macht sich wie gewohnt auf den Heimweg. Die Menschen in Tel Aviv sind Meister der Gleichzeitigkeit: Sie praktizieren, so gut es irgendwie geht, Normalität und sind trotzdem stets alarmbereit.

Steht eine unbeaufsichtigte Tasche auf der Strasse, wird diese als «unidentifizierbarer Gegenstand» deklariert. Es gibt kein Fundbüro, wo der Finder die Tasche hinbringen kann. Wer eine dubiose Tasche sieht, ruft sofort die Polizei, ohne sich zu nähern. Es könnte eine Bombe sein. Vor wenigen Tagen kam es an der bekannten Dizengoff-Strasse zu dieser Situation: Die Polizei sperrte das Areal grossräumig ab und wartete auf das Spezialkommando, welches den Gegenstand an Ort und Stelle sprengte.

Zehn Anschläge in einer Woche

Es gibt in Tel Aviv keine «Fundstücke». Es gibt nur potenzielle Sprengkörper. Eine solche Situation erlebt man in Tel Aviv alle paar Wochen. Restlos abgebrüht sind seine Menschen dennoch nicht. Das zeigt sich in den Schreckensmomenten, die der Stadt ihre eigene Zerbrechlichkeit vor Augen führen. Als Anfang Oktober eine Israelin neben dem Azrieli-Einkaufscenter erstochen und vier weitere verletzt wurden, war dies bereits der zehnte Anschlag auf Israelis innert einer Woche. Doch es war der erste in Tel Aviv.

In der israelischen Grossstadt fühlen sich die Bürger oft unverwundbar. Man lebt in der Tel-Aviv-Blase und vergisst gern, dass man selber ein Teil Israels und Teil des Nahostkonfliktes ist. Man ist natürlich betroffen, wenn man von Anschlägen in Hebron oder Jerusalem hört und liest, denkt aber selten, dass so etwas auch in Tel Aviv passieren könnte. Denn Tel Aviv ist eigentlich eine Stadt, wo Araber und Juden beinahe problemlos nebeneinander und miteinander leben. Wenn es dann tatsächlich einen Anschlag gibt, wird die Bedrohung für die Menschen in Tel Aviv real. Das böse Erwachen folgt und der Schockmoment, in dem man realisiert, dass man Teil des Konfliktes ist.

Nur kurz aus dem Konzept

Nach der Attacke Anfang Oktober waren die Strassen abends spürbar leerer. Auch an den folgenden zwei Abenden war es nach Einbruch der Dunkelheit ruhiger draussen. Man merkte, dass es den Menschen nicht wohl war beim Gedanken, das Haus zu verlassen. In den Strassencafés hört man an solchen Tagen die Diskussionen unter den Israelis, ob man die nächsten Tage mit dem Bus zur Arbeit fahren oder ob man nicht lieber ein Taxi nehmen soll. Die Anspannung verfliegt aber nach wenigen Tagen, und die Stadt kehrt wieder zur Normalität zurück. Folgende Attentate reissen die Leute nicht gleichermassen aus dem Konzept wie der jeweils erste einer neuen Welle. Er ist eine Realitätsohrfeige, die Tel Aviv trifft. Danach ist die Stadt wieder abgehärtet und macht weiter wie gewohnt.

Auch Tel Aviv ist aus dem Konzept zu bringen, aber immer nur kurz. Es gibt keine Anleitung, wie man in Sicherheit bleibt. Das Bauchgefühl liefert die Antwort. Das heisst umgekehrt, dass sich die Einwohner Tel Avivs daran gewöhnt haben, dass jeder auf seine Art auf die Bedrohung reagiert. Man ist tolerant im Respektieren dieser individuellen Antworten. Will einer nach einem Anschlag den engen, vollen Carmel-Markt nicht mehr besuchen, wird das akzeptiert. Genauso, wie wenn sich jemand weiterhin unbeirrt in eine Menschenmenge begibt.

Das Unberechenbare gehört zum Terrorismus. Es kann theoretisch immer und überall passieren, das weiss man in Tel Aviv seit längerem. In Europa, in der Schweiz dagegen ist dieses Bewusstsein noch jung. Die Einwohner Tel Avivs reagieren darauf mit Wachsamkeit, aber auch mit Fatalismus: Sie akzeptieren, dass man sich nie auf alle Eventualitäten vorbereiten kann. Vor allem aber hat man in Tel Aviv verstanden, dass der Terrorismus Leben und Lebensfreude auslöschen will, weshalb sich eine bedrohte Stadt stets aufs Neue dafür entscheiden muss, weiterzuleben: «Man darf sich nicht terrorisieren lassen.» Das Motto eignet sich auch für Paris, Brüssel oder Zürich.

Erstellt: 24.03.2016, 09:46 Uhr

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*Joëlle Weil

Die Zürcherin arbeitet seit 2013 als freie Journalistin in Tel Aviv.
(Bild: PD)

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