«Dummerweise war ich zu populär»

Als «Eddie the Eagle» eroberte Michael Edwards einst die Herzen der Fans. Jetzt kommt das Leben des Aussenseiters in die Kinos.

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Wie darf ich Sie nennen: Michael oder Eddie?
Eddie, bitte.

Woher der Übername? Wegen Ihres Nachnamens?
Genau, wegen Edwards. Schon in der Primarschule haben mich alle nur Ed ­genannt, und aus Ed wurde Eddie.

Und als Eddie the Eagle begeisterten Sie schliesslich die Sportwelt an den Olympischen Winterspielen 1988. Die Bilder von Ihnen sind noch vielen in Erinnerung. Denken Sie persönlich oft an Calgary zurück?
Nein, nein (lacht). Ich bin jemand, der nach vorne schaut, ich bin ein Zukunftstyp. Wie traurig wäre das denn, daheim auf der Couch zu sitzen und ständig 30 Jahre in die Vergangenheit zu blicken?

Dass jetzt die Lebens­geschichte von Eddie the Eagle in die Kinos kommt, freut Sie aber schon?
In einer Million Jahren hätte ich das nicht für möglich gehalten.

Gefällt Ihnen Ihr Film?
Ich liebe ihn. Er ist fantastisch, die Macher hätten keinen besseren Job machen können. Als ich den Vertrag unterschrieb, fürchtete ich zunächst, dass sie mich entweder als Superheld oder als Clown darstellen würden. Was ich ja ­beides nicht bin. Sie haben sich stark an meine Lebensgeschichte gehalten. Das gefällt mir und macht mich sehr stolz.

Wie kam es zu diesem Projekt?
Unterschrieben habe ich vor 17 Jahren. Danach wurde die Sache zurückgestellt, weil die Produzenten lange nicht das ­nötige Geld und keinen Regisseur fanden. Es war auch lange unklar, wer meine Rolle spielen soll. Vor etwa 15 Monaten bekam ich plötzlich einen Anruf: «Wir sind bereit zu starten. Wir haben Hugh Jackman und Taron Egerton, und in 3 Monaten beginnen wir zu drehen.»

Waren Sie stark in die Dreharbeiten eingebunden?
Ich sass lange mit dem Regisseur zusammen, um durch die Eckpunkte meines Lebens zu gehen. Und dann sprach ich natürlich ausführlich mit Taron Egerton, damit er mich besser kennen lernen und meinen Akzent annehmen konnte.

Profitieren Sie finanziell?
Ein bisschen, aber ich bin nicht Joanne K. Rowling (Autorin der Harry-Potter-Bücher). Ich mache keine Hunderte Millionen Pfund. Wichtiger ist ohnehin, dass ich von der Aufmerksamkeit profitieren kann, die der Film erhält. Dass mir dies Möglichkeiten eröffnet.

So wie nach Olympia, als Sie ­plötzlich berühmt waren?
Die Popularität von Eddie the Eagle habe ich nie gesucht. Ich hatte mir den Traum erfüllt, als erster britischer Skispringer bei Olympia teilzunehmen. Und dann wollte ich einfach mein Bestes geben.

Wie sind Sie überhaupt Skispringer geworden?
Ich betrieb viele Sportarten: Fussball, Cricket, Rugby, Volleyball, Leichtathletik. Aber erst beim Skifahren ahnte ich, dass dies vielleicht mein Sport sein könnte. Ich machte in der Abfahrt schnell Fortschritte und wurde ins Nationalkader berufen, dann erhielt ich schon meine Rennlizenz. Und irgendwann dachte ich: Ich möchte an die Olympischen Spiele.

Als Abfahrer verpassten Sie die Qualifikation für die Spiele 1984 aber, danach wechselten Sie zum Skisprung. Einfach so?
Ja, so war das damals. Während meines Trainings in den USA kam ich in Kontakt mit dem Skispringen, und eigentlich war das ja wie Skifahren. Nur anders. Also probierte ich es aus und wurde sofort besser und besser, und plötzlich war ich für die Olympischen Spiele qualifiziert.

In Calgary waren Sie aber ­chancenlos: Sie wurden 58. auf der Normal- und 55. auf der Grossschanze – jeweils der letzte Platz.
Ich hatte 20 Monate vorher meinen ­ersten Sprung absolviert, natürlich war ich der krasse Aussenseiter. Andere Springer hatten 20 Jahre lang nichts ­anderes getan. Es war von vornherein ausgeschlossen, dass ich nur einen einzigen Konkurrenten schlagen könnte.

War Ihnen das egal?
Ja, mich störte das kein bisschen. Die Teilnahme in Calgary war meine Goldmedaille. Ich war ein David unter ­Goliaths, und ich denke, dass mich die Menschen deswegen mochten, weil ich den olympischen Geist verkörperte.

Deshalb waren Sie danach ein ­gefragter Mann.
Oh, was war das für ein Spass. Ich musste einen Manager beschäftigen, der meine Termine organisierte. Den ganzen Tag über klingelte das Telefon. Ich flog um die ganze Welt, erste Klasse oder im Privatflugzeug. Ich habe Shoppingzentren eröffnet und durfte an Promi-Golfturnieren teilnehmen.

Nur Skispringer waren Sie bald keiner mehr.
Der internationale Verband hat mir die Flügel gestutzt und die Teilnahme am Weltcup verboten. Also trat ich öffentlich auf, hielt Reden und Motivationskurse. Das war wichtig. Denn es ging mir immer darum, für mich und meinen Sport in Grossbritannien zu werben und Geld zu sammeln, um auch 1992, 1994, 1998 und 2002 an den Start zu gehen. Diese Hoffnung hatte ich damals wirklich. Dummerweise war ich zu populär dafür.

Sie glauben, die FIS hat die ­Qualifikationskriterien für Albertville 1992 Ihretwegen erschwert?
Ein paar Verbände hatten keine Freude daran, dass der 58. des Klassements grössere Schlagzeilen erhielt als der Sieger. Es hiess, ich hätte den Sport in Verruf ­gebracht. Also schauten sie zu, dass so ­etwas nicht noch einmal passieren kann.

Wie gross war die Enttäuschung darüber?
Sie war riesig. Von Eddie the Eagle profitierte ja nicht nur ich persönlich, sondern vor allem das Skispringen generell. Das war eine wunderbare Werbung für den Sport. Leider dachten die Entscheidungsträger nicht so wie die Menschen auf der Strasse, die genauso die schrägen Kerle sehen wollen wie die strahlenden Sieger. Auch heute gibt es noch ­solche Langweiler, die verhindern, dass Menschen wie ich bei Olympia starten.

Sie hätten sich wehren sollen.
Was hätte ich denn tun sollen? Ich war allein gegen diese grosse Organisation. Ein Kampf war aussichtslos.

Standen die Athleten anderer ­Nationen nicht zu Ihnen?
Wie ich das beurteilen konnte, liebten sie mich. 99 Prozent erkannten, dass ich dem Sport guttue. Ein paar wenige konnten mich aber sicher auch nicht leiden.

Haben Sie sich inzwischen mit dem Skispringen und der FIS versöhnt?
Vor zwei Jahren war ich an der Vierschanzentournee in Oberstdorf und Garmisch, hin und wieder werde ich von einem Sponsor eingeladen. Von der FIS nicht. Da Skispringen in England nicht übertragen wird, ist es schwierig, aktuell zu sein. Ehrlich gesagt, weiss ich nicht, wer gerade die besten Springer sind.

Was taten Sie nach Ihrem Rücktritt?
Ich ging wieder an die Universität, um mein Jurastudium zu beenden, und wechselte danach zurück in meinen ­erlernten Beruf als Gipser. Das tue ich bis heute. Ich habe es immer geliebt, mit den Händen zu arbeiten. Gerade renoviere ich mein Haus, das ich vor ein paar Jahren gekauft habe. Eben bin ich mit dem Dach fertig geworden.

Haben Sie eigentlich Ihre Brille mit den dicken Gläsern noch, mit denen Sie seinerzeit gesprungen sind?
Ich habe sie noch, aber muss sie nicht mehr tragen. Ein Augenchirurg hat mir 2003 die Operation meiner Augen bezahlt, seither trage ich implantierte Linsen. Trotzdem setze ich mir die Brille manchmal auf. Sie hat jedoch keine korrigierten Gläser mehr, sondern normale. Sonst sähe ich noch weniger als früher.

Wann tragen Sie das gute Stück denn noch?
Wenn ich zum Beispiel mit Specsavers arbeite (einem britischen Brillen- und Linsenvertreiber), haben sie es lieber, wenn ich sie aufsetze. Das tue ich gerne, weil die Menschen mich nicht zuletzt ­wegen der Brille in Erinnerung behalten und ich ja niemanden enttäuschen möchte. Darum hatte ich erst auch ­Bedenken, ob ich die Operation überhaupt machen soll. Ich fragte mich: Wirkt sich das auf mein Einkommen aus?

War es letztlich der richtige ­Entscheid?
Natürlich. Beim Skifahren, Laufen oder Tennisspielen ist es viel besser. Vorher ist mir die Brille ständig die Nase heruntergerutscht, hat sich beschlagen und war unangenehm zu tragen. Ich hätte diese neue Linsentechnologie vor 30 Jahren recht gut gebrauchen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.03.2016, 23:48 Uhr

Eddie the Eagle

Ein filmreifes Leben

Brille, Achtzigerjahre-Schnauzer und ein Skianzug aus dem Secondhand-­Laden – als der stark weitsichtige Michael Edwards jeweils oben auf dem Schanzenbalken sass, war das kein gewöhnlicher Anblick. Und Edwards war auch viel mehr Kurzspringer als Weitenjäger: Kaum in der Luft, landete der Brite wieder.

Der 68. (und letzte) Platz an der WM 1987 genügte, um sich für die Olympischen Spiele in Calgary zu qualifizieren. In Kanada wurde er zwar zweimal Letzter, mit 73,5 Metern sprang er aber britischen Rekord und avancierte wie die jamaikanischen Bobfahrer zu einem Helden der Spiele 1988. Während der Schlussfeier bilanzierte der OK-Chef: «Einige haben Gold gewonnen und Rekorde gebrochen, und es gab sogar solche, die wie Adler flogen.» Worauf die Menschen im Olympiastadion «Eddie, Eddie» skandierten.

Heute ist Edwards 52, wieder als Gipser tätig und wird daneben für Reden und Motivationskurse gebucht. Er wohnt bei Bristol im Südwesten Englands. Kürzlich liessen er und seine Frau Samantha sich nach 13-jähriger Ehe scheiden; die beiden haben zwei Töchter: Ottilie (11) und Honey (9).

Der biografische Spielfilm «Eddie the Eagle» ist eine britisch-amerikanisch-­deutsche Produktion mit einem Budget von 23 Millionen Dollar und läuft ab morgen in zahlreichen Schweizer Kinos. Edwards wird von Taron Egerton gespielt. (wie)

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