Ohne Punkt und Komma – auch auf der Piste

Skifahrerin Michelle Gisin hat ein Mammutprogramm. Sie fährt fast alles, heute den Slalom im finnischen Levi.

36 Einsätze in fünf Disziplinen: Das nennt Michelle Gisin «humane Planung».

36 Einsätze in fünf Disziplinen: Das nennt Michelle Gisin «humane Planung».

(Bild: Keystone Gian Ehrenzeller)

René Hauri@tagesanzeiger

Michelle Gisin spricht, wie sie Ski fährt. Mit einer Kadenz, bei der anderen schwindlig würde. Punkte, Kommas, vielleicht gibt es sie auch in der Sprache der Engelbergerin, zu hören sind sie jedenfalls nicht.

Auf den Ski gönnt sich die 24-Jährige ebenso wenig eine Pause. Ihr persönlicher Kalender für diesen Winter? Der Kalender des Internationalen Verbandes – minus Parallelrennen. Oder: 36 Einsätze in fünf Disziplinen ­allein im Weltcup, hinzu kommt die WM in Åre (SWE) im Februar. Und Gisin? Nennt das «humane Planung». Schliesslich dauern die Weltmeisterschaften ja weniger lang als zuletzt die Olympischen Spiele in Pyeongchang.

Selbst da, nach dieser kräftezehrenden, aufregenden Saison, in der die Slalomspezialistin in den schnellen Disziplinen zu den Besten aufschloss und mit Kombinationsgold aus Südkorea heimkehrte, hatte sie noch Energie. «Ich konnte das Tempo bis zum Schluss hoch halten, obwohl mich Olympia und der Sieg dort Kraft gekostet haben. Das hat mich selber überrascht», sagt sie.


Roter Kopf wegen Freund

Das bestärkte sie darin, es ­weiter überall zu versuchen, im Riesenslalom gar zu forcieren, bislang bestritt sie nur einzelne Rennen. Zum Auftakt in Sölden vor drei Wochen zeigte die quirlige Obwaldnerin, welche Fortschritte sie auch dort gemacht hat. Es gab Rang 15, besser war sie nie in dieser Disziplin. Sie mag hinterher gesagt haben, dass das Resultat über ihren Erwartungen lag, nur: So richtig ­erstaunt hat es sie nicht.

Wenn Gisin über die Vorbereitung im Sommer spricht, folgt Superlativ auf Superlativ, «ich bin bereit wie noch nie», sagt sie. Das hat auch mit ihrem Freund zu tun. Der heisst Luca De Aliprandini, ist Skirennfahrer wie sie, durchaus erfolgreich auch, im Riesenslalom ist der 28-jährige Italiener schon neunmal in die Top Ten gefahren, in Adelboden verpasste er im Frühjahr als Vierter das Podest nur knapp.

Und er war der grosse Motivator in diesem Sommer, den sie grossteils zusammen in Riva del Garda verbrachten, der ­Heimat De Aliprandinis. «Ich bin nicht so der Ausdauermensch», sagt ­Gisin, «nun aber musste ich den inneren Schweinehund überwinden, ich musste ihm auf dem Rennvelo hinterherfahren, auch wenn ich keine Lust hatte. Und auf einmal merkte ich, dass ich ihm folgen konnte. Auch wenn er ganz entspannt bergauf fuhr und ich mit rotem Kopf. Aber ich spürte den Unterschied zu ­früher.»


«Der Druck ist kleiner»

Schnellkraft, Sprungkraft, Ausdauer, überall habe sie grosse Schritte gemacht. Ihr oberstes Ziel: sich im Gesamtweltcup weiter vorzuarbeiten. Das hört sich erst einmal nicht allzu spektakulär an. Nur war sie in der vergangenen Saison schon die siebtbeste Skifahrerin überhaupt. Viel Luft nach oben bleibt nicht.

Doch Gisin ist derzeit in einer Verfassung, in der sie sich alles zuzutrauen scheint – körperlich und mental. Sie lässt sich von den Erfolgen nicht verrückt machen, davon, dass sie, die Technikerin, viertbeste Super-G-Fahrerin war, sechstbeste Abfahrerin. Das kann Druck machen, kann hemmen. Nicht Gisin.

«Ich muss eine gewisse Bescheidenheit haben, weil im letzten Jahr alles unglaublich gut aufging. Ich darf nicht erwarten, dass es so weitergeht.» Vielleicht aber tun das andere. Sie sagt: «Der Druck ist nicht grösser, sondern kleiner. Man macht ihn sich nur selber.»

Sie habe ihre Vorstellungen derart übertroffen, dass alles «irgendwie den Ernst verloren hat», so sagt sie das. «Ich schaue alles mit Ruhe und einem gesunden Abstand an.» Es ist das, was ­viele ihrer Konkurrentinnen nicht können, es ist die Lockerheit, nach der einige ihre ganze Karriere lang suchen. Gisin sagt: «Wenn es einmal nicht läuft, dann reisst mich das nicht mehr hinunter. Dann ist es halt so.» Sie weiss, dass es auch Geduld braucht auf dem Weg nach oben.

Doch nicht heute, wenn zum ersten Slalom in Levi gestartet wird. Auch in ihrer eigentlichen Paradedisziplin habe sie zugelegt, glaubt sie, «die Zeit ist reif für den Schritt Richtung Spitze, den ich mir seit Jahren erhoffe.»

Es wirkt in diesen Tagen, als wäre alles möglich für diese ­Michelle Gisin.

Heute Slalom Frauen in Levi 10.15/13.15 Morgen Slalom Männer in Levi 10.15/13.15

DerBund.ch/Newsnet

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