«Ich war überfordert mit Danis Situation»

Vor 12 Jahren waren Marc Berthod und Daniel Albrecht an der WM in Åre in der Blütezeit. Dann kam das abrupte Ende – Albrecht stürzte schwer. Die Beziehung war nie mehr dieselbe.

Marc Berthod (links) und Daniel Albrecht: Einst waren sie die «Ski-Zwillinge», heute bewegen sie sich in unterschiedlichen Welten. (Bild: Christian Pfander)

Marc Berthod (links) und Daniel Albrecht: Einst waren sie die «Ski-Zwillinge», heute bewegen sie sich in unterschiedlichen Welten. (Bild: Christian Pfander)

Sie waren die Hoffnungen des Schweizer Skisports, als sie 2007 an der WM in Åre zusammen drei Einzelmedaillen und Team-Bronze gewannen: Dann scheiterte die Karriere von Marc Berthod wegen seines Rückens, die von Daniel Albrecht am schweren Sturz in Kitzbühel 2009, nach dem er drei Wochen im Koma lag. Heute ist Berthod dreifacher Vater und Experte beim Fernsehen. Albrecht, der seit 2016 eine Tochter hat, hat seine Bekleidungsfirma Albright verkauft und konzipiert Wohnhäuser. Die 35-Jährigen sagen, sie seien glücklich. Doch ihre Ski-Karrieren waren viel zu kurz.

Wenn Sie an die WM 2007 denken: Kommt Wehmut auf?
Berthod: Ich habe gute Gefühle, ich war in der Blütezeit meiner Karriere. Ich bin ein Mensch, der das Schlechte vergisst oder verdrängt, es ist irgendwie nicht mehr präsent. Ich habe nur das Gefühl, dass ich gut war damals (lacht).
Albrecht: Wir hatten Erfolg, und alles passte zusammen: der Teamgeist, das Material, die Trainer. ­Alles rollte, ganz locker.
Berthod: Das war das Traumjahr. Wir hatten schon vorher Akzente gesetzt, dann kam die WM in Åre, kamen die Medaillen.

Wie von selbst?
Berthod: Es war nicht selbstverständlich, dass es so einschlug. Aber wir hatten gar nicht überlegt, dass es nicht funktionieren könnte. Wir waren sehr selbstbewusst.
Albrecht: Als alles vorbei war, haben wir richtig gefeiert. Der Alkohol ist in Schweden nicht gerade billig, da aber haben wir es krachen lassen – ein Dank an den Verband.

Es rollte, wie Sie sagen, dann kamen die Tiefschläge. Wie gingen Sie damit um?
Berthod: Auf die Saison 2008/09 hin habe ich dem Körper zu wenig Sorge getragen, es entstand eine Dysbalance. Der Rücken schmerzte bald auch während des Fahrens. Und dann stürzte Dani auch noch in Kitzbühel ...

Wie haben Sie das erlebt?
Berthod: Ich war in Österreich beim Training, habe nur davon gehört. Gesehen habe ich den Sturz bis heute nicht.
Albrecht: Schade, der war krass.

Wollen Sie ihn nicht sehen?
Berthod: Einen Kollegen so stürzen zu sehen – nein, dieses Verlangen habe ich nicht. Danach wussten wir lange nicht, was mit ihm ist. Erst an der WM in Val-d’Isère (2009) gab es so etwas wie Entwarnung. Es war eine schwere Zeit.

Albrecht kam zurück und war nicht mehr der Gleiche. Wie war das für Sie als Kollege?
Berthod: Es war ein Abwarten unsererseits. Wir wussten nicht, was auf uns zukommt. Dann war er auf einmal wieder da, das war eine schwierige Situation. Es war unklar, was er noch kann und was nicht.
Albrecht: Das war auf Mallorca beim Konditionstraining. Da stand ich ziemlich neben den Schuhen.

«Wenn ich beim Nachtessen drei- oder viermal das Gleiche fragte, schauten sie mich komisch an.»Daniel Albrecht

Das heisst?
Albrecht: Ich bin nie mehr Velo gefahren, ich wusste gar nicht, ob ich es noch kann, war im Kopf nicht klar. Aber ich wollte unbedingt dabei sein. Es war seltsam: Ich hatte Erinnerungen an die Zeit vor dem Unfall, ich trug noch das gleiche Gefühl in mir, spürte dieses Selbstvertrauen. Nur: Ich konnte es nicht mehr. Die Kollegen wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollten.

Wie äusserte sich das?
Albrecht: Sie waren nicht informiert worden, was es bedeutet, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu haben. Wenn ich beim Nachtessen drei- oder viermal das Gleiche fragte, schauten sie mich komisch an.

Haben Sie selber gemerkt, dass etwas nicht stimmt?
Albrecht: Ich glaubte, ich hätte nur einmal gefragt. Aber wenn sie komisch schauten, wusste ich, dass ich etwas Dummes gesagt hatte.

Wie reagierten Sie?
Albrecht: Ich zog mich zurück, ich fühlte mich verloren. Diese Phase ging lange.

Wie lange?
Albrecht: Jahre. Es dauerte, bis ich mich an meine neuen Grenzen gewöhnt hatte. Wenn ich nach zwei Fahrten nicht mehr konnte oder nach zehn Minuten auf dem Velo nichts mehr ging, wusste ich erst nicht, woran das lag. Auf einmal setzte nicht mehr mein Körper Grenzen, sondern mein Kopf.

Wurden Sie im Kopf müde, weil Sie alles bewusst tun mussten?
Albrecht: Wenn ein Mensch etwas zum ersten Mal tut, muss er das ganz bewusst tun, das braucht Kraft. Ich musste selbst das bewusst tun, was vorher von alleine gegangen war – das kostete brutal Energie. Nichts war mehr automatisiert, ich musste sogar den Wecker bewusst abschalten. Nach ein paar Stunden konnte ich nicht mehr.

Wie ist das heute?
Albrecht: Es ist manchmal noch so, bewegt sich aber in einem Bereich, in dem das die Leute um mich nicht merken – das hoffe ich zumindest.

Ihre Karrieren haben einen Bruch erfahren. Hat das auch Ihre Beziehung?Berthod: Wir sehen uns ab und zu, dann ist auch das Ganze von früher wieder da, weil wir uns ja doch gut kennen. Aber der Kontakt ging schon etwas auseinander.
Albrecht: Das ist so. Ich musste ­alles von Grund auf neu erlernen, war extrem gefordert. Ich war derart mit mir beschäftigt, dass mein Umfeld zu kurz kam. Am Anfang war das positiv, weil ich nicht merkte, dass kaum jemand an mein Vorhaben glaubte. Ich sagte meinem Trainer: Ich will Weltcuprennen fahren. Dabei war ich nicht einmal fähig, einen Rucksack zu tragen.

«Manchmal staune ich selber über mich.»Daniel Albrecht


Was dachten Sie über Albrechts Comeback-Versuch?
Berthod: Wir alle, ich, die anderen Athleten, die Trainer, waren überfordert mit Danis Situation. Die Trainer müssen einen Sportler auf der einen Seite unterstützen, auf der anderen aber auch beschützen. Bei dir hat das nicht funktioniert: Du wolltest fahren, die Trainer sagten Nein, das war schwierig.
Albrecht: Ich sagte schon immer: Ich gewinne! Das war oft unrealistisch, aber bei mir durfte ein Ziel nie etwas mit der Realität zu tun haben. Es musste hoch sein, damit ich auch alles dafür tat. Also fragte ich: Wann ist der Auftakt in Sölden? Ich will dort gewinnen. Obwohl ich wusste, dass ich nicht einmal geradeaus fahren kann.
Berthod: Diese Einstellung half dir wohl auch, dass du da bist, wo du jetzt bist.
Albrecht: Womöglich. Jedenfalls habe ich vieles richtig gemacht. Manchmal staune ich selber über mich (lacht).

Haben Sie ihm von der Rückkehr abgeraten?
Berthod: Nein, er war so überzeugt, wollte unbedingt zurück auf die Rennpiste. Ich dachte: Das ist ein riesiges Unterfangen, ein Wahnsinnsprozess bis dorthin – bis du in Beaver Creek knapp zwei Jahre nach dem Sturz zurückkehrtest. Ich staunte, wie du dich entwickelt hast, über diesen 21. Platz – auf der einen Seite. Auf der anderen war da noch immer der Moment zu Beginn, als ich erschrak, weil auf einmal kein Austausch mehr möglich war wie davor. Ich wusste, was dir passiert ist beim Sturz – aber nicht, was auf mich zukommt.

Hatten Sie Angst um Ihren Kollegen?
Berthod: Als du dann auf die Abfahrt wolltest, ...
Albrecht: … da hatten alle Angst.
Berthod: Ich dachte auch: Vielleicht haben die Trainer nicht unrecht. Aber du hast ganz anders darüber geredet. Also dachte ich: Vielleicht haben die Trainer doch unrecht. Ich hatte das Gefühl, du warst mündig, genug klar im Kopf, um zu beurteilen, was du machen willst. Aber wahrscheinlich war es nicht schlecht, hat man dich davon abgehalten. Oder?
Albrecht: Es ist wie mit meiner Tochter: Sie will etwas ausprobieren, ich sehe, dass es zu früh ist für sie, zu gefährlich. Aber wenn ich stur Nein sage, tut sie es sowieso.



  • loading indicator


Sie wünschten sich von Ihren Trainern mehr Unterstützung?
Albrecht: Ich hätte jemanden gebraucht, der gesagt hätte: Die Abfahrt ist das Ziel, aber wir fangen mit dem Riesenslalom an. Ich wollte nur wissen, was noch geht, wie weit ich kommen kann. Hätten mich die Trainer einfach machen lassen, hätte ich gemerkt, was geht. Später, beim ersten Versuch, ging es einfach. Dabei hatten die Trainer bei den Sprüngen gemeint, es sei gefährlich, es könne wieder etwas passieren. Panik und Angst wurden mir fast eingeredet.

Die Trainer trugen doch eine Mitverantwortung.
Albrecht: Wenn ein Junior das erste Mal eine Abfahrt fährt, geht er nicht weniger Risiko ein. Ihm wird gesagt: Das musst du in den Griff kriegen. Bei mir hiess es: Es könnte schwierig und gefährlich werden. Es ist schwierig zu sagen, was richtig gewesen wäre.

Was bleibt von Ihrem Comeback-Versuch?
Albrecht: Ich habe gewonnen. Ich habe nach dem Sturz mehr erreicht als viele gesunde Athleten. Aber weil ich vorher so gut gewesen war, wurde erwartet, dass ich wieder voll dabei sein würde. Dafür hätte ich aber nie Fehler machen dürfen. Am Anfang kannte ich nicht einmal mehr meinen Namen. Es war schwierig, alles richtig zu machen.

Stellen Sie sich die Frage, was gewesen wäre, hätte es diesen Sturz und die körperlichen Probleme nicht gegeben?
Albrecht: Eigentlich nicht. Ich denke gerne zurück, weil ich dabei war, durchzustarten. Ich denke daran, wie es rollte, dass wir zwei sagten, was läuft, und die Trainer machen mussten, was wir sagten (lacht).
Berthod: Was du sagtest.

War so auch die Rollenverteilung im Zimmer?
Albrecht: Der Erste, der kam, konnte seine Seite auswählen, rechts sein Material, links dasjenige des anderen. Es gab keinen Chef.
Berthod: Beim Fernsehprogramm entschied ich. Aber damals kam viel Schrott am Nachmittag. Du hast eher deine Wissenshefte gelesen.

«Ich spreche einfach drauflos.»Marc Berthod über seine Rolle als TV-Experte


Im Team war Albrecht der Anführer, Sie versteckten sich. Nun kommentieren Sie am Fernsehen. Wie kam es zum Wandel?
Berthod: Ich konnte mir nie vorstellen, dass ich so etwas mache.

Wie ist diese Rolle für Sie?
Berthod: Ich spreche einfach drauflos. Gewisse Dinge schreibe ich mir auf: Dass ich präsenter sein muss etwa, manchmal verschwinde ich ein wenig und beginne zu nuscheln.
Albrecht: Du musst mit dem Selbstvertrauen ran wie bei unserem Doppelsieg in Adelboden (2008).

Was denken Sie, wenn Sie Berthod am Fernsehen hören?
Berthod: Er schaut ja nie zu (lacht).
Albrecht: Ich schaue selten. Und wenn, dann zeitversetzt und nur die zwei, drei Fahrer, die ich sehen will. Also höre ich nicht viel. Was ich höre, ist meistens gut, ab und zu verschätzt du dich ein wenig.

Haben Sie sich komplett vom Skizirkus abgenabelt?
Albrecht: Wenn man nicht richtig dabei ist, ist man schnell weg. Der Rennsport ist eine Familie, die einfach funktioniert – zu der man aber auch schnell nicht mehr gehört.
Berthod: Es ist eine kleine Welt. Ist man drin, hat man das Gefühl, sie sei das Wichtigste. Ich dachte, es gebe nichts anderes. Nun geniesse ich es, in sie einzutauchen, schätze es aber auch, herauszukommen.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben?
Albrecht: Ich bin glücklich. Trotz dem Sturz, der mich komplett aus dem Leben gerissen hat. Das harte Training fürs Comeback hat sich gelohnt, ich kann wieder alles machen, bin beruflich erfolgreich. Zufrieden aber möchte ich nie sein, sonst würde ich nichts mehr tun.
Berthod:Ich hatte Respekt vor der Zeit danach. Einige Male habe ich gedacht: Es ist schade, nicht mehr Rennfahrer zu sein. Aber es kam eine spannende Phase, und auch ich kann sagen: Ich bin glücklich.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt