Zu Gold gereift

Wie viel Talent in Oliver Hegi steckt, zeigte sich früh. Nun die Krönung: Er bezwingt Epke Zonderland im spektakulären EM-Reckfinal und fliegt zum Sieg.

Mit Flugspektakel zu Gold: Oliver Hegi am Reck. Foto: Julian Finney (Getty)

Mit Flugspektakel zu Gold: Oliver Hegi am Reck. Foto: Julian Finney (Getty)

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Dann ist der Augenblick ­gekommen, doch Oliver Hegi sitzt einfach da. Die langen Beine verschränkt, im Gesicht ist keine Regung zu erkennen. Daneben reisst Teamkollege Taha Serhani Faxen in die TV-Kamera, Hegi dagegen hält einfach inne, einen kurzen Moment jedenfalls, dann reckt auch er die Faust.

Ein Jahr nach seiner EM-Silbermedaille am Reck hinter Landsmann Pablo Brägger krönte Hegi in Glasgow seine Leistungen und gewann Gold am Königsgerät. Der 25-Jährige bezwang dabei niemand Geringeren als Epke Zonderland, den spektakulärsten Reckturner der Geschichte. Zwar zeigte der fliegende Holländer auch in Glasgow eine seiner schwierigsten Übungen, er leistete sich aber viele Unsauberkeiten und einen ungeplanten Richtungswechsel.

Damit war der Weg frei für Hegi, er wiederum einer der filigransten Techniker im Feld der Reckspezialisten. Und längst ein Muster eines Spitzenturners. In der Qualifikation und im Teamfinal hatte er am Reck noch einen Schnitzer zu verzeichnen gehabt, seine beste Übung sparte er für jenen Wettkampf auf, in dem es für ihn Medaillen zu gewinnen gab. «Er hat es auf den Punkt gebracht», jubelte Nationaltrainer Bernhard Fluck. Fast als Zugabe gewann Hegi am Barren die Bronzemedaille.

Durch Mentaltraining seine Schwäche überwunden

So nervenstark wie gestern war Hegi nicht immer gewesen und nicht immer so ausgeglichen, um es genau dann am besten zu machen, wenn es zählt. Als er noch Junior war, da konnte ihm ein einziger Fehler die Laune so komplett verderben, dass er im Frust die Turnhalle verliess. Den Wettkampf abbrach, das Training hinschmiss. Auch als später, nach 2012 und seinem Wechsel ins Nationalkader nach Magglingen, ein Wettkampf nicht wunschgemäss verlief, beispielsweise mit einem frühen Fehler begann, da war für ihn der Wettkampf vorbei. Erzählt Fluck.

Hegi erkannte selbst, dass er diese Schwäche ohne Mentaltraining kaum würde überwinden können. Jahrelang beschäftigte er daraufhin privat einen Coach. Und sieht diese Massnahme jetzt mit Erfolgen bestätigt. Der Lernprozess war aber schmerzhaft, denn zum Siegturner musste er erst werden. Schon 2014 erreichte Hegi mit 19 erstmals am Reck einen EM-Gerätefinal – und verpasste Bronze um 0,008 Punkte. 2015 folgte der erste WM-Final, aber auch da blieb nach einem Sturz die Enttäuschung. Vor einem Jahr dann erreichte er mit Silber ein erstes Ziel. Und jetzt also Gold.

Einer wie keiner

«Er ist zum Mann gereift», sagt Fluck, und wie der Zürcher Coach der Siegerehrung auf dem Fernsehen hinter der Tribüne ganz still und ohne Regung zusah, wirkte er ergriffen. Hegi war und ist ein aussergewöhnlicher Turner im zwölfköpfigen Nationalkader. Einer wie keiner. Ein bisschen schwieriger zu fassen als andere, immer ein wenig in sich gekehrt, manchmal fast wie im Schneckenhaus. Er spricht nur, wenn er will. Gegenüber Journalisten sowieso, aber auch intern.

Dafür sind auch nur wenige so vielseitig wie der bärtige Sportstudent. So ist seine Kür am Reck reich an Flugteilen, sein Paradeelement ist ein Gienger-Salto mit Schraube. Daneben besticht er aber auch mit komplizierten Griffwechseln, die den Schwierigkeitswert genauso in die Höhe treiben. Doch das ist alles nichts wert, wenn die Ausführung unsauber ist. Und auch in der Haltung ist Hegi nur schwer zu schlagen. An der EM in Glasgow hat sich Hegi ausserdem als Captain bewährt, trotz seiner introvertierten Art. Unter seiner Führung hat es das ersatzgeschwächte Team geschafft, mit Rang 4 im Teamfinal trotzdem gut auszusehen. An den Geräten verpasste Taha Serhani am Reck Bronze so knapp wie nur möglich – als punktgleicher Vierter. Während das Riesentalent Henji Mboyo am Barren noch Lehrgeld zahlte.

Doch diese Erfahrung musste einst ja auch Hegi machen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2018, 23:05 Uhr

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