«Städte tragen eine besondere Verantwortung für die Artenvielfalt»

Soll der Igel erhalten bleiben, müssen ihm Städter ihre Gärten öffnen.

Die Fachstelle Natur der Stadt Bern sorgt dafür, dass stadteigene Anlagen möglichst vielfältige Lebensräume für Tiere und Pflanzen bieten. In der Mauer fühlen sich Eidechsen wohl, in den Sträuchern Vögel und im Holzhaufen finden kleine Säugetiere Verstecke.<p class='credit'>(Bild: Valérie Chételat)</p>

Die Fachstelle Natur der Stadt Bern sorgt dafür, dass stadteigene Anlagen möglichst vielfältige Lebensräume für Tiere und Pflanzen bieten. In der Mauer fühlen sich Eidechsen wohl, in den Sträuchern Vögel und im Holzhaufen finden kleine Säugetiere Verstecke.

(Bild: Valérie Chételat)

Naomi Jones

Frau Tschäppeler, ist es natürlich, dass Tiere in der Stadt leben?
Natürlich. Die Tiere waren vor der Stadt da. Zuerst gab es nur Naturlandschaft. Die Menschen waren Jäger und Sammler. Dann kam der Ackerbau. Das veränderte die Landschaft für Mensch und Tier. Weil sich unsere Landschaft in den letzten 100 Jahren so stark verändert hat, sind viele Arten bedroht. In der Schweiz steht es um die Biodiversität besonders schlecht. Einige Arten kommen im Mittelland hauptsächlich in den Städten vor. Darum tragen die Städte eine besondere Verantwortung für die Biodiversität.

Was bedeutet das?
Wir müssen den Tieren Lebensräume zurückgeben, indem wir die Landschaft renaturieren. Wo man das macht, vermehren sich die Tiere sogleich. Viele Arten sind also noch da, brauchen aber Reservate. Von dort können sie sich später hoffentlich wieder ausbreiten.

Welche Arten brauchen die Stadt?
Zum Beispiel der Igel. Er lebte in der traditionell bewirtschafteten Kulturlandschaft. Dann hat er sich in die Siedlungsgebiete zurückgezogen. Denn auf dem Land findet er heute zu wenig Verstecke und Futter. Aber in letzter Zeit nimmt die Zahl der Igel auch in den Städten ab. Wir haben nur noch wenig verwilderte Ecken und Gärten, wo Igel ungestört leben können. Wenn wir den Igel als Art erhalten wollen, müssen wir in den Städten genügend Lebensräume bieten.

Und warum sollen wir den Igel erhalten?
Warum nicht? Tiere machen Freude. Naturerlebnisse steigern die Lebensqualität. Es gibt fast niemanden, der nicht berührt ist, wenn er nachts ein wildes Tier in der Stadt antrifft. Vor allem aber ist die Biodiversität unsere Lebensgrundlage. Sie beschert uns sauberes Wasser und fruchtbare Böden. Wir sind auf ein funktionierendes Ökosystem angewiesen. Je grösser die Artenvielfalt ist, desto besser funktioniert es. Es ist absurd, wenn wir unsere Lebensgrundlage kaputt gehen lassen.

Ist das Verhalten der Tiere in der Stadt noch natürlich?
Die meisten Tiere verhalten sich auch in der Stadt gemäss ihrer Art. Darum sehen wir sie selten. Wenn man sie allerdings zu füttern beginnt, verlieren sie das natürliche Verhalten. Das gilt für Tauben wie für Füchse oder Krähen.

Was ändert sich dann?
Sie gewöhnen sich an das Futter und verlieren ihre Scheu vor den Menschen. Sie können ganz schön frech werden. Doch sie bleiben Wildtiere. Das kann zu heiklen Situationen führen.

Tiere in der Stadt machen Dreck und verbreiten Krankheiten. Das ist doch gefährlich.
Das war einmal. Die akute Bedrohung durch Tiere ist in der Stadt sehr klein. Es gibt keine ausgedehnten Sumpfgebiete mit Malaria mehr. Und Ratten, die Träger der Pestbakterien sein können, gibt es in der Stadt zwar, aber die Hygiene ist heute viel besser als zu Zeiten der Pestepidemien. Die Krähenkolonien machen zwar Dreck, verbreiten aber keine gefährlichen Krankheiten. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen. Das Einzige, wovor wir uns in Acht nehmen müssen, ist der Fuchsbandwurm, wenn man in direkten Kontakt mit Fuchskot kommt. Das kann geschehen, wenn man Erdbeeren oder Salat ungewaschen isst. Das gilt aber auch für Produkte aus der Landwirtschaft, die man im Laden kauft.

Was können wir Stadtbewohner für die Tiere in der Stadt tun, wenn wir sie nicht füttern dürfen?
Die Tiere brauchen drei Dinge: Wege, Verstecke und Nahrung. Wer einen Garten hat, kann für Löcher im Zaun sorgen, damit Kleinsäuger wie Igel in den Garten kommen können. Hier sollten sie Verstecke finden, also Laub- und Holzhaufen. Einheimische Pflanzen sind Nahrung für Insekten und diese wiederum für Vögel und Kleinsäuger. Wer einen Balkon hat, kann dort Wiesenblumen wachsen lassen. Und wer unter dem Dach wohnt, kann Nistkästen für Mauersegler montieren. Ich bin im Gäbelbach im 13. Stock aufgewachsen und hatte ein paar Balkonkistchen mit Gräsern. Dort nisteten eine Bachstelze und eine Amsel.

Der Bund

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