«Ich habe letzte Saison oft geweint»

Lara Gut sagt vor dem Mammut-Wochenende in Val-d’Isère, wieso sie nicht perfekt sein muss.

Zu Val-d’Isère hat Lara Gut eine spezielle Beziehung: «Der Ort gibt mir viel Energie.» Foto: Jeff McIntosh (AP, Keystone)

Zu Val-d’Isère hat Lara Gut eine spezielle Beziehung: «Der Ort gibt mir viel Energie.» Foto: Jeff McIntosh (AP, Keystone)

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Es ist für Lara Gut wie ein Heimkommen. Ein Topf mit Tulpen erwartet die Tessinerin in ihrem Hotelzimmer in Val-d’Isère. Auf einem Kärtchen steht: «Bienvenue Lara à la maison.» Die 25-jährige Ausnahmeskifahrerin ist also wieder hier in den französischen Alpen, wo die Sonne die weissen Berggipfel seit Wochen in ihr schönstes Licht rückt. Wo Winterstimmung aufkommt und die Lust aufs Skifahren fast jeden erfasst, der die Pisten rundherum erblickt – auch wenn es daneben grün oder grau ist.

Bei kaum jemandem dürfte diese Lust so gross sein wie bei Lara Gut. Schliesslich gibt es in ihrem Beruf kein schöneres Arbeitsumfeld. Zudem ist der Nobelort ganz speziell für sie. Sie ist auf der Piste Oreiller-Killy so erfolgreich wie auf keiner anderen, stand schon fünfmal auf dem Podest, feierte drei Siege. «Ich liebe es einfach hier», sagt Gut an diesem Donnerstag nach ihrem 3. Rang im zweiten Abfahrtstraining – das erste hatte sie überlegen gewonnen. Es ist der Tag vor dem Mammut-Wochenende mit drei Rennen und dem Riesenslalom am Dienstag im nahen Courchevel. Und wie das so ist mit der Liebe: Sie fällt, wohin sie will. Deshalb sagt auch Gut: «Es ist schwierig, Liebe zu erklären.»

Das Triple? «Möglich!»

Entstanden ist diese in ihrer Kindheit. «Als kleines Mädchen kam ich mit der Familie oft nach Val-d’Isère, um Ski zu fahren. Diese Zeiten behalte ich für ­immer in meinem Herzen. Der Ort gibt mir viel Energie», sagt sie. Sie tut auch alles dafür, dass diese Liebe nicht rostet.

Als 17-Jährige gewann sie 2009 in Val-d’Isère zweimal WM-Silber. In ihrem überragenden letzten Jahr siegte sie hier in der Kombination und am Folgetag in der Abfahrt. Und jetzt also könnte sie gar das Triple holen. In der heutigen Kombination, in der Abfahrt am Samstag und im Super-G am Sonntag gehört sie zu den erstgenannten Favoritinnen. «Es wird nicht einfach, aber es ist möglich, dreimal zu gewinnen», sagt sie mit dem Selbstverständnis der Gesamt­weltcupsiegerin. «Aber ich denke am Start nicht an den Sieg, das würde überhaupt nichts bringen. Ich denke nur ans Skifahren, das macht mich schnell.»

Ihr Rezept geht auf. Gut ist mit zwei Siegen und insgesamt vier Podestplätzen besser in den Winter gestartet als vor einem Jahr. So gut, dass schon jetzt wieder, nach erst 9 von 37 Rennen, das Thema grosse Kristallkugel allgegen­wärtig ist. Wiederum deutet alles auf einen Zweikampf zwischen Gut und einer Amerikanerin hin. Diesmal ist es nicht Lindsey Vonn, weil sich die 32-Jährige nach einem Oberarmbruch noch immer auf dem Weg zurück befindet, sondern Mikaela Shiffrin, das 21-jährige Slalomwunderkind. Das sich in diesem Winter auch in den schnellen Disziplinen versuchen will, dem angeschla­genen Tempo nun aber Tribut zollt. Sie lässt wegen Müdigkeit sämtliche Rennen in Val-d’Isère aus und wird erst in ­Courchevel wieder am Start stehen.

Die grosse Chance

«Sie ist auch noch superjung», sagt ­Patrice Morisod, der einstige Trainer von Didier Cuche und Daniel Albrecht, der an diesem Wochenende mit dem Team Gut in Val-d’Isère weilt, «als Berater», wie er sagt. Seit einem Jahr arbeitet er schon mit Lara Gut zusammen. Und ­Morisod ist eben nicht erstaunt, dass Shiffrin nun pausiert. «Das Programm raubt enorm viel Energie. Lara hat diesbezüglich viel mehr Erfahrung und ist physisch wirklich absolute Spitze.» Er traut ihr gleich in allen vier Rennen in den französischen Alpen Podestplätze zu. «Es gibt keinen Grund, wieso das nicht klappen sollte. Sie hat viel Selbstvertrauen und ist in Topform.»

Es ist also die grosse Chance der Schweizerin, im Gesamtweltcup an Shiffrin vorbeizuziehen. 105 Punkte Rückstand hat sie derzeit. Dass ihre härteste Gegnerin nicht antritt, kümmert Gut dennoch nicht. Zumindest sagt sie es so. «Ich fahre nicht gegen jemanden, mir ist egal, wer vor und wer nach mir startet. Ich fahre nicht langsamer oder schneller, wenn jemand dabei ist oder eben nicht. Es gibt nur mich und die Strecke», sagt sie, wie sie das auch in der letzten Saison oft gesagt hat. Ebenso wie das: «In einem Rennen gibt es 100 Punkte zu gewinnen, nicht die grosse Kugel.» Will heissen: Die Saison ist lang.

Und Gut weiss, so zumindest lautet ihre Erkenntnis aus dem letzten Winter, dass sie den Gesamtweltcup auch gewinnen kann, wenn nicht alles rundläuft, wenn sie auch einmal schwierige Rennen erlebt. «Von meiner letzten Saison sagen manche, sie sei perfekt gewesen. Dabei habe ich oft nach schlechten ­Rennen geweint, weil ich nicht wusste, woran ich arbeiten, was ich machen soll. Ich habe letztes Jahr gelernt, dass es Perfektion im Sport nicht gibt», sagt Gut.

Perfekt ist für sie nur der Ort, an dem sie dieses Wochenende wieder Grosses erreichen will: Val-d’Isère.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2016, 07:29 Uhr

Ski alpin

Programm

Heute
Kombi Frauen in Val-d’Isère, 10.30/14.00
Super-G Männer in Gröden, 12.15

Morgen
Abfahrt Frauen in Val-d’Isère, 10.30
Abfahrt Männer in Gröden, 12.15

Sonntag
Riesenslalom Männer in Alta Badia, 9.30/12.30
Super-G Frauen in Val-d’Isère, 10.30

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