«Ich, eine Prinzessin? Respektlos!»

Fressattacken, dunkle Gedanken und Depressionen – Lindsey Vonn, die erfolgreichste Skifahrerin der Geschichte, spricht über ihr bewegtes Leben.

«Es macht mir Spass, im Rampenlicht zu stehen, und es ist gut für den Skisport»: Lindsey Vonn.

«Es macht mir Spass, im Rampenlicht zu stehen, und es ist gut für den Skisport»: Lindsey Vonn.

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Lindsey Vonn ist zurück in Lake Louise, ihrem Kraftort. 18 ihrer 77 Siege hat sie in den kanadischen Rocky Mountains gefeiert. Im letzten Jahr fehlte die 33-jährige Rekordfahrerin wegen einer Verletzung am Oberarm. Nun spaziert sie mit Hündchen Lucy durch das Hotel und nimmt sich auf einem Sofa bei einem Glas Wasser Zeit für das Gespräch.

Was tragen Sie lieber: Skischuhe oder Stöckelschuhe?
Skischuhe sind bequemer. Meine Knie mögen High Heels nicht.

Trotzdem tragen Sie sie oft auf roten Teppichen und in TV-Shows. Wie wichtig ist es Ihnen, im ­Rampenlicht zu stehen?
Es macht Spass, und es ist auch gut für den Skisport. Ich möchte diesen in Amerika bekannt machen.

Sie sehen sich als Promoterin des Skisports?
Ja sicher. Wenn wir Leute haben wie Bode Miller oder Mikaela Shiffrin, dann hilft das. In den USA zeigen sie nur ­wenige Rennen am Fernsehen und auch dann nur als Teilaufzeichnung.

Was bedeutet es Ihnen persönlich, die Scheinwerfer auf sich zu ziehen?
Ich weiss nicht, was nach meiner Karriere kommt. Wenn ich bekannt bin, habe ich viel mehr Möglichkeiten. Ich möchte die Tür einmal aufstossen und dann später schauen, was kommt.

Video: «Es gibt noch Rekorde zu brechen»

Lindsey Vonn an der Ski-WM in St. Moritz 2017.

Sie sind die erfolgreichste Skifahrerin der Geschichte. Das reicht nicht, um in den USA berühmt zu werden?
Ich habe sehr viel gewonnen, aber der Olympiasieg war das Einzige, was die Leute in den USA registrierten. Ich hatte danach eine gute Strategie: Ich nutzte diese Aufmerksamkeit und besuchte Fernsehsendungen, seither bin ich bekannter. Es gehört viel Arbeit dazu, als Skifahrerin in den USA berühmt zu werden, man muss sich immer und überall präsentieren.

Dann machen Sie auf den roten Teppichen nur Marketingarbeit?
Nein, es macht auch sehr viel Spass. Es ist doch ein Traum jeder Frau, einen Make-up-Artisten zu haben, jemanden, der dir die Haare macht, und schöne Kleidung zu tragen. Das ist etwas sehr Feminines. Ich mag es, eine schön aussehende Frau zu sein, wie in einem Film.

Sie waren mit Tiger Woods liiert, umgeben sich mit Sportstars wie Roger Federer oder Lewis Hamilton. Ist das Teil Ihrer Strategie?
Wir haben viel gemeinsam, deshalb sind viele meiner Freunde Sportler. Gut, Roger hat schon vier Kinder, der bewegt sich in einer anderen Liga. Aber Lewis, ich und andere erleben ganz Ähnliches. Wir stehen enorm unter Druck und sind oft in den Medien. Das gehört zwar zu unserem Job, einfach aber ist das nicht.

Hamilton gilt als Popstar der ­Formel 1. Sind Sie das Pendant zu ihm im Skizirkus?
Man kann uns durchaus vergleichen. Er geht seinen eigenen Weg, ich mache das auch. Es gibt Leute, die sagen, ich solle mich nicht mehr auf roten Teppichen bewegen, die sagen, ich würde immer nur schauspielern. Aber das ist meine Persönlichkeit, und ich denke, das ist auch ganz gut für den Sport.

Gibt es Momente, in denen es Ihnen schwerfällt, eine öffentliche Person zu sein?
Es lastet manchmal schwer auf meinen Schultern, aber es gehört dazu. Irgendwie muss ich das hinkriegen.

«Leute schreiben: ‹Ich hoffe, dass du beim Skifahren über einen Abhang stürzt und stirbst.›»

Sie geben viel von sich preis, bieten Angriffsfläche. Erleben Sie Anfeindungen?
Es gibt einige, die mich nicht mögen.

Was haben Sie schon erlebt?
In den sozialen Medien passiert das oft. Ich versuche zwar, die Dinge nicht zu ­lesen, aber manchmal sehe ich es halt trotzdem. Es gibt Leute, die schreiben: «Ich hoffe, dass du beim Skifahren über einen Abhang stürzt und stirbst.»

Wehren Sie sich dagegen?
Am Anfang ja. Weil ich dachte: Wie blöd können solche Menschen denn eigentlich sein? Aber beginnt man erst einmal damit, sich zu wehren, kann man das Ganze kaum mehr aufhalten. Diese Menschen sind moderne Schläger, Cyberschläger. Die beste Strategie ist, sie zu ­ignorieren.

Hinter Ihrem Image steckt viel Arbeit. Jetzt wollen Sie bei einem Männerrennen antreten: ein ­weiterer Marketing-Gag?
Ich brauche diese Aufmerksamkeit nicht. Ich habe diesen Wunsch seit fünf Jahren. Damals konnte ich mit den Männern im Training immer mithalten – ich möchte wissen, wie ich jetzt dastehe. Es ärgert mich und ist sehr schade, dass Leute behaupten, ich würde nur wieder ins Scheinwerferlicht wollen. FIS-Renndirektor Markus Waldner nannte mich eine Prinzessin? Das ist nur respektlos! Ich habe so viel erreicht, dass ich diese Chance verdient habe.

Sie wollen hier in Lake Louise gegen die Männer antreten, wo Sie schon so oft gewannen. Weshalb nicht in Kitzbühel oder Wengen?
Mein Ziel ist ja nicht, Letzte zu werden. (lacht) Lake Louise ist der einzige Ort, an dem wir ähnliche Pisten haben. Es ist das einzige Rennen, bei dem ich nicht klar im Nachteil wäre.

Haben die Männer Angst vor Ihnen?
Ein Aksel Svindal oder ein Kjetil Jansrud wissen, dass ich sie nicht schlagen werde. Sie unterstützen mich auch bei meinem Plan. Möglich, dass die Jüngeren etwas Bammel haben. Aber das ist ja die Frage: Wie schnell werde ich sein?

Sie jagen derzeit bereits einen Mann: Ingemar Stenmark. Er hat 86 Triumphe, Sie 77. Wie wichtig ist es Ihnen, seinen Rekord zu knacken?
Das ist mein ganz grosses Ziel. Diese Saison stehen zwar erst einmal die Olympischen Spiele im Vordergrund, danach werde ich aber alles geben für diesen ­Rekord. Neun Siege aufzuholen, ist viel, aber ich habe schon in manchem Winter mehr Rennen gewonnen.

Sie planen also die nächsten zwei Saisons. Danach ist Schluss?
Das hängt davon ab, wie es meinem rechten Knie geht. Will ich schnell sein, ist das mit viel Arbeit verbunden. Es braucht Zeit, es braucht Energie.

Bei Grossanlässen fehlten Sie oft verletzt oder verletzten sich während des Events. Wollen Sie an Winterspielen und WM zu viel?
Ich trainierte immer so hart für die grossen Events. Ja, vielleicht war es manchmal zu viel. Im Skisport gibt es viele ­Verletzungen – blöd ist nur, wenn das ­Timing nicht stimmt. Ein Fehler an Olympia, und schon ist es wieder vorbei, muss man wieder vier Jahre warten auf die nächste Chance.

Sie haben auch Sotschi 2014 ­verpasst . . .
. . . es war sehr schwer für mich, das zu akzeptieren. Ich hatte mit angerissenem Kreuzband alles gegeben. Was hätte ich noch tun sollen? Es passierte einfach. (Das Kreuzband riss ganz.)

Besteht Ihr Leben einzig aus der Jagd nach Rekorden und Medaillen?
Nein, aber es ist dieser Abschnitt in meinem Leben, in dem ich so viel gewinnen möchte wie möglich. Ich fahre Ski, seit ich zweieinhalb war, es ist die einzige ­Sache, die ich derzeit tun kann.

Sie haben Ihren Körper ­geschunden. Gibt es Stellen, die noch heil sind?
Meine linke Hand! Aber so geht es jedem Athleten. Man benutzt seinen Körper, pusht ihn immer bis an die Grenze, die Verletzungen sind der Preis dafür.

Leiden Sie unter Schmerzen?
Normalerweise nicht, aber wenn ich beim Start im Flugzeug sitze oder wenn das Wetter schwül ist, schmerzt das Knie.

«Irgendwann sagte ich: So ist es, so bin ich. Wenn du mich nicht magst, dann ist das dein Problem, nicht meins.»

Welches Verhältnis haben Sie zu Ihrem Körper?
Ich stehe ihm mittlerweile ganz nahe, verstehe gut, was er braucht, damit es ihm gut geht. Ich muss auf ihn hören und machen, was er will.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie sich lange für Ihren Körper geschämt und unter Fress­attacken auf Tankstellen-Toiletten gelitten hätten. Was ist der Hintergrund?
Ich hatte kein Problem mit Essen oder eine Fresssucht oder so. Sondern – es ist schwierig für mich, darüber zu reden. (schweigt) Mein Mann hat gesagt, ich dürfe diese Dinge nicht essen.

Weshalb?
Weil ich sonst zu dick werde. Deshalb habe ich Schokolade in einer Tankstelle gekauft und sie auf der Toilette gegessen. Er sollte das nicht sehen. Ich hatte immer ein schlechtes Bild von meinem Körper im Kopf, dass ich zu dick bin, zu gross, nicht gut genug, nicht schön genug. Mangelndes Selbstvertrauen war mein grosses Problem.

Schokolade reinzustopfen, war so etwas wie eine Trotzreaktion gegen Thomas Vonn, von dem Sie sich später scheiden liessen?
So war es.

Gab es den einen Moment, an dem Sie sich sagten: Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit meinem Körper?
Ja, irgendwann habe ich gesagt: So ist es, so bin ich. Ich werde das Beste geben in allem, was ich tue, aber ich kann mich nicht austauschen. Wenn du mich nicht magst, dann ist das dein Problem, nicht meins. Ich habe mit der Zeit auch besser verstanden, dass es egal ist, was andere Leute denken oder sagen.

Wie glücklich sind Sie mit Ihrem Leben heute?
Ich bin sehr glücklich, habe ein schönes Leben, kann meine grosse Liebe ausüben, das Skifahren, und ich habe drei süsse Hunde. Ich habe ein gutes Team und eine wunderbare Familie.

Wie sehr beschäftigen Sie die ­Depressionen noch, unter denen Sie seit Jahren leiden?
Das hat sich stabilisiert. Ich nehme seit Jahren die gleiche Dosis an Medikamenten. Es gibt Zeiten, wo es schlimmer ist, und solche, in denen es besser geht. Aber das ist das Leben, das ist mein Leben. Für mich ist es ganz gut, dass ich meine Hunde habe.

Warum?
Weil ich so nie den ganzen Tag im Bett liegen kann, ich muss raus. Deshalb ist auch Skifahren so wichtig für mich. So weiss ich immer, was ich zu tun habe, und studiere nicht an dunklen Sachen herum. Ich weiss zwar noch nicht, wie das nach meiner Karriere sein wird, aber zurzeit hilft mir das Skifahren sehr.

Welche dunklen Sachen?
Ich will mit niemandem reden. Meine Freunde versuchen, mir zu helfen. Es ist nicht einfach, das in Worte zu fassen. Aber es ist in den letzten Jahren nicht mehr oft vorgekommen. Gott sei Dank.

Die Berge, der Schnee, ist das Ihre heile Welt?
Ja, hier bin ich im Frieden mit allem.

Das Gegenteil erlebten Sie jüngst in New York. Sie waren in der Nähe, als es einen Anschlag mit einem Auto gab. Was macht das mit Ihnen?
Ich sass mit einer Freundin im Auto. Es war alles blockiert von der Polizei. Wir wussten nicht, was passieren würde. Es ist verrückt: Am Fernsehen sehe ich immer wieder solche Bilder, aber wenn es ganz in der Nähe geschieht, dann bleibt es lange im Kopf. Es rief mir nur in Erinnerung: Du musst jede Minute nutzen, die du auf dieser Erde verbringst.

Wie nehmen Sie Ihre Heimat, die USA, derzeit wahr?
Als unstabil. Es ist der Wahnsinn, was passiert, in Washington, in Hollywood, das ganze Land lebt im Chaos. Nachrichten kann ich schon gar nicht mehr schauen, es wird nur noch schlimmer.

Sie haben einst Barack Obama im Weissen Haus besucht. Werden Sie das auch mit Donald Trump tun?
Bislang habe ich keine Einladung gekriegt. Ich würde eine solche aber sicher auch nicht annehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.11.2017, 22:40 Uhr

Lindsey Vonn

Alles auf sie gesetzt

Mit 77 Weltcupsiegen ist Lindsey Vonn (33) die erfolgreichste Skifahrerin. Ihre Ausbeute an Grossanlässen ist verhältnismässig bescheiden. 2010 gewann sie Olympiagold in der Abfahrt und Bronze im Super-G, hinzu kommen zwei Gold-, drei Silber- und zwei Bronzemedaillen an WM. Ihre Familie – Vonn hat vier Geschwister – setzte früh auf ihre Karriere. Als sie elf war, zogen die Kildows – Vonns lediger Name – deshalb nach Vail. 2007 heiratete sie den einstigen Skifahrer Thomas Vonn, es kam zum Zerwürfnis mit ihrem Vater Alan Kildow. Nach der Scheidung 2013 besserte sich ihr Verhältnis. Vonn hat in Vail ein Haus, lebt aber meist in Österreich. (rha)

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