Skandal? Von wegen!

Bei der Kombination der Frauen in Crans-Montana waren die Bedingungen schwierig, aber nicht unzumutbar.

Denise Feierabend wurde nach ihrem Sturz ins Spital gebracht, zog sich aber keine schweren Verletzungen zu.

Denise Feierabend wurde nach ihrem Sturz ins Spital gebracht, zog sich aber keine schweren Verletzungen zu. Bild: Keystone

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Drei gestartet, drei gestürzt, eine verletzt: So sah der Auftakt zur Kombination in Crans-Montana aus. Es ist nicht das, was Zuschauer, Veranstalter und schon gar nicht Fahrerinnen sehen wollen. Die Engelbergerin Denise Feierabend musste ins Spital eingeliefert werden, Untersuchungen ergaben aber keine gravierenden Verletzungen, sie kam mit dem Schrecken davon.

Das Rennen stand auf der Kippe, nachdem die 27-Jährige mit dem Schlitten abtransportiert worden war. Absage! Wurde gefordert. Skandal! Wurde geschrien. Der internationale Skiverband FIS reagierte. Aber nicht so, wie sich das die Athletinnen vorgestellt hatten, die bei Renndirektor Atle Skaardal vorgesprochen hatten. Der Start wurde lediglich nach unten verlegt, die heikle Stelle, die Ilka Stuhec, Tessa Worley und Feierabend zum Verhängnis geworden war, so umgangen.

Es wurde also gefahren auf der Piste Mont Lachaux, obwohl der Schnee vielerorts weich und damit die Ver­letzungsgefahr gross war. Das Risiko wollten nicht alle auf sich nehmen. Die US-Amerikanerinnen Lindsey Vonn, Mikaela Shiffrin und Laurenne Ross verzichteten auf den Start. Das ist ihr gutes Recht und aus der Sicht jeder einzelnen dieser Fahrerinnen nachvollziehbar. Vonn will ein Jahr vor Olympia in Pyeongchang nicht eine weitere Verletzung riskieren, Shiffrin braucht keine Punkte aus dieser Kombination, um erstmals Gesamtweltcupsiegerin zu werden, und Ross hatte ohnehin nur Aussenseiterchancen.

Stuhec zeigte, was möglich war

Andere dagegen sind eher auf Punkte und Preisgeld angewiesen. Wäre es deshalb an der FIS gewesen, diesen Athletinnen die Entscheidung abzunehmen und das Rennen abzubrechen? Nein. Denn die Bedingungen in Crans-Montana waren zwar schwierig, aber nicht unzumutbar. Das zeigte Stuhec: Die Slowenin fuhr trotz des Schreck­moments nach dem Neustart als Zweite hinter Federica Brignone und vor Michaela Kirchgasser aufs Podest. Im Super-G war sie die Schnellste gewesen.

Es darf von Spitzensportlerinnen erwartet werden, dass sie die richtige Wahl selber treffen können – auch wenn diese im äussersten Fall ein Boykott ist. Schliesslich gehört es zu ihrem Alltag, Entscheidungen zu fällen. Auf jeder Piste müssen sie einschätzen können, welches Risiko sie eingehen, wo sie das Tempo reduzieren müssen, aufgrund der Kurssetzung oder eben der Schneebeschaffenheit. Im Super-G, wie gestern im ersten Lauf der Kombination, ist das umso wichtiger. Es gibt kein Training, nur eine Besichtigung. Die Fahrerinnen werden ihrer Urteilsfähigkeit und derjenigen ihrer Trainer überlassen.

Auf stetiger Gratwanderung

Natürlich hat die FIS die Pflicht, für eine grösstmögliche Sicherheit zu sorgen und ein Rennen abzusagen oder abzubrechen, wenn es gefährlich werden könnte. Gestern aber gab es – wenn überhaupt– nur ganz wenige Gründe, um zu einer solch drastischen Massnahme zu greifen. Es geht an einem Skirennen auch nicht nur um die Interessen der Skifahrer, sondern auch um jene von Sponsoren und Veranstalter. Die Versetzung des Starts half wenigstens, um weitere Opfer zu verhindern.

Atle Skaardal befindet sich auf stetiger Gratwanderung: Spektakel ja, aber wo ist die Grenze? Fahren ja, aber nicht um jeden Preis!

Das gilt erst recht für sein Pendant bei den Männern, für Markus Waldner. Als sich im letzten Jahr bei der Abfahrt in Kitzbühel mit Aksel Svindal, Hannes Reichelt und Georg Streitberger drei prominente Fahrer bei derselben Stelle verletzten, entschied der Südtiroler, das Rennen weiterlaufen zu lassen, um es dann nach 30 Fahrern doch noch abzubrechen. Auch damals waren es die Amerikaner, die sich lauthals dagegen wehrten. Was den Unmut der US-Betreuer hervorgerufen hatte? Nur sie und die Athleten hätten zu entscheiden, ob sie das Risiko eingehen wollten. Nicht die FIS.

Und genau diese Entscheidungsfreiheit überliess die FIS den Fahrerinnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2017, 23:02 Uhr

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