«So, heut kommst du dran!»

Im österreichischen Skisport gibt es neue schwere Missbrauchsvorwürfe. Die Anschuldigungen betreffen vor allem die Trainerlegende «Downhill-Charly» Kahr.

Wird von mehreren Sportlerinnen schwer belastet: Karl «Charly» Kahr. Foto: Reto Oeschger

Wird von mehreren Sportlerinnen schwer belastet: Karl «Charly» Kahr. Foto: Reto Oeschger

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Unmittelbar vor den Spielen in Süd­korea wird die Skination Österreich von der Vergangenheit eingeholt. Es geht um schwere sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung, durch Trainer, Serviceleute, Funktionäre, in Leistungskadern und in Ski-Internaten. Die Anschuldigungen reichen zwar zum Teil 50 Jahre zurück, aber sie betreffen Säulenheilige dieses Sports, Namen, auf denen die Skination ihren Ruhm aufgebaut hat.

Im November 2017 wurden erste Enthüllungen öffentlich. Der «Süddeutschen Zeitung» liegen neue Erklärungen von früheren Rennfahrerinnen vor, in denen eine der prominentesten Figuren aus dem alpenländischen Ski­zirkus als Beschuldigter auftaucht: Karl «Charly» Kahr, einer der erfolgreichsten Trainer des Österreichischen Ski-Verbandes (ÖSV). In seinem Dunstkreis fällt auch erneut der Name der 2009 verstorbenen Ski-Legende Toni Sailer.

Vorwürfe unter Eid erhoben

Die Vorwürfe gegen den heute 85-jährigen früheren Coach Kahr, der von 1966 bis 1970 die österreichischen Alpinfrauen trainierte, reichen von sexueller Nötigung bis zu Vergewaltigung. Die «Süddeutsche Zeitung» hat Kahr mit Details zu drei konkreten Vorwürfen konfrontiert, erhoben von zwei Frauen, gestützt von einer weiteren. Über einen Anwalt liess der frühere Startrainer mitteilen: «Namens und auftrags meines Mandanten habe ich ­Ihnen mitzuteilen, dass die gegen meinen Mandanten erhobenen Vorwürfe samt und sonders aus der Luft gegriffen sind und kein einziger der von Ihnen genannten Vorfälle jemals stattgefunden hat.»

Die erste ehemalige Spitzenathletin, die der «Süddeutschen Zeitung» ihre Erinnerungen schilderte, war in den 1960er-Jahren ins Nationalteam des ÖSV hineingewachsen. Mit 16 Jahren war sie schon im Weltcup eingesetzt worden, Charly Kahr trainierte damals das Frauenteam.

Die Fahrerin sagt, ihr Verhältnis zu ihm sei gut gewesen – bis zu einem Vorfall, der sich so ereignet habe, wie sie ihn schildert, untermauert mit einer eidesstattlichen Erklärung: «Ich habe schon geschlafen, da ist Kahr auf einmal ins dunkle Zimmer gekommen und hat mich vergewaltigt. Ich habe ihn erst bemerkt, als er schon auf mir lag. Er war ganz sicher nicht betrunken. Ich hätte mich wehren sollen. Aber das traust du dich in dem Moment nicht. Er war mein Trainer, du hast zu ihm aufgeschaut als 16-jähriges Mädchen. Der Trainer hat ja immer eine besondere Rolle für die Jugend. Ich war jedenfalls total geschockt, da kannst du nicht um Hilfe rufen. Ich bin einfach dagelegen, habe keine Reaktion gezeigt. Er hat auch nichts gesagt, es hat sich alles im Dunkeln abgespielt. Ich hatte zum Glück keine Verletzungen. Aber ich habe die ganze Nacht geweint. Ich war ein junges Mädchen, ein bisschen dumm und unerfahren, da hat er diese Situation natürlich ausgenutzt.»


Bilder: Missbrauchsskandal im US-Turnsport


Sie habe sich fürchterlich geschämt, sagt die ehemalige Rennfahrerin, erst ein halbes Jahr später habe sie dann einer Teamkollegin davon erzählt. Diese Frau versichert der «Süddeutschen Zeitung» ebenfalls per eidesstattlicher Erklärung, dass sie damals entsprechend informiert worden sei. Nach dem Vorfall, sagt die Renn­fahrerin, habe sie stets das Weite gesucht, wenn Kahr aufgetaucht sei. Heute sagt sie: «Ich weiss, dass ich nicht die Einzige war.»

In Österreich war es die heute 59 Jahre alte Nicola Werdenigg, unter ihrem Mädchennamen Nicola Spiess in den 70er-Jahren Weltcupfahrerin und Olympiateilnehmerin, die im November 2017 als Erste das Schweigen überwunden hatte. Sie selbst sei Opfer einer Ver­gewaltigung geworden, erzählte sie der Tageszeitung «Standard», sie habe ein «Klima des Missbrauchs» während ihrer aktiven Zeit und danach gespürt.

Sie war die erste österreichhische Ex-Athletin, die ihr Schweigen überwand: Nicola Werdenigg. Foto: Twitter

Kahr war 1972 als Abfahrtstrainer der Männer zum ÖSV zurückgekehrt und 1976 zum Cheftrainer aufgestiegen, nachdem er von 1970 bis 1972 das alpine englische Frauenteam betreut hatte. «Downhill-Charly» nannte ihn die ­Öffentlichkeit, vor allem wegen der Erfolge seines Schülers Franz Klammer.

Kahr habe sie in sein Hotelzimmer gezerrt und auf sein Bett geworfen habe, mit den Worten: «So, heut kommst du dran!»

Kahr wird von einer weiteren ehe­maligen ÖSV-Athletin belastet. Ohne ­Namen zu nennen, hatte die Frau in österreichischen Medien bereits davon erzählt, wie sie Mitte der 70er-Jahre von einem Trainer belästigt worden sei. Im Gespräch nennt die einstige Sportlerin, die weiter anonym bleiben will, jetzt erstmals den Namen des Mannes, dem sie nach einem gemeinsamen Weltcup der Frauen und Männer im kanadischen Mont Saint-Anne nur knapp entkommen sei: Charly Kahr. Und den Namen des­jenigen, der alles mitbekommen haben könnte: Toni Sailer.

Sie sei damals, im Winter 1976, über den Gang des Teamhotels in Québec ­gelaufen, als Kahr sie plötzlich in sein ­Hotelzimmer gezerrt und auf sein Bett geworfen habe, mit den Worten: «So, heut kommst du dran!» Die Frau berichtet weiter: «Neben ihm war noch ein Bett, da lag der Toni Sailer drin, relativ besoffen, zwei leere Whiskeyflaschen neben ihm. Beide Flaschen von der Marke Red Label. Auf dem Nachttisch von Kahr stand auch eine leere Flasche, auch Red Label. Ich glaube, Sailer hatte den Oberkörper frei, er hat auf jeden Fall gegrinst (. . .) Kahr hat mich am rechten Handgelenk festgehalten, er hat mir fast die Hand gebrochen. Irgendwie habe ich Kahr von mir runtergewälzt und mich losgerissen, ich hatte ja Gott sei Dank etwas Kraft.»

Nichts sei wahr, so Kahr

Dann sei sie ins Bad geflüchtet, habe ­panisch die Tür verriegelt und erst nach 15 oder 20 Minuten vorsichtig geöffnet: «Sailer und Kahr lagen jetzt beide auf dem Bett, die waren ja total besoffen, am helllichten Nachmittag. Da bin ich sofort raus.» Die Frau hat eine eidesstattliche Erklärung vorgelegt. ­Nicole Werdenigg versichert ebenfalls per eidesstattlicher Erklärung, dass ihr die Kollegin damals von der versuchten Vergewaltigung noch im Teamquartier in Québec erzählt habe.

Werdenigg war zu dieser Zeit selbst in der Nationalmannschaft aktiv. Mit dem Auftauchen von Kahr und Sailer im ÖSV, sagt sie im Gespräch mit der SZ, habe spürbar eine «Verrohung» eingesetzt: «Die zwei haben in den Betrieb der ­Serviceleute und der anderen Trainer Sodom und Gomorrha reingebracht. Es gab keine Grenzen mehr. Da war nichts mehr so, wie es in einem Umfeld im Sport sein sollte.»

«Verleumderische Behauptungen»

Nichts davon sei wahr, lässt Charly Kahr mitteilen, es handle sich um «verleumderische Behauptungen». Er blieb bis 1985 Cheftrainer der Alpin-Männer, später wurde er Hotelier. Seine Website liefert fotografische Zeugnisse zahlloser Begegnungen mit prominenten Grössen: mit Arnold Schwarzenegger und Niki Lauda, mit Roberto Blanco und Karl Moik, mit Politikern, Wirtschaftsvertretern, Sportlern. Allein 21 Ehrungen zählt Kahr selbst auf, darunter die Ehren­bürgerschaft seiner Heimatgemeinde Schladming und das silberne Ehren­zeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

«Dem ÖSV sind keine Übergriffe von Karl Kahr bekannt», lässt der Verband, der seinem ehemaligen Chefcoach ebenfalls die goldene Ehrennadel ans Revers heftete, auf Anfrage mitteilen.

Das Bild, das Betroffene und Zeugen in Gesprächen mit der «Süddeutschen Zeitung» zusammengesetzt haben, zeigt allerdings nicht nur Charly Kahr. Es zeigt ein Leistungssportsystem, in dem offenbar nicht so genau hingeschaut wurde. Der Machtmissbrauch gegenüber Schutzbefohlenen hatte demnach viele Varianten, über den die Betroffenen erst jetzt, im #MeToo-Klima neuer Offenheit, sprechen können. Auch wenn vieles wegen Verjährung womöglich nicht mehr juristisch verfolgt werden kann.


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Erstellt: 08.02.2018, 23:38 Uhr

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