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Analyse zum Streit mit RusslandMit Sputnik V kommt der Tag der Wahrheit

Wenn der Westen den russischen Impfstoff will, ohne sich damit erpressbar zu machen, muss er auf mehr Zusammenarbeit und weniger Konfrontation setzen.

Sputnik V gilt als effektiv und sicher, doch politisch ist der russische Impfstoff umstritten.
Sputnik V gilt als effektiv und sicher, doch politisch ist der russische Impfstoff umstritten.
Foto: Pavel Golovkin (AP)

Auf den ersten Blick ist alles ganz einfach: Wir alle wollen die Pandemie loswerden und hoffen, dass Impfungen unser altes Leben zurückbringen. Auch Russland hat mit Sputnik V einen Impfstoff, der effektiv, sicher, leicht zu handhaben und erst noch billig ist. Was will man mehr?

Doch so einfach ist es nicht. Politiker überall sagen, Impfstoffe hätten nichts mit Politik zu tun. Das Gegenteil ist der Fall: Im Umgang mit Russland hat alles mit Politik zu tun. Und die Emotionen gehen hoch. Nach der Vergiftung und Verhaftung von Oppositionschef Alexei Nawalny erst recht. Der Westen hat nach dem Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok harte Strafen angedroht, passiert ist fast nichts. Russland seinerseits droht, man werde die Beziehungen mit dem Westen abbrechen, wenn neue Sanktionen beschlossen würden.

Auf dem hohen moralischen Ross

Und vor diesem Hintergrund wollen sie nun in aller Ruhe über den Impfstoff reden? Dass das nicht funktioniert, zeigt schon das ewige Gezerre um die Pipeline Nordstream 2, die Deutschland und Europa mit Gas versorgen soll. Bei jedem Streit, und es sind inzwischen unzählige, drohen europäische Politiker Russland mit Konsequenzen. Dann baut man doch weiter. Ein Baustopp würde die europäischen Investoren schliesslich teuer zu stehen kommen.

Doch solange der Westen auf dem hohen moralischen Ross sitzt und gleichzeitig immer dann eine Ausnahme macht von seinen Prinzipien, wenn es um seinen Vorteil geht, hat Präsident Wladimir Putin nichts zu befürchten. Mit solchen scheinheiligen Manövern hat man in Russland jede Glaubwürdigkeit verspielt, nicht nur im Kreml, auch bei den Menschen. Die Russen empfinden all die guten Ratschläge zu Demokratie und politischer Freiheit lediglich als hohles, selbstgerechtes Geschwätz.

Seine Vergiftung und Verhaftung hat einen erbitterten Streit ausgelöst: Oppositionschef Alexei Nawalny vor Gericht.
Seine Vergiftung und Verhaftung hat einen erbitterten Streit ausgelöst: Oppositionschef Alexei Nawalny vor Gericht.
Foto: AFP

Also konsequent sein und auf Sputnik V verzichten? Das ist in Anbetracht der dramatischen Corona-Lage wohl nicht zu empfehlen. Wissenschaftliche Untersuchungen geben Sputnik nach der anfänglichen Skepsis Bestnoten. Der Impfstoff steht den westlichen Präparaten, die auch in der Schweiz bereits in Gebrauch sind, kaum nach. Er muss nun von den Zulassungsstellen wie jedes andere Vakzin noch geprüft werden.

Doch mit Sputnik V kommt in der Russlandpolitik der Tag der Wahrheit: Entweder die Europäer nehmen den russischen Impfstoff und setzen in Zukunft auf mehr Zusammenarbeit, oder sie bleiben bei der Konfrontation und verzichten auf Sputnik V. Einen Mittelweg gibt es nicht. Natürlich ist diese Wahl schwierig, gerade auf dem Höhepunkt der neusten Spannungen. Allerdings darf sich der Westen nicht einbilden, öffentliche Stellungnahmen und Drohungen würden an Nawalnys Schicksal irgendetwas ändern. Im Gegenteil: Viele Russen sehen den Oppositionschef inzwischen als Lakaien des Westens – nichts schadet Nawalny mehr als das.

Vielleicht kann der Westen mit mehr Kooperation Einfluss zurückgewinnen, den er mit den Sanktionen verloren hat.

Und die Sanktionen, um die sich der erbitterte Streit letztlich dreht, haben kaum einen Effekt auf Russland. Putins Gefolgsleute, die im Zentrum der Strafmassnahmen stehen, sind die letzten Jahre noch reicher geworden. Das Volk schart sich in dieser Frage um den Präsidenten: Je mehr Druck von aussen, desto besser für den Kreml, der längst mit dem «feindlichen Ausland» Politik macht und Stimmen gewinnt.

Sputnik V könnte in dieser ganzen Misere eine Chance für einen Neubeginn sein. Vielleicht kann der Westen mit mehr Kooperation Einfluss zurückgewinnen, den er mit den Sanktionen verloren hat. Garantien gibt es keine. Einen Versuch wäre es wert.

136 Kommentare
    Heinrich Baur

    Russland hat noch nicht einmal genügend Impfkapazitäten um zeitnah 200mio Impfdosen für die eigene Bevölkerung zu produzieren, um wenigstens 70% Impfquote zu erreichen. Gemäss Gamaleya werden ab März allerdings gerade einmal 15mio Dosen/Monat in Russland produziert. Wenn derzeit ein paar Tausen nach Europa verschickt werden, dann fehlen diese bei der eigenen Bevölkerung. Das Ganze ist durchsichtige Propaganda. Die Produktionskapazität in Indien für "arme Länder" ist etwa gleich gross.

    Es gibt weltweit kaum zusätzliche Produktionskapaziäten. Warum also lamentiert der Kreml bei diesem Thema an den Europäern herum???