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Neues Leben, neuer Schlitten, neue Hoffnung

Bobfahrer Clemens Bracher erlitt einen Hirnschlag und lebte am Existenzminimum. Jetzt gehört er in Pyeongchang zu den Medaillenanwärtern.

Clemens Bracher: Der Emmentaler hat viele Hindernisse überwinden müssen.
Clemens Bracher: Der Emmentaler hat viele Hindernisse überwinden müssen.
Urs Flüeler, Keystone

Es gab das Telefongespräch im September: Clemens Bracher berichtete von seinen Sorgen, das Budget für den anstehenden Winter nicht decken zu können. Es gab das Telefongespräch im November: Bracher erzählte vom fürchterlichen Trainingssturz vor einem zweitklassigen Rennen, als er gegen einen Befestigungsbolzen stiess, sich ein Splitter durch drei Trainingshosen hindurch in sein Knie bohrte. Und es gab das Telefongespräch im Januar: Bracher sagte nicht viel. Die Resultate sprachen für sich.

Bracher ist der Aufsteiger schlechthin im Schweizer Wintersport. Vom Europacupfahrer zum Olympiamedaillenanwärter. Vom Nobody zum gefragten Interviewpartner. Am 9. Dezember fuhr er in Winterberg sein erstes Zweierbobrennen – und gewann es. Eine Woche später doppelte er mit EM-Silber in Innsbruck nach. Die Trainer waren verblüfft, die Konkurrenten sowieso, die Journalisten fragten sich, wer da bis anhin unter dem Radar geflogen war. Nur Bracher staunte nicht. Er hatte Fortschritte erwartet. «Ich wusste, zu was ich fähig sein kann. Nichts geschieht einfach so.»

Beiläufig zum Bobfahrer

Wobei der Zufall Pate stand, Bracher beiläufig Bobfahrer geworden ist. Ein Firmenanlass führte ihn nach St. Moritz in den Eiskanal. Er wurde vom einstigen Europameister Martin Annen nach unten pilotiert. Dieser schmunzelte, als er den Emmentaler, diesen Baum von einem Mann, sah; er hielt ihn für den passenden Anschieber. Athletisch, kräftig, schnell – die Voraussetzungen brachte Bracher gewiss mit. Allerdings hatte er zuvor nicht einmal im Fernsehen ein Bobrennen verfolgt, die Idee hielt er für ein Hirngespinst. Es war eine glückliche Fügung zum Zweiten, erhielt er wenige Monate später den Auftrag, die Heizung im Eigenheim Thomas Lamparters zu sanieren. Zum heutigen Sportchef des Schweizer Verbandes fand er den richtigen Draht, so führte das eine zum anderen. Respektive zur nächsten Etappe in Brachers Sportlerleben. Bracher ist Hobbyschütze, Erstligavolleyballer, NLA-Hornusser bei Wasen-Lugenbach, auch Leichtathlet, der in Langnau mit Hürdensprinterin Noemi Zbären trainiert. 2010 stieg er ins Geschehen ein; die Premierenfahrt, wieder in St. Moritz, hat der Spätberufene nicht vergessen. «Während der ersten Sekunden dachte ich: Da schläft mir das Gesicht ein. Doch nach Kurven, in den Kräfte bis zu 5 g wirkten, fragte ich mich: Was mache ich hier eigentlich?»

Ein neues, geschenktes Leben

Die Frage «Was passiert mit mir?» stellte sich Bracher am 22. Mai 2013, als ihm das Schicksal übel mitspielte. Bracher erlitt einen Hirnschlag, ausgelöst von einem Loch im Herzen. Auf einmal konnte er nicht mehr sprechen, die rechte Körperhälfte war gelähmt. Kurz darauf war er bewusstlos, wurde ins Inselspital transferiert. Dass er sich in Zollikofen aufgehalten hatte, war sein Glück. «Zu Hause hätte ich mich aufs Sofa gelegt, wäre eingeschlafen – und nie mehr aufgewacht.» Bracher spricht vom «neuen Leben», welches ihm geschenkt worden sei. Er ist dem Tod davongefahren, der Blutverdünner, den er nehmen muss, erinnert ihn daran. Neun Tage verbrachte er in der Klinik, drei Monate später war er wieder einsatzfähig. Gemäss Studien verläuft der Heilungsprozess bei 1 von 100 Patienten derart schnell. Beim Aufbau in Magglingen lernte Bracher Christian Stucki kennen, der Schwinger ist Trainingspartner und Freund geworden. Der Pilot, welcher so explosiv sein kann beim Anschieben des Schlittens, ist ruhiger geworden, die sanfte Stimme Beleg hierfür. Der Hirnschlag habe ihn gelehrt, Dinge einzuschätzen. Früher habe er sich an Kleinigkeiten echauffiert, «heute mache ich nicht wegen jedes ‹Muggefurzes› ein Theater. Läuft etwas anders als vorgesehen, drehe ich nicht mehr gleich durch.»

Plangemäss ist sie nicht verlaufen, Brachers Bobkarriere. Für die Winterspiele in Sotschi wurde er im Team Beat Heftis nicht berücksichtigt. Hatte er die verpasste Selektion zunächst locker hingenommen, erlebte er während des Rennens schlimme Stunden. Nur Sequenzen schaute er sich im TV an, «es war der Horror», erzählt der 31-Jährige. Schon zuvor hatte er entschieden, die Lenkseile in die Hände nehmen zu wollen, sein Leben diesem Projekt unterzuordnen. Auf 200 000 Franken beläuft sich das Budget pro Saison. Bracher widmet sich der Sponsorensuche, putzt Klinken, hat eine GmbH gegründet. Zeitweise lebte er am Existenzminimum, er verzichtet auf Ferien. Im 30-Prozent-Pensum ist der Hüne als Heizungsplaner tätig, «würde ich aufhören und Vollzeit arbeiten, ginge es mir finanziell deutlich besser». Nicht immer wurde er verstanden in seinem Vorgehen, belächelt auch, doch er schaltete die Ohren auf Durchzug. Für seinen Sieg in Winterberg erhielt er keinen Rappen Preisgeld, für die EM-Medaille gab es 3000 Franken vom Verband, die er mit der Equipe teilte. So unkonventionell sein Werdegang, so unkonventionell war er einst bei der Teambildung vorgegangen: Mechaniker Hans Strahm kannte er vom Hornussen, Nummer-1-Bremser Michael Kuonen lernte er an einem Leichtathletikmeeting kennen. «Wir liefen in derselben 100-Meter-Serie. Ich dachte: Wenn er schneller ist als ich, soll er mich anschieben.»

Das Vertrauen der Crew in den Chef hat nie gelitten, Rückschläge hin, Stürze her. 12-, 13-mal ist Bracher «gekentert», irgendwann hat er aufgehört zu zählen. Kopf einziehen und sich auf Schläge in die Nackengegend vorbereiten, mehr bleibe einem Piloten nicht übrig, sagt Bracher. Prellungen und Verbrennungswunden liessen sich kaum vermeiden, in psychischer Hinsicht hingegen bleibe kaum etwas haften. «Am besten ist es, so schnell wie möglich wieder runterzufahren. Auch wenn vom Ohrläppchen bis zum kleinen Zeh alles schmerzt.» Bracher weiss um die Bedeutung eines intakten Teamgeistes. Während seines Engagements in Heftis Equipe sei er Blitzableiter gewesen, «jeder kam zu mir, wenn ihn etwas störte. Es lief nicht alles rund – ich lernte daraus, wie man ein Team führen sollte.» Während Bracher in Pyeongchang im Zweier- wie im Vierer starten darf, hat Hefti die Qualifikation verpasst. Das Verhältnis der beiden ist angespannt. Der Newcomer und der Silbermedaillengewinner von Sotschi haben sich kaum mehr etwas zu sagen.

Durchaus ein Wörtchen mitreden dürfte Bracher in Pyeongchang. Er gehört zum relativ grossen Kreis der Medaillenanwärter, mit dem kleinen Schlitten ist er die neue Schweizer Hoffnung. Die Aussicht auf den Coup ist es, die Bracher antreibt, sie ist mit ein Grund dafür, dass er die Entbehrungen auf sich nimmt. «Vielleicht habe ich einmal etwas Unbezahlbares in den Händen», sagt er. Olympia verfolgte er schon als Bub, Eishockey und Ski alpin vor allem, drückte den Landsleuten die Daumen. Er sei ein Patriot, ein stolzer Schweizer, erzählt Bracher, «im Emmental wird man mit dieser Einstellung geboren». Bracher ist in Wasen aufgewachsen, er lebt nach wie vor in Wasen und kann sich vorstellen, immer in Wasen zu bleiben. Den Klang bimmelnder Kuhglocken mag er, die Hektik in einer Stadt ist ihm nicht geheuer. «Mir geht es am besten, wenn ich daheim die Natur geniessen kann.»

Besser nach Wechsel

Unterwegs ist Bracher im Winter genug. Auf einer seiner Reisen ist ihm ein Licht aufgegangen. Nachdem er auf den Schweizer Branchenleader Rico Peter pro Lauf rund sieben Zehntelsekunden verloren hatte, bat er diesen, die Schlitten für eine Fahrt zu tauschen. Und siehe da: Das Ergebnis war genau umgekehrt. Mitte Oktober beorderte Swiss Sliding den an den Briten Bruce Tasker verliehenen Bob zurück; wenngleich es sich um ein Modell desselben Herstellers handelt, sind die aerodynamischen Unterschiede spürbar. Bracher könnte nun hadern, das Gefährt nicht früher gewechselt zu haben. Er tut es nicht, sieht vielmehr das Positive: «Ich habe den Fehler immer bei mir gesucht, Athletik und Fahrlinien verbessert. Das zahlt sich nun ebenfalls aus.» Der beste Fahrer jedoch ist mit schlechtem Material chancenlos, «er würde knapp den zweiten Lauf erreichen», sagt Bracher.

Vier bis sechs Jahre lang wird ein Schlitten im Weltcup eingesetzt. Zumindest bis 2022 reichen die Pläne Brachers. Wobei sämtliche Sponsoringverträge auslaufen, alles neu verhandelt werden muss. Ein Erfolgserlebnis in Südkorea würde die erste Kontaktaufnahme respektive den Griff zum Telefonhörer bestimmt erleichtern.

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