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Nur noch Dreiste lassen sich bei Dopingkontrollen erwischen

Der Sport spürt Betrüger immer ineffizienter auf, weil zu viele Organisationen an der Jagd beteiligt sind und sich gegenseitig lähmen.

Dreifachsieg für Russlands Langläufer über 50 km Freistil 2014 in Sotschi: Wylegschanin, Legkow und Tschernousow. Legkow und Wylegschanin wurden danach gesperrt. Foto: Getty
Dreifachsieg für Russlands Langläufer über 50 km Freistil 2014 in Sotschi: Wylegschanin, Legkow und Tschernousow. Legkow und Wylegschanin wurden danach gesperrt. Foto: Getty

Thomas Bach ist ein fintenreicher Spitzensportfunktionär. Es liegt dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) im Blut. Immerhin war der Deutsche einst Fecht-Olympiasieger. Als stärkster Mann des wichtigsten Sportverbands aber hat sich der 63-Jährige verzockt: Denn im Vorfeld der Winterspiele von Pyeongchang, die in einer Woche beginnen, wird nicht über das neue Schneesportland Südkorea debattiert, sondern über ein Chaos im Dopingkampf.

Gestern hob der Internationale Sportgerichtshof (CAS) nämlich die lebenslangen Sperren von 28 Russen auf. Diese hatte das IOK ausgesprochen und damit auf das systematische Russen­doping rund um die Winterspiele von 2014 in Sotschi reagiert. Es hatte viele Beweise gesammelt und zusammen­getragen – aber nur in wenigen Fällen positive Dopingproben vorzuweisen.

Gemäss den CAS-Richtern aber ist die Beweislage für eine Verurteilung über diese indirekte Art zu dünn. Dabei gilt diese Strategie im Dopingkampf mittlerweile als Königsweg. Nur Dumme oder zu Dreiste lassen sich noch mittels Kontrollen direkt erwischen, wie die Daten der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) jedes Jahr belegen.

Bilder: Russische Athleten unter Verdacht

Über 1000 russische Sportler waren von 2011 bis 2015 Teil des Betrugssystems: Ein Mann läuft an der Dopingkontrolle an den Winterspielen 2014 im russischen Krasnaya Polyana vorbei. (Archivbild)
Über 1000 russische Sportler waren von 2011 bis 2015 Teil des Betrugssystems: Ein Mann läuft an der Dopingkontrolle an den Winterspielen 2014 im russischen Krasnaya Polyana vorbei. (Archivbild)
Lee Jin-man, Keystone
Weitere belastende Erkenntnisse für systematischen Betrug der Russen: Ein Labortechniker im Dopingkontrollzentrum in Vancouver 2010 während Olympia. (Symbolbild)
Weitere belastende Erkenntnisse für systematischen Betrug der Russen: Ein Labortechniker im Dopingkontrollzentrum in Vancouver 2010 während Olympia. (Symbolbild)
Jae C. Hong, Keystone
Die neuste Generation der Fläschchen aus Ganterschwil SG wird seit April 2016 produziert: Produktion der Fläschchen.
Die neuste Generation der Fläschchen aus Ganterschwil SG wird seit April 2016 produziert: Produktion der Fläschchen.
PPR/obs/Berlinger Special AG, Keystone
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Die neusten Testzahlen stammen von 2016. Bloss 1,26 Prozent der 303'369 Proben wiesen verdächtige Werte auf, führten aber nicht einmal in allen Fällen zu einer Verurteilung. Somit ist das Manipulieren russischer Athleten zwischen 2010 und 2015 nur der öffentlich bekannteste Beleg dafür, wie bescheiden der Erfolg im Aufspüren von Betrügern ist. Wählt man wie das IOK trotzdem die indirekte Strategie, interveniert das Sportgericht. Die Schlüsselfrage lautet also: Wie konnte der Kampf gegen Doper derart zahnlos werden?

413 verschiedene Institutionen

Ein wesentlicher Grund versteckt sich hinter einer anderen Zahl aus dem neusten Kontrollbericht der Wada. Sie lautet 413. So viele Institutionen untersuchten die abgegebenen Urin- und Blutbehälter. Zu ihnen zählen die Wada selber, nationale Anti-Doping-Agenturen, nationale wie internationale Sportverbände oder private Firmen – die oft im Auftrag der Verbände die Kontrollen vornehmen. Diese Zahl verdeutlicht, dass eine Menge Player in der Dopingbekämpfung arbeitet.

Die Fülle kann zu einem Wirrwarr führen. So durfte während Olympischer Spiele lange nur das IOK die Athleten testen. Davor und danach aber waren alle anderen Instanzen zuständig. Vergehen während der Spiele sanktionierte das IOK, ansonsten urteilten die zuständigen nationalen bzw. internationalen Verbände.

In diesem Wirrwarr, auch der Kompetenzen, liess sich gut Verstecken spielen. Als das breite russische Dopen dank Whistleblowern, Recherchen, Dokumenten oder Datenbanken benannt war, foutierte sich das IOK kurz vor den Sommerspielen von 2016 um einen griffigen Entscheid. Es delegierte ihn an die internationalen Verbände. Als Ergebnis arbeiteten die einen ihre Russenfälle konsequent auf, dazu zählt primär der Leichtathletik-­Verband. Andere sperrten einzelne Russen oder taten: nichts. Es hätte ihnen ja bloss Probleme eingebracht.

Dopingexperte Hajo Seppelt: «Das ist eine Bankrotterklärung des Systems». Video: Tamedia/AFP

Dass die Welt-Anti-Doping-Agentur erste Beweise für breites Doping in Russland ignorierte und sie erst der mediale Druck zur Aufarbeitung des Falls zwang, irritierte Betrugsbekämpfer bis in die höchsten Stellen. Dabei sind die Verflechtungen offensichtlich. Craig Reedie, der Präsident der Wada, wirkte über Jahre auch als Vizepräsident im IOK – mit besten Kontakten zu russischen Kollegen. So schrieb der selbst erklärte Russenfreund eine E-Mail ans russische Sportministerium, in der er zumindest anklingen liess, dass sich «die Sache» wohl bald erledigt habe.

Nur Dumme lassen sich via Kontrollen direkt erwischen.

Nachdem diese seltsame Botschaft an die Öffentlichkeit gedrungen war, musste sich Reedie vom E-Mail distanzieren. Auch seinetwegen scheinen die Grenzen zwischen Gut und Böse zu verschwimmen, sich also Doping­bekämpfer als willige Helfer von Betrügern zu erweisen. Dabei ist die Integrität die schärfste Waffe der Dopingjäger. Geraten sie nur schon in den Verdacht, parteiisch oder abhängig zu sein, wankt das Fundament. Denn wenn sie als Rückversicherer des Fairplay falsch spielen, kollabiert das Vertrauen in einen sauberen Sport.

Bei einigen Exponenten ist es bereits zerstört. Zu ihnen zählt der renommierte deutsche Anti-Doping-Kämpfer Perikles Simon. Nach vielen Jahren ohne durchschlagenden Erfolg hat der Sportmediziner resigniert und erklärt, sich aus der Dopingforschung zurückzuziehen. Seine Begründung: «Wenn der Wille im Sport fehlt, eine gewisse Unabhängigkeit zu schaffen, und man beim Thema Doping dem ethischen Massstab nicht gerecht werden kann, muss man als Wissenschaftler Konsequenzen ziehen.»

Zu den Frustrierten gehört auch Matthias Kamber, der Chef von Antidoping Schweiz. Der Berner wird im Frühling nach vielen Jahren als höchster Schweizer Dopingjäger pensioniert. Er sagt, er habe den beruflichen Absprung verpasst. Kamber kritisiert neben den Sportverbänden, von denen viele die Dopingprobleme weiter kleinreden würden, auch die Wada. Sie sei seit ihrer Gründung vor 19 Jahren ein bürokra­tischer Moloch geworden. Mit ihren vielen Auflagen schikaniere sie die nationalen Agenturen, behindere ihre Arbeit und damit gar einen möglichst effektiven Dopingkampf.

Auffälliger Schweizer Experte

Zu den Frustrierten zählt auch Martial Saugy, der langjährige frühere Leiter des Anti-Doping-Labors von Lausanne. Der Romand geriet zuletzt in die Kritik, weil er rund um die Spiele von Sotschi vom russischen Sportministerium als unabhängiger Experte entlöhnt worden war. «Zum Betrügen eingekauft», hiess es betreffend Saugy rasch.

Dabei floss das Geld nicht an Saugy, sondern ans Labor. Und dass er ein Handlanger der Russen gewesen sein soll, wie ihn einzelne namhafte deutsche Medien darstellten, zählt zu den vielen schlechten Pointen in der verworrenen Russland-Geschichte – sie ist mit hoher Wahrscheinlichkeit schlicht falsch.

An Saugy aber lässt sich eine andere, problematische Verflechtung in der Welt der Dopingbekämpfer aufzeigen. Weil sein Labor auf Drittmittel angewiesen ist, um neben öffentlichem Geld überleben zu können, müssen viele dieser Experten zusätzliche Beträge hereinholen. Der 63-Jährige beriet etwa das IOK, die Weltverbände der Fussballer oder Leichtathleten und steht damit zwischen den Lagern: Als Spezialist hilft er im Anti-Doping-Kampf von Fifa oder IAAF mit – als Laborleiter bearbeitet er deren Proben.

Kommt es zu Problemen, frohlocken die Verschwörungstheoretiker. Als das Lausanner Labor 67 russische Urinproben der Welt-Anti-Doping-Agentur nach der Analyse standardmässig vernichtet hatte, zwitscherte es im Netz rasch, es habe als williger Helfer der Russen agiert. Eine Kommission des Universitätsspitals von Lausanne, dem das Labor angegliedert ist, fand zwar keine Unregelmässigkeiten oder Fehler vor. Trotzdem wird die Integrität von Saugy bis heute angezweifelt. Im aktuellen Dopingkampf gibt es darum vor allem eines: Verlierer.

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Video – Olympia 2018 in Pyeongchang

Die Aufnahmen zeigen, wie die Olympiaregion Pyeongchang aussieht und welche Disziplinen an den jeweiligen Orten ausgetragen werden.

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