Im Gleichgewicht auf die Abfahrt

Mit neun bis zwölf Stunden Schlaf und Material des Vorjahres startet Lara Gut am Freitag um 20.30 Uhr in Lake Louise zum ersten Speedrennen.

«Ich weiss, dass ich es draufhabe»: Lara Gut ist in Wettkampfstimmung. Bild: Keystone

«Ich weiss, dass ich es draufhabe»: Lara Gut ist in Wettkampfstimmung. Bild: Keystone

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Geduld? Lara Gut hatte sie. Weil sie wusste, dass sie sie brauchen würde auf dem Weg zurück nach der schweren Knieverletzung, zugezogen im Februar, bei der Heim-WM in St. Moritz. Doch jetzt? Jetzt ist das vorbei, das Knie wieder ganz gesund, sagt sie, «ich bin fit».

Jetzt ist wieder Alltag, Skiweltcup, Gut will schnellstmöglich nach ganz vorne, geduldig war sie lange genug. «Ich weiss zwar, dass ich mir nicht den Kopf zerbrechen muss, wenn die ersten Rennen nicht super sind. Aber es hilft mir auch nichts, wenn ich immer nur ­sagen kann: ‹Ja, ja, irgendwann wird es dann schon wieder kommen.› Ich weiss, dass ich es draufhabe.»

Zweimal ist sie bislang gestartet in diesem Winter, zweimal zu Riesenslaloms. In Sölden endete die Fahrt nach 43 Sekunden, und doch stand Gut lachend im Zielraum. Am letzten Wochenende war Killington, Vermont. Lara Gut erstmals im Ziel, 23. Doch lachen mochte sie nicht. Sölden, das war ein erster Testlauf. Killington, das war Wettkampf. «Es war halt so, wie es war. Das Rennen ist vorbei, Punkt, Schluss. Ich nehme mit, was gut war, was mir noch fehlt, woran ich noch arbeiten muss.» Und als ob sie es für sich wiederholen müsste: «Fertig, Schluss. Ich zerbreche mir nicht den Kopf.»

Schlag auf geschwollene Hand

Die Tessinerin war mit einer geschwollenen linken Hand gestartet. Im Schnals­tal, wo sie vor der Reise in die USA trainiert hatte, war sie mit dieser erstmals heftig gegen eine Torstange geprallt. Einen Tag vor dem Rennen in Killington gab es den nächsten Schlag.

Und das Knie? Ist es schon wieder bei 100 Prozent Belastungsfähigkeit? Die geschwollene Hand dient der 26-Jährigen, um die Frage zu beantworten: «Mein Knie ist okay. Ich habe die Reha gemacht, mir Zeit genommen, damit es wieder belastbar ist. Ich suche nicht nach Unterschieden zu vorher. Ich bin mit geschwollener Hand gefahren und hatte auch nicht das Gefühl, links nur bei 80 und rechts bei 100 Prozent zu sein. Ich bin mit meinem Knie schon gesprungen, mit ihm gestürzt, und: Es hält. Ein Limit setzt man sich nur im Kopf.»

Lara Gut steht an diesem Mittag im Zielraum von Lake Louise. Gerade hat sie ihre erste Fahrt auf einer Weltcup-­Abfahrtspiste in diesem Winter hinter sich gebracht, mit Material des Vorjahres. Um auf ihrem Weg zurück keine Zeit mit Tests zu verlieren, setzt sie auf die bewährten Ski und Schuhe. Sechstschnellste war sie im ersten Training. Gestern gab es Rang 15. «Wir können zufrieden sein», sagt ­Vater und Trainer Pauli Gut. «Aber auch wenn es schwierig ist: Lara muss ver­suchen, geduldig zu sein.» Versuchen zu akzeptieren, dass es noch etwas dauern kann bis zum ersten Spitzenresultat. Dass nicht schon heute in der ersten ­Abfahrt alles aufgehen muss.

Rennen für das Adrenalin

Es ist nicht einfach für die Gesamtweltcupsiegerin von 2015/16, die sich an Podestplätze, an Siege gewöhnt hat, die nichts so sehr liebt wie einen schönen Lauf, wie danach im Ziel zu stehen und zu wissen: Ich habe jede Kurve getroffen, wie ich sie mir vorgenommen hatte.

In den ersten Riesenslaloms hatte sie das noch nicht, wenig überraschend. «Etwas Gewöhnungssache» sei es, dort den Schwung wiederzufinden. Pauli Gut sagt: «Lara braucht jetzt ganz einfach Rennen, damit das Adrenalin nach und nach zurückkommt.»

Drei Stück in Folge gibt es zum Auftakt in den schnellen Disziplinen. «Ich habe mich schon letztes Jahr gefreut, hierherzukommen. Jetzt habe ich mich noch mehr gefreut. Auch, weil ich spüre, dass ich schnell sein kann. Es liegt nur an mir. Das ist, was ich mag», sagt Lara Gut.

Vorfreude auf Lake Louise. Es war nicht immer so. Zum neunten Mal ist sie nun schon hier. Lange tat sie sich schwer mit dieser Piste. Doch spätestens, seit sie in die letzte Speedsaison mit den Rängen 4, 2 und 1 startete, ist das anders. «Aber ich werde mich davor hüten, mich mit ­irgendeiner Prognose unter Druck zu setzen. Ich geniesse es einfach.» Sie habe schon immer gewusst, «dass ich das Skifahren liebe, dass ich immer alles geben muss in den zwei ­Minuten auf der Piste. Aber jetzt merke ich erst richtig, wie viel wert diese zwei Minuten für mich wirklich sind.» Sie nimmt alles bewusster wahr als vor der Verletzung, so scheint es, als ihren Dauerlauf nur der Körper stoppen konnte. Sie versuche, das im Sommer gewonnene Gleichgewicht zu halten, öfter zur Ruhe zu finden, viel zu schlafen. Zwischen neun und zwölf Stunden waren es immer, seit sie letzte Woche nach Übersee flog. «Es sind solche Kleinigkeiten, die einen riesigen Unterschied machen.»

Ausgeschlafen, ausgeglichen, fit – es gibt schlechtere Voraussetzungen.

Roland Platzer versucht gar nicht erst, ­irgendwelche Erwartungen zu dämpfen. «Alle vier können in die Top 15 fahren. Wenn alles passt, kann es in die Top 5 reichen.» Der Cheftrainer der Abfahrerinnen sagt: «Alles lief nach Plan, das Klima im Team ist super, sie pushen sich gegenseitig.» Drei Tage nur konnte die kleine Gruppe mit Corinne Suter, Jasmine Flury, Joana Hählen und Priska Nufer nicht trainieren, weil das Wetter nicht mitspielte. «Alle haben Fortschritte gemacht», glaubt Platzer. Seine Fahrerinnen bestätigen das, auch Michelle Gisin und Denise Feierabend, die nun dazustiessen.

Einzig Suter erlebte einen Rückschlag. Anfang September riss bei einem Sturz ein Band im linken Daumen. Nach der Operation konnte sie wochenlang den Skistock nicht mehr greifen, fuhr viel frei Ski. Nun trägt sie über dem Handschuh einen Schoner. Es ist ein kleines Handicap. Schwerer wog das, was die Schwyzerin letzte Saison beschäftigte, im Winter nach den Topresultaten in Serie. «Die Bestätigungssaison ist schwierig», hatte Frauencheftrainer Hans Flatscher gesagt. Suter dachte: «Ich fahre einfach wie immer.» Es ging gut los, mit den Rängen 4 und 7 in Lake Louise. Doch danach habe sie sich «verkopft». Suter sagt: «Ich wollte zu viel, konnte mich nicht aufs Skifahren konzentrieren.» Sie arbeitete intensiv mit ihrem Mentaltrainer, und auch die Trainer bekamen Nachhilfe von einer Sportpsychologin. «Es tat gut, mit ihnen über etwas anderes zu reden als nur über die Technik», sagt Suter. Im Training fuhr sie, «ohne viel zu überlegen». Sie hofft, dass ihr das auch im Rennen gelingt. Und die Prognose von Platzer eintrifft. (rha)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2017, 07:59 Uhr

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