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Nach Adelboden kämpft auch Wengen um sein Weltcuprennen – gegen das Wetter und gegen das Klima: Die zunehmend milden Winter erfordern Investitionen in Millionenhöhe.

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Juckt es die Österreicher, kratzen sich im Skirennsport selbst die Chefs. Und vor dem Rennwochenende am Lauberhorn juckt es die Trainer und Fahrer des mächtigen Verbandes. Am Hundschopf und am Silberhornsprung, um genau zu sein. Jedenfalls meldet Österreichs Vertreter an der Teamführersitzung am Mittwochabend im Wengener Schulhaus Sorgen zu diesen zwei spektakulären Sprüngen an. Ungenügend präpariert seien sie und in dieser Form ein Gesundheitsrisiko für die Fahrer.

Dass den Pistenarbeitern wegen der Beschwerden eine Nachtschicht bevorsteht, macht Markus Waldner deutlich, der FIS-Renndirektor aus Südtirol. «Sie werden es reparieren», verspricht er stellvertretend für die fast 400 Helfer.

Als zwölf Stunden später die Sonne wieder aufgeht, sind sie repariert, die monierten Stellen. Überhaupt erinnert an diesem Donnerstagmorgen nur noch wenig an die gewaltigen Sturmböen, die zwei Tage zuvor über die Lauberhornschulter zogen und grosse Teile der ­Infrastruktur zerstörten. Die mit Windgeschwindigkeiten von gegen 200 km/h am Hundschopf das Sicherheitsnetz zerfetzten und Stahlseile aus der Verankerung rissen. Mit einem Pistenfahrzeug haben die Helfer in der Nacht die Kuppe durch das Nadelöhr beim Felsen etwas erhöht, damit die Fahrer weiter springen. Es war – wie vor einer Woche in Adelboden – auch in Wengen ein Wettlauf gegen die Zeit, ob die Weltcuprennen würden stattfinden können.

30 Kilometer entfernt waren es ­heftige Regenfälle und eine eingestürzte Strasse gewesen, die Adelboden einen Tag vor dem Riesenslalom von der Umwelt abschnitten und den Transport von Mensch und War erschwerten. In ­Wengen sorgten der Föhnsturm vom Dienstag und der damit einhergehende Wärmeeinbruch für Sorgenfalten. In der Ortschaft selbst liegt seither kein Schnee mehr, und es wird auch keiner mehr ­erwartet. Für die Zuschauer im Ziel­bereich bedeutet dies, dass sie mit Matsch und dreckigen Schuhen werden auskommen müssen.

Ansprüche von allen Seiten

Für die Freiwilligen und Unfreiwilligen auf der Piste (das Gros der Helfer stellen Armee und Zivilschutz) wiederum ­bedeutete die veränderte Wetterlage einen Grosseinsatz – auf der viel zu ­weichen Piste müssen sie wieder einmal improvisieren. Es gilt ganz besonders, den Bedürfnissen der Fahrer gerecht zu werden. Jedoch stellen auch die Sponsoren ihre Ansprüche – ungeachtet der Umstände.

«Wie jedes Jahr ist es ein Suchen und Finden», sagt Rennleiter Robert Lehmann unauf­geregt, doch er erledigt diesen Job im Organisationskomitee nun auch seit bald vier Jahrzehnten. Die Schwierigkeit und Herausforderung ­daran sei, dass nie dieselben Temperaturen wie im Jahr zuvor geherrscht ­hätten und nie dieselbe Luftfeuchtigkeit, sagt Lehmann. Ein Patentrezept gibt es also nicht. Rege sei deshalb der Austausch mit Adel­boden, weil der dortige Rennleiter Hans Pieren ein Spezialist für hohe Temperaturen sei.

Und diese hohen Temperaturen werden für die Weltcuprennen im Berner Oberland immer stärker zum Problem. Stichwort Erderwärmung, die sich an den beiden Skistationen durchaus bemerkbar macht. In Adelboden war vergangene Woche die Piste weiss und der Rest erneut grün gewesen, in ­Wengen herrscht zumindest im Ski­gebiet weiss und sind alle Pisten offen.

Allerdings regnete es wie vielerorts in den Schweizer Bergen zum Jahres­wechsel auch in Wengen in den Schnee. Selbst auf der Schulter des Lauberhorns beim berühmten Starthaus, immerhin auf 2315 Metern gelegen. So etwas habe er im Januar noch nicht oft erlebt und sei höchst ungewöhnlich, sagt Manuel Wyss, der Chef des Rutschkommandos.

Die Grundvoraussetzungen für eine ­gelungene Weltcupabfahrt am Lauberhorn werden früh gelegt, diesmal im ­November mit einer Reihe von kalten Nächten und viel Schnee. 50, 60 Zentimeter betrug die Schicht, mit der die Piste schon früh eine Grundpräparation erhält. Fehlt allerdings diese Schicht, wie etwa lange Zeit für das Rennen vor zwei Jahren, wird es im Zeitplan eng. Aber nicht unmöglich – die Wengener sind Meister der Improvisation. Rennleiter Lehmann sagt: «Stimmen die Temperaturen, brauchen wir sechs Tage, um die Piste auf grüner Wiese renntauglich zu machen.»

Nachdem OK-Präsident Urs Näpflin schon länger darauf hingewiesen hatte, dass der Wintereinbruch zunehmend später erfolge und die Winter insgesamt milder würden, wurden nach 2016 für 4,5 Millionen Franken die Beschneiungs­anlagen modernisiert und Kühltürme erstellt. Dank dieser Investitionen sind die Wengener in der Lage, gleichzeitig ­Wasser in den Schnee zu pumpen und zu ­beschneien, auch wenn keine Minustemperaturen herrschen. 270 000 Kubikmeter Wasser haben sie in die ­Strecke gearbeitet, 270 Millionen Liter. Das grösste Schwimmbecken der Schweiz, jenes der Badeanstalt Weyermannshaus in Bern, müsste man dafür fast elfmal über die Strecke giessen.

Robert Lehmann mag ein Liebhaber von Naturschnee sein, und ein weisses Band im grünen Berg tut ihm «im Herzen weh», doch die FIS schreibt den Weltcupveranstaltern seit den Neunzigerjahren schon vor, dass sie über Beschneiungsanlagen verfügen müssen.

Auf die Frage nach dem Klimawandel als Ursache mag Lehmann nicht recht eingehen, trotzdem sagt er: «Ohne künstliche Beschneiung gäbe es in Adelboden und Wengen schon lange keine Weltcuprennen mehr.» Oben beim Starthaus sagt Manuel Wyss vom Rutschkommando mit seinen bald 20 Jahren Erfahrung: «Es ist ein ständiger Kampf.» Letztmals wurde die Lauberhornabfahrt 1996 wegen Schneemangels abgesagt, bei den Absagen 2004 und im Vorjahr hatte es dagegen zu viel Neuschnee.

Solchen habe das Rutschkommando auch am Dienstagmorgen vorgefunden, berichtet Wyss, hüfttief hätten sie sich durch die Verwehungen gekämpft. Mit Schaufeln befreiten seine Helfer die Piste. Und weil zum Sport eben auch Glück gehört, zeigte sich den ­Wengenern am Donnerstag ihr bester Freund: die Kälte. In der Nacht auf gestern waren die Temperaturen erstmals wieder deutlich unter null Grad gesunken und festigen endlich die über 4 Kilometer lange ­Strecke. Als Wyss am frühen Morgen beim Starthaus steht und die ersten Kurven überblickt, vermeldet er stolz: «Die Piste ist so perfekt wie möglich.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 23:02 Uhr

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