Marc Gisin und seine Schutzengel

Der Schweizer verunfallt in Gröden fürchterlich, er soll ein Schädel-Hirn-Trauma und eine Beckenverletzung erlitten haben.

Schon wieder stürzt Marc Gisin schwer: Das Rennen in Gröden musste danach unterbrochen werden. (Video: SRF)

Zwei Frauen weinen im Zielraum. Ein Swiss-Ski-Mitarbeiter fuchtelt mit den Händen. 20 Meter dahinter, auf dem Stuhl des Führenden, schlägt Aleksander Kilde die Arme über dem Kopf zusammen.

Es ist still geworden in Gröden, die Nummer 18 ist dermassen fürchterlich gestürzt, dass Gedanken aufkommen, die man nicht aufkommen lassen will. Marc Gisin liegt im Schnee. Ohne kleinste Regung. Auf einmal verschwindet das Fernsehbild von der Grossleinwand. Die Angst aber ist geblieben. Sie wird grösser. Und grösser. Geht es um Leben und Tod?

Vor den Kamelbuckeln hatten sich die Ski des Engelbergers gekreuzt. Kurz vor dem Sprung fiel er hin und dann durch die Luft, mit einer unfassbaren Wucht schlug es ihn auf die Piste; Kopf, Rücken und nochmals der Kopf prallten heftig auf. Nun vergehen die Minuten, eine Menschenschar verdeckt den 30-Jährigen, auch der Hubschrauber ist da, aber vorerst geht es um Massnahmen, die der Stabilisation des Verletzten dienen. Nach einer halben Stunde: der nächste Fahrer. Weitere 75 Minuten später: Siegerehrung. Kilde vor Franz und Feuz, alles gut und recht, aber nicht wirklich von Bedeutung.

Um 18 Uhr meldet Swiss-Ski, Gisin sei ins Spital nach Bozen geflogen worden und so stabil, dass er im Verlauf des Abends in die Schweiz, offenbar nach Luzern, zurückgeflogen werden könne. Genaue Diagnosen werden erst für heute Sonntag in Aussicht gestellt.

Gisin und die bittere Ironie des Schicksals

Gleich nach dem Rennen war der Schweizer Abfahrtscoach Andy Evers noch davon ausgegangen, dass Gisins Kopf nicht beeinträchtigt worden sei. Später sickerte durch, dass er ein Schädel-Hirn-Trauma, einen Beckenbruch sowie vier gebrochene Rippen davongetragen hat – bei Swiss-Ski wollte diese Meldung indes niemand bestätigen. «Dass Marc eine Gehirnerschütterung erlitten hat, dürfte niemanden überraschen», meinte der Schweizer Cheftrainer Tom Stauffer nur. Der Berner zeigte sich verhalten optimistisch und meinte, er habe nach den ersten Signalen der Mediziner ein positives Gefühl. Lebensgefahr jedenfalls besteht keine. Bei der Frage, ob Gisin ansprechbar gewesen sei, wich er allerdings aus: «Er war bei Bewusstsein.» Dem Vernehmen nach trug der Olympiateilnehmer von Pyeongchang keinen Airbag, das freiwillige System, welches einige Körperpartien schützen könnte.

Es sieht fast so aus, als wäre der Unfall heraufbeschworen worden. Im «Tages-Anzeiger» wurde gestern auf die Gefahr der Kamelbuckel hingewiesen, die gemäss Statistiken gefährlichste Passage im Weltcup. Und in einer Kolumne der NZZ hatte Gisin zu erklären versucht, wie ein Sturz im Kopf funktioniere. Die Ironie des Schicksals hat zugeschlagen, aber wie viele Schutzengel müssen trotz des umfassenden Krankenbulletins um Gisin gekreist sein, bedenkt man, dass sich der Schnee beim Aufprall hart wie Beton angefühlt haben dürfte? Aus nächster Nähe hatte Stauffer den Sturz beobachten müssen, er war zunächst geschockt und sagte, das Unglück sei an der schlimmstmöglichen Stelle geschehen.

Gisin wird intubiert und ist lange ohne Bewusstsein

Gisin wurde intubiert und war lange bewusstlos, 20, 25 Minuten vielleicht. Mit ihrer Informationssperre leistete die Swiss-Ski-Belegschaft ihren Beitrag zum wilden Spekulieren, welches eingesetzt hatte am frühen Nachmittag. Gisin liege im Koma, hiess es, die Lunge sei zerquetscht, meldete ein italienischer Reporter. Erste glaubwürdige Informationen lieferte indirekt Gisins Schwester Michelle, die in Alta Badia auf die Schweizer Riesenslalom-Spezialisten Marco Odermatt und Loïc Meillard traf, welche für den Fotografen des «Blick» posierten. Ihr Bruder sei bei Bewusstsein – der Fotograf gab die Nachricht weiter. Man mag sich nicht vorstellen, wie sich die Ungewissheit für die Angehörigen angefühlt haben muss.

Sie leiden nicht zum ersten Mal mit Gisin, der so oft zurückgeworfen worden ist. Erinnert sei an den Super-G von Kitzbühel 2015, als er vor der Hausbergkante die Kontrolle verloren hatte, beim Sturz eine Hirnblutung sowie ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma erlitt. Ein wenig bagatellisierte er die Blessur, noch anderthalb Jahre später jedenfalls sollte er die Konsequenzen davon spüren. Gisin bekundete Schlafprobleme, die Ärzte diagnostizierten ein posttraumatisches Belastungssyndrom.

Beat Feuz, der als Dritter seinen «Gröden-Fluch» vertrieb, teilt mit Gisin oft das Zimmer. Die Freude über seinen Podestplatz rückte in den Hintergrund, «wichtig ist jetzt, dass Marc wieder auf die Beine kommt». Der Abfahrtsweltmeister wirkte mitgenommen. Manch anderem ging es gleich.

SonntagsZeitung

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