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Der rätselhafte Tod von Olof PalmeSteht Schwedens grösster Mordfall vor der Aufklärung?

Vor 34 Jahren wurde der schwedische Premierminister auf dem Heimweg vom Kino erschossen. Am Mittwochmorgen will der Staatsanwalt neue Erkenntnisse zum ungelösten Fall vorstellen.

Olof Palme, Ministerpräsident von Schweden, an einer Pressekonferenz in Genf, undatierte Aufnahme.
Olof Palme, Ministerpräsident von Schweden, an einer Pressekonferenz in Genf, undatierte Aufnahme.
Foto: Keystone

Am Abend des 28. Februar 1986 wird der schwedische Premierminister Olof Palme aus nächster Nähe erschossen. In Stockholm macht er sich mit seiner Frau nach einem Kinobesuch gerade auf den Heimweg, ohne Leibwächter oder Polizeischutz. Ein Mann schiesst ihm aus kurzer Distanz zweimal in den Rücken und flieht. Der 59-jährige Palme wird noch in ein Krankenhaus gebracht, wo er kurz darauf stirbt.

Wer Olof Palme erschossen hat, weiss man bis heute nicht, eine Tatwaffe wurde nie gefunden. Am Mittwochmorgen um 9.30 Uhr will der seit 2017 ermittelnde Staatsanwalt Kristen Petersson nun seine neusten Erkenntnisse vorstellen, womöglich nennt er Verdächtige und weiss mehr über die Hintergründe des Attentats.

Die Hoffnung, nach 34 Jahren endlich Antworten zu erhalten, ist in Schweden gross – denn der Mord am beliebten Politiker hinterliess eine schmerzhafte Wunde in der traditionell offenen Gesellschaft. Und bislang scheiterten noch alle Polizeichefs und Staatsanwälte an der Aufklärung des Verbrechens.

Zuerst sah der Fall noch vielversprechend aus: Nach intensiven Ermittlungen wurde 1989 zwar der Kleinkriminelle Christer Pettersson als Attentäter verurteilt. In zweiter Instanz wurde er aber wieder freigesprochen, unter anderem, weil die Behörden der Witwe Palmes bei der Gegenüberstellung mit dem mutmasslichen Täter entscheidende Hinweise auf Pettersson gaben.

Eine Tat, viele Theorien

Um den Mord an Schwedens Premier ranken sich seither zahlreiche Verschwörungstheorien – das Attentat auf den charismatischen Palme wird daher oft mit jenem auf John F. Kennedy 1963 verglichen. In jüngster Zeit besonders beliebt ist die Theorie, dass eine geheime Nato-Gruppe Olof Palme ermorden liess, weil dieser im Kalten Krieg der Sowjetunion nicht genügend forsch die Stirn bot und die atomare Aufrüstung der Nato bekämpfte. Auch der «Skandia-Mann» gilt für viele als Täter – er hegte offenbar einen Hass auf den Premierminister, war der erste Zeuge am Tatort und arbeitete im nahe gelegenen Skandia-Gebäude.

Oder liess die Waffenlobby den Sozialdemokraten beseitigen, weil er sich immer wieder gegen Kriege und für Abrüstung starkmachte? War es die Kurdische Arbeiterpartei PKK, die zu jener Zeit hinter mehreren Morden in Europa steckte? Hatte der angeblich rechtsextremistisch unterwanderte schwedische Geheimdienst seine Finger im Spiel? Oder steckt gar die CIA hinter dem Attentat?

Das Archiv mit allen Akten zum Mordfall Olof Palme füllt 250 Meter Regalfläche. 10’000 Zeugen wurden befragt, 8000 Spuren untersucht, doch bis heute konnte niemand – im Bild Stig Edqvist, Chefermittler von 1996 bis 2017 – den Fall lösen. Die Kosten übersteigen mittlerweile 40 Millionen Franken.
Das Archiv mit allen Akten zum Mordfall Olof Palme füllt 250 Meter Regalfläche. 10’000 Zeugen wurden befragt, 8000 Spuren untersucht, doch bis heute konnte niemand – im Bild Stig Edqvist, Chefermittler von 1996 bis 2017 – den Fall lösen. Die Kosten übersteigen mittlerweile 40 Millionen Franken.
Foto: Reuters

Auch der südafrikanische Geheimdienst wird des Mordes an Palme verdächtigt, weil sich der Schwede gegen das Apartheid-Regime starkgemacht hatte. Offenbar gab es in den 1990er-Jahren mehrere Geständnisse von Geheimagenten, und die schwedische Polizei bestätigte, dass sich zum Zeitpunkt des Attentats tatsächlich ein südafrikanischer Geheimagent in Stockholm aufgehalten hatte. Auch der Journalist Jan Stocklassa ging dieser Spur nach, er führte Recherchen des 2004 verstorbenen Krimiautors Stieg Larsson weiter.

Geständnisse gab es allerdings von mehreren Personen und Organisationen. So bekannte sich auch die Rote-Armee-Fraktion RAF zur Tat, die Polizei hielt das aber für gelogen. Insgesamt gingen über die Jahre rund 130 Geständnisse ein, keines davon stellte sich aber als glaubhaft heraus.

Staatsbegräbnis: Am 15. März 1986 wurde Olof Palme in Stockholm zu Grabe getragen.
Staatsbegräbnis: Am 15. März 1986 wurde Olof Palme in Stockholm zu Grabe getragen.
Foto: Reuters

Kritik an Ermittlern

Neben den möglichen Motiven und Hintergründen steht auch die Rolle der Ermittler im Zentrum der Diskussionen. Die Polizei wird von Journalisten, Autoren und Olof-Palme-Biografen immer wieder als inkompetent kritisiert. Neben den Fehlern beim Prozess gegen Christer Pettersson hat die offenbar nachlässig geführte Ermittlung direkt nach dem Mord dazu beigetragen.

So wurde der Tatort nicht richtig abgesperrt, wobei womöglich Spuren verwischt wurden. Die Projektile wurden von Zivilisten gefunden, was nicht für eine saubere Polizeiarbeit spricht. Und die leichten Verletzungen von Olof Palmes Witwe wurden nie genauer untersucht – sie hätten genauere Hinweise auf die Tat liefern können.

Weshalb der Stockholmer Polizeichef die Ermittlungen übernahm und nicht etwa eine Bundesbehörde, ist bis heute unklar. So warten die Schweden nun gebannt darauf, ob es am Mittwochmorgen endlich Klarheit über die Tat an einem der beliebtesten und international bekanntesten schwedischen Politiker gibt.

Olof Palme nach seinem Wahlerfolg 1985
Olof Palme nach seinem Wahlerfolg 1985
ddp/STELLA Pictures/Stefan Lindblom

Kampf für Frieden und Gleichberechtigung

Olof Palme wurde 1927 als jüngster Sohn einer Familie im Stockholmer Nobelviertel Östermalm geboren. Er schloss sich bereits in jungen Jahren den Sozialdemokraten an und setzte sich für Frieden, Abrüstung und gegen das Apartheid-Regime in Südafrika ein.

Bereits als 36-Jähriger wurde er Staatsrat und war damit in der schwedischen Regierung. Während dieser Zeit protestierte der eigentlich amerikafreundliche, aber friedensliebende Palme auch gegen den Vietnamkrieg und kritisierte die USA für deren Kriegsverbrechen, für die er gar Nazi-Vergleiche heranzog.

Palme amtierte zweimal als schwedischer Premierminister, einmal von 1969 bis 1976 und danach von 1982 bis zu seiner Ermordung 1986. Er konnte in seiner Amtszeit mit familienpolitischen Reformen Erfolge feiern und setzte sich für mehr Gleichheit und Gleichberechtigung ein. Der Sozialdemokrat schuf Kindergartenplätze und öffnete den Arbeitsmarkt für Frauen. International vermittelte er im Ersten Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak.

Mitten im Kalten Krieg besuchte der Antikommunist auch Fidel Castro in Kuba. In Schweden wurde er deswegen als Spion der Sowjetunion verunglimpft und erhielt Morddrohungen. Trotzdem verzichtete er auf einen gepanzerten Dienstwagen und war immer wieder ohne Leibwächter unterwegs.

Olof Palme besuchte 1975 den kubanischen Staatspräsidenten Fidel Castro.
Olof Palme besuchte 1975 den kubanischen Staatspräsidenten Fidel Castro.
Foto: action press

Medienkonferenz live auf Youtube

Nachdem viele Polizeichefs und Staatsanwälte den Fall Olof Palme jahrelang erfolglos untersuchten, leitet seit Februar 2017 der Staatsanwalt Krister Petterson die Ermittlungen. Er gab sich schon früh optimistisch, neue Erkenntnisse zum Fall zu haben. Anfang 2020 sprach er von neuen Spuren und Verdächtigen, offenbar soll er auch den Tathergang konstruiert haben.

Am Mittwochmorgen will er die Ergebnisse seiner Arbeit vorstellen und entweder Anklage gegen Verdächtige erheben oder aber die Ermittlungen nach über 34 Jahren einstellen. Letzteres müsste aber nicht unbedingt ein Misserfolg sein, denn die meisten bisher Verdächtigten oder infrage kommenden Täter sind mittlerweile verstorben und können demnach nicht mehr angeklagt werden. So starb der in erster Instanz verurteilte Christer Pettersson 2004 nach einem Unfall, der erste Zeuge am Tatort, der «Skandia-Mann», erschoss sich im Jahr 2000 selbst.

Staatsanwalt Petterson tritt um 9.30 Uhr in Stockholm vor die internationalen Medien, wegen der Coronavirus-Pandemie werden seine Erläuterungen auch live auf Youtube zu sehen sein.

Olof Palme 1985 in Stockholm: Am Mittwochmorgen hofft Schweden auf neue Erkenntnisse über den Mord an ihrem Premierminister.
Olof Palme 1985 in Stockholm: Am Mittwochmorgen hofft Schweden auf neue Erkenntnisse über den Mord an ihrem Premierminister.
Foto: Keystone
Für die Familie des Sozialdemokraten ist der Fall aber längst gelöst: Die Witwe Palmes identifizierte Christer Petterson als Mörder und auch die Söhne des Paars glauben, dass der Kleinkriminelle die Tat begangen hat. Petterson wurde in zweiter Instanz mangels Beweisen freigesprochen.
Für die Familie des Sozialdemokraten ist der Fall aber längst gelöst: Die Witwe Palmes identifizierte Christer Petterson als Mörder und auch die Söhne des Paars glauben, dass der Kleinkriminelle die Tat begangen hat. Petterson wurde in zweiter Instanz mangels Beweisen freigesprochen.
REUTERS
Olof Palme, hier nach seiner Wahl zum Premierminister 1982, bleibt in Schweden und international in Erinnerung, nicht nur durch den ungelösten Mordfall, der Politiker begeisterte viele Menschen weltweit auch mit seinem leidenschaftlichen Einsatz für Gleichheit und Frieden.
Olof Palme, hier nach seiner Wahl zum Premierminister 1982, bleibt in Schweden und international in Erinnerung, nicht nur durch den ungelösten Mordfall, der Politiker begeisterte viele Menschen weltweit auch mit seinem leidenschaftlichen Einsatz für Gleichheit und Frieden.
via REUTERS
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