Gut im Schuss

Sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter prägt die Französin Marie Dorin-Habert die Biathlon-WM.

Zwei WM-Medaillen: Die frischgebackene Mutter Marie Dorin-Habert trumpfte bei der Biathlon-Weltmeisterschaft gross auf.

Zwei WM-Medaillen: Die frischgebackene Mutter Marie Dorin-Habert trumpfte bei der Biathlon-Weltmeisterschaft gross auf.

(Bild: Keystone)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Als Marie Dorin-Habert diese Woche an der Biathlon-WM zu ihrem zweiten Gold stürmte, rieben sich die Gegnerinnen die Augen. Die 28-Jährige zählt zwar zu den Grössen ihres Metiers, wies aber einen gewichtig-glücklichen Startnachteil auf: Mitte September hatte Dorin-Habert ein Mädchen namens Adèle geboren. Die entscheidenden Trainingsmonate vor der Wettkampfsaison waren also von ihrer Schwangerschaft geprägt.

Beine hochlagern gilt aber für Spitzenathletinnen wie Dorin-Habert nicht, wollen sie so rasch und erfolgreich wie möglich in ihren Beruf zurückkehren. Zumal in ihrem Fall eine Weltmeisterschaft anstand. Also trainierte Dorin-Habert bis einen Monat vor der Geburt. Aufs Schiessen im Liegen verzichtete sie aus naheliegenden Gründen (Kugelbauch!), auf Abfahrten mit ihren Rollski aus Sicherheitsgründen ebenso. Dorin-Habert halfen Gespräche mit befreundeten Biathlonmüttern, die ihr Tipps gaben. Überdies liess sie das Wachstums des Ungeborenen regelmässig testen.

Zweieinhalb Wochen nach der Geburt von Adèle begann Dorin-Habert wieder leicht zu trainieren. Vor allem in die geschwächte Muskulatur des Beckenbodens investierte sie viel Aufbauarbeit. Im Januar, also vier Monate nach dem privaten Glück, bestritt sie ihren ersten Einsatz. Am Wochenende war sie nun an der WM im finnischen Kontiolahti schon wieder in Topform. Dabei ging Dorin-Habert in den letzten Monaten noch konservativ vor.

Behutsame Rückkehr

Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig etwa oder Marathon-Weltrekordhalterin Paula Radcliffe bewegten sich bis in die Geburtswoche ihrer Kinder – und waren wenige Tage nach dem Gebären schon wieder sportlich aktiv. Topathletinnen können dies, weil ihre Körper entsprechend geformt und damit robust sind. Allerdings müssen sie behutsam in den Sportalltag zurückkehren, ansonsten drohen Rückschläge.

Die Trainer von Marie Dorin-Habert stellten ihr darum ein auf ihre Bedürfnisse ausgerichtetes Aufbauprogramm zusammen. Sie tastete sich schrittweise an ihre körperliche Leistungsgrenze heran – und war selber überrascht, wie rasant sie zuletzt wieder unterwegs war. Denn trotz ihrer nun zwei WM-Medaillen hatte sie zuvor noch nie einen Weltcupeinsatz gewonnen. Wie viele Spitzensport-Mütter betonte sie nach den Siegen den Perspektivenwechsel in ihrem Leben: Statt Niederlagen für Katastrophen zu halten, könne sie die Leistung jetzt wegen ihrer Tochter relativieren. Das sei positiv für den Biathlon. Während Spitzensport-Väter dank Hilfe ihrer Frauen meist kompromisslos in den Alltag zurückfinden, sind ihre Kolleginnen oft benachteiligt: Ihre Männer neigen weniger dazu, in die Aufzieh-Rolle zu wechseln. Dies ist auch im Fall von Marie Dorin-Habert so. Ihr Mann arbeitet als Biathlon-Coach und ist oft auf Reisen, das Paar darum auf die Betreuungshilfe der Grossmütter angewiesen. Mehr als eine Woche aber will die Biathletin nicht von ihrer Tochter getrennt sein. Sonst plage sie ein schlechtes Gewissen und die Sehnsucht nach dem kleinen Schatz. Dass tochterlose Zeiten aber auch glücklich machen können, bewiesen die jüngsten erfolgreichen Tage. Es werden für Dorin-Habert an dieser Weltmeisterschaft wohl nicht die letzten gewesen sein.

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