Zum Hauptinhalt springen

Jetzt kommt die Zeit nach der Dürre

Niels Hintermann verlor den Sponsor, zog sich eine Verletzung zu und wusste nicht mehr, was er essen soll oder ob er sich das Skifahren noch leisten kann. Nun ist er zurück – wiedererstarkt und gelassen.

Heute hofft Niels Hintermann in der Abfahrt von Bormio auf das nächste gute Resultat.
Heute hofft Niels Hintermann in der Abfahrt von Bormio auf das nächste gute Resultat.
Keystone

Es gab Tage, da sass Niels Hintermann zu Hause in Bülach und fragte sich: Welches Essen kann ich mir noch leisten? Fleisch hatte er von seiner Menükarte gestrichen, vielleicht aber gönnt er sich doch wieder einmal ein Poulet. Mehr lag nicht mehr drin im vergangenen Sommer. Hintermann sagt: «Es ging dem Ende zu.»

23 ist der Skirennfahrer im letzten Mai erst ­geworden, und doch wusste er nicht, ob er das Ganze noch will, «ob ich es überhaupt noch kann». Im April 2017, kurz nach seinem Riesencoup in Wengen, wo er die Kombination gewonnen hatte, sprang sein Kopfsponsor ab – das Haupteinkommen fiel weg, die finanziellen Sorgen begannen. Sein Management suchte vergeblich nach einem Nachfolger. Und die Suche wurde geradezu aussichtslos, als Hintermann vor dem Start zur Saison 2017 auch noch eine schwere Verletzung erlitt.

Das war im Januar 2017, Hintermann gewann in Wengen die Superkombination. PETER SCHNEIDER/KEYSTONE
Das war im Januar 2017, Hintermann gewann in Wengen die Superkombination. PETER SCHNEIDER/KEYSTONE

Beim Abfahrtstraining im ­August in Zermatt hängte er an einer Stange ein, so heftig, dass er dachte: «Mein Arm ist ab.» Ganz so arg war es dann nicht, seine linke Schulter aber hatte einen heftigen Schlag erwischt, sie renkte sich aus und beschädigte dabei einen Nerv.

«Wieso mache ich das?»

In der Physiotherapie ging es ­danach nicht vorwärts, keinen Schritt, und wenn doch, dann ging es am nächsten Tag wieder einen Schritt zurück. Die Schulter hatte zu viel Spielraum, war instabil. Die Zeit der Ungewissheit zermürbte Hintermann, «meine Stimmung war brutal schlecht», sagt er, «ich hinterfragte alles: Wieso mache ich das? Gibt es nichts anderes, was ich in meinem Leben tun könnte?»

Erst die Operation vier Monate nach dem Unfall machte alles wieder etwas erträglicher – ­zumindest sportlich. «Ich hatte wieder einen Plan», sagt er.

Der war: So schnell wie möglich auf die Skipiste. Die Ärzte rieten ihm zuzuwarten, nur: Er hatte genug gewartet. Am 1. März reiste er auf den Stoos, ohne Trainer, ohne Handy, ohne die Zustimmung der Ärzte. Er wollte seine ersten Schwünge in Ruhe ziehen. Die Schulter machte mit. Zwar musste sie nach der Anstrengung lange von Physiotherapeuten gelöst werden, weil die Muskulatur «zugemacht» hatte, wie Hintermann sagt – und das war auch in den vielen Trainings danach noch so. Schmerzen aber hatte er keine.

Mit Abfahrtscoach Andy Evers trainierte er zehn Tage in Hinterreit, startete im April an der Schweizer Meisterschaft in ­Davos als Vorfahrer, flog zum Training ins schwedische Åre, dem WM-Ort 2019. Und er merkte, wie sehr ihm das alles gefehlt hatte. Die Gedanken an ein anderes ­Leben waren weit weg. Nur die finanziellen Ängste blieben.

Momente des Glücks: So erklärte Hintermann seinen Erfolg von Wengen.

Hintermann hat zwar Partner, die seine Fixkosten tragen. Ein Einkommen aber, das ihm ein Kopfsponsor garantiert hätte, fehlte. Mittlerweile hatte er den Vertrag mit der Managementfirma gekündigt, sein Bruder, bei Vermarkter Infront tätig, nahm die Suche auf – auch er erfolglos. Erst diesen Oktober, kurz vor dem Start zur Abfahrtssaison in Lake Louise, stiess er beim ­Finanz- institut BWM auf offene Ohren – nach eineinhalb Jahren der ständigen Absagen. Dessen Logo ziert seither Hintermanns Helm.

Er kann wieder geniessen

Überhaupt ist ziemlich alles wieder im Lot im Leben von Hintermann. Auch die Sorge, wie er auf die Rennbelastung reagieren würde, ist verflogen. 14. ist er zum Auftakt in Lake Louise und ­zuletzt in Gröden geworden. In Bormio, wo heute die vierte Abfahrt ­ansteht, hat er im Training mit Platz 22 überzeugt. Nur in Beaver Creek hatte er mit Rang 31 in der Abfahrt und dem Sturz im Super-G ein Tief. Doch mit solchen Rückschlägen geht er gelassener um: «Wenn es mich früher hinschmiss, fuhr noch lange viel Respekt mit. Nun habe ich keinen Moment an den Sturz gedacht.»

Der langen Rennpause kann er deshalb auch Positives abgewinnen: «Wenn es einmal nicht läuft, kann ich sagen: Im letzten Jahr sass ich nur herum. Jetzt kann ich wieder Ski fahren, das Panorama in den Bergen geniessen, die Verhältnisse. Das alles hat mir ­extrem gefehlt. Erst, als ich ihn nicht mehr hatte, merkte ich, was ich habe an diesem Sport.»

Hintermann nimmt alles ­bewusster wahr. Das gilt auch fürs Essen. Insbesondere für ein ­gutes Stück Fleisch.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch