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Sie ist zu gut für ihren Sport

Therese Johaug gewinnt die Tour de Ski mit grossem Vorsprung. Ihre Dominanz beginnt selbst die langlaufvernarrten Norweger zu langweilen – und irritiert so manchen Insider.

Therese Johaug ist in der entscheidenden Etappe wieder eine Klasse für sich. (Bild: Getty Images/Laurent Salino)
Therese Johaug ist in der entscheidenden Etappe wieder eine Klasse für sich. (Bild: Getty Images/Laurent Salino)

Man muss sich als Langlauf-Interessierter bei Therese Johaug bedanken. Über Wochen lief sie ihre Konkurrentinnen derart in Grund und Boden, dass nicht einmal mehr der Hauch einer Spannung vor einem Frauenrennen aufkam. Punktgenau zum Saisonhöhepunkt zur Tour de Ski hin aber baute Johaug so stark ab, dass sich erst in der finalen Kletteretappe zur Alpe Cermis entschied, wer gewann.

Da war die 31-jährige Norwegerin gestern dann zwar wieder eine Klasse für sich. Sie distanzierte ihre Hinterherläuferinnen allein auf den finalen vier Kletterkilometern um 50 Sekunden und mehr. Die Statistiker aber werden festhalten: Während Johaug in der letzten Saison über eine längere Distanz bloss einmal – um gerade einmal 0,2 Sekunden – bezwungen wurde, verlor sie diesen Winter schon zwei längere Einsätze knapp.

Die Kritik des Leitartiklers

Insgesamt aber bleibt doch der Eindruck haften: Johaug ist, von Ausnahmen abgesehen, momentan zu gut für ihren Sport. Ist sie am Start, orientieren sich die Konkurrentinnen an Platz 2. So viel Dominanz finden selbst die Norweger wenig prickelnd.

Die Dominanz in einem Bild ausgedrückt: Johaug, die norwegische Flagge und die Geschlagenen. (Bild: Getty Images/Laurent Salino)
Die Dominanz in einem Bild ausgedrückt: Johaug, die norwegische Flagge und die Geschlagenen. (Bild: Getty Images/Laurent Salino)

Der führende Sport-Leitartikler des Landes (von der Boulevard-Zeitung «Verdens Gang») fand darum schon früh in der Saison nach ihrer Siegesserie: «Für jeden, der nicht mit einer aufgemalten norwegischen Flagge auf dem Gesicht einschläft, verliert das Langlaufen an Freude», um gar zu behaupten: «Das Frauenlanglaufen wird langweilig.»

Natürlich nahm der Autor die Athletin ausdrücklich von seiner Analyse aus, was könne Johaug schon dafür, fand er? Trotzdem wünschte er sich Niederlagen des eigenen Stars.

Der deutsche Bundestrainer Peter Schlickenrieder hingegen spielte im vergangenen Winter voll auf Johaug. Nachdem sie an der WM dreimal souverän zu Gold geglitten war, urteilte er: «Das finde ich schon befremdlich, das muss ich ganz ehrlich sagen. Sie läuft ja meilenweit voraus.» Und Nathalie von Siebenthal, damals noch die schnellste Schweizerin, fand vor jener Saison: «Johaug soll doch bei den Männern starten!»

Die Lippensalbe: Wer nur schon hinterfragte, wie sich das professionellste Langlauf-Team einen derartigen GAU einhandeln konnte, wurde in Norwegen als Nestbeschmutzer betrachtet.

Hinterfragen unerwünscht

Dieser Unmut hängt auch mit Johaugs 18-monatiger Sperre bis im Frühling 2018 zusammen. Sie trug eine Lippensalbe mit Steroidbeimischung auf – was nach allem, was man weiss, tatsächlich so war. Ihre Strahlkraft litt zumindest daheim kein bisschen: Die Bauerntochter konnte in dieser Phase gar drei Sponsoren hinzugewinnen.

Wer wie einige norwegische Journalisten darum nur schon hinterfragte, wie sich das professionellste Langlauf-Team der Welt einen derartigen GAU einhandeln konnte, wurde in Norwegen als Nestbeschmutzer betrachtet.

Johaug wiederum hat diese grosse Zäsur als Athletin scheinbar nur noch schneller gemacht. Was für eine hervorragende Physis sie besitzt, zeigte sie im Sommer auf der Leichtathletik-Bahn. Im August gewann sie den nationalen Meistertitel über 10000 m. Mit ihren 32:20,86 Minuten rangiert sie als Nummer 15 Europas. Und die Dichte ist im Laufsport ungemein grösser als im Langlauf. Darum fällt eine wie Therese Johaug da noch viel mehr auf.

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