Norwegen und seine Skandalcreme

Dass Langläuferin Therese Johaug über die Spiele von 2018 hinaus gesperrt bleibt, plagt das Land. Ihr Fall zeigt: Wer Sport zum Nationalstolz braucht, macht seine Welt ganz klein.

Therese Johaug habe die Sperre nicht verdient – so die gängige Meinung in Norwegen.

Therese Johaug habe die Sperre nicht verdient – so die gängige Meinung in Norwegen.

(Bild: Keystone)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Therese Johaug ist wie Roger Federer – im eigenen Land ein nationales Heiligtum. Was mit einer Nation passieren kann, die ihre sportliche Ikone angegriffen sieht, offenbart sich zurzeit in Norwegen, wo Langlauf den Nationalstolz befördert und Johaug die prominenteste Langläuferin ist. Die Zierliche wurde im Sommer 2016 positiv getestet, nachdem sie eine Sonnencreme für ihre verbrannten Lippen verwendet hatte. Die Paste enthielt eine Dopingsubstanz.

Weil die norwegische Anti-Doping-Agentur Johaug nur für 13 Monate sperren wollte, intervenierte der Internationale Skiverband. Der Internationale Sportgerichtshof CAS entschied in der letzten Woche, dass Johaug für 18 Monate und bis im April 2018 aussetzen muss. Damit wird sie die Olympischen Spiele verpassen. Hätte sich Norwegen durchgesetzt, hätte Johaug gleich den ganzen Winter bestreiten können.

Der CAS-Entscheid erschütterte das Land wie ein Erdbeben: Der Staatssender NRK und sein privater Hauptkonkurrent TV 2 berichteten schon eine Stunde vor dem Urteil live – und nach dem Verdikt eine weitere Stunde. Allein daran bemisst sich die Bedeutung Johaugs bzw. des Langlaufs, was NRK bei jedem Wettkampf kommunistisch anmutende Traumquoten beschert: nämlich Marktanteile von 70 Prozent und mehr. Neben dem Durchschnittsnorweger hat dieser Stolz auf die eigenen Gleiter und Stosser auch die hohe Politik erfasst.

Darum meldete sich gar Ministerpräsidentin Erna Solberg via Facebook zur Causa, schrieb von einem «schwer zu ertragenden Tag» und dass sie hoffe, das «norwegische Volk» werde Johaug hin zum Comeback «unterstützen». Solberg sagte implizit, was viele Norweger in Onlinekommentaren oder Interviews fanden: dass der CAS-­Entscheid falsch, übertrieben oder schlicht lächerlich sei – Johaug diese Strafe niemals verdient habe. Die Schuldigen, so der Tenor, seien die ausländischen Richter, nicht aber die Athletin oder ihr Verband. Beide ­reagierten wie viele Norweger nach der News: schockiert und mit Unverständnis.

Kopf in den Sand stecken

Dabei verfügten Johaug wie Verband seit der positiven Probe über ordentlich Verarbeitungszeit. Trotzdem sind sie nicht zum Schluss gekommen, dass sie sich im Minimum amateurhaft verhalten haben. Auch aus diesem Grund hielten ausländische Konkurrentinnen von Johaug schon Stunden nach Bekanntwerden eine Verpackung der Lippensalbe in der Hand, auf der unübersehbar prangte, dass sie eine Dopingsubstanz enthält. Bloss checkte Johaug diese Packung nicht, sondern vertraute ganz ihrem Arzt (der alle Schuld auf sich nahm und zurücktrat). An dieser Strategie haben Johaugs Team wie der Verband stets festgehalten, also zumindest öffentlich nicht einmal angedeutet, am Schlamassel mitschuldig zu sein.

Statt aus dem Skandal zu lernen, werden die CAS-Richter kritisiert. Sinnbildlich für diese norwegische Binnensicht steht Marit Björgen, neben Johaug der andere Frauenlanglaufstar des Landes. Selbst nach dem Urteil sagte sie, dass sie wie Johaug gehandelt und damit ganz den Betreuern vertraut hätte. Lerne: Die Eigenverantwortung delegieren die Langlaufgrössen in diesem sensiblen Bereich weiterhin.

Weil Norwegen sonst den harten Dopingbekämpfer gibt, also Athleten, Funktionäre oder Politiker bei Dopingfällen gerne für ein hohes Strafmass plädieren, passt die aktuelle Haltung nicht so recht zum eigenen Selbstverständnis – hat aber System. Der Fall von Johaugs Männer-Pendant, Langläufer Martin Johnsrud Sundby, sickerte erst dank norwegischer Medien durch. Er hatte 2014 mehrmals eine absurd hohe Menge eines Asthmamittels benutzt, für dessen Dosierung er keine Ausnahmebewilligung besass.

Kritik an den Chauvinisten

Während der eigene Skiverband kein Vergehen erkennen konnte, sperrte ihn der Internationale Skiverband immerhin für einige Monate und aberkannte ihm Siege und Preisgelder. Als Dopingfall hat das offizielle (Sport-)Norwegen diese Episode aber nie interpretiert, sondern wie bei Johaug bloss als leidvolles Versehen. Diesen sportlichen Chauvinismus finden mittlerweile gar einzelne Medien verdächtig, welche die eigenen Siege lange grosszeilig verkauften.

«Aftenposten», die führende Zeitung des Landes, kommentierte einen Tag nach dem Facebookeintrag der Ministerpräsidentin: «Johaug wird nicht unrechtmässig behandelt.» Es las sich wie ein Korrektiv zur öffentlichen Meinung. Und Leif Welhaven, der kritischste und auch darum bekannteste Sport- und Gesellschaftsjournalist im Land, schrieb unter anderem: «Wer weint für die Fahnenträgerin?» Er spielte dabei auf die dunkelhäutige norwegische Gewicht­heberin Ruth Kasirye an, die 2008 an den Olympischen Spielen als ­Fahnenträgerin für ihr Land eingelaufen war.

Wegen eines viel milderen Vergehens als jenes Johaugs wurde sie einst fast gleich lang gesperrt. Damals benötigten Norwegens Anti-Doping-Kämpfer allerdings dreimal so lange, bis sie zum Urteil gelangten.

Tages-Anzeiger

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