Ganz befreit ins grosse Duell

Didier Cuche ist auch im kommenden Winter noch Skirennfahrer, und heute (ab 9.30 Uhr live auf DerBund.ch/Newsnet) will er zum vierten Mal die Kristallkugel im Abfahrtsweltcup holen.

Deutliche Worte: Didier Cuche erklärt, warum er seine Karriere fortsetzt. (Video: Skionline.ch)
Christian Andiel@tagesanzeiger

«Nein, ich werde nicht zurücktreten.» Didier Cuche schaute hinter dem Wald an Mikrofonen kurz auf, es hatte lange gedauert, bis er bei seiner Rede an diesem Satz angelangt war. Doch dann sagte er die fünf Worte, auf die mehr als 100 Journalisten im Saal auf der Lenzerheide gewartet hatten. Die Leidenschaft für diesen Sport sei nach wie vor viel zu gross, begründete er seinen Entscheid. Auch mit dann 37 Jahren werde er in der nächsten Saison motiviert am Start stehen, er arbeite enorm gerne mit den Teamkollegen, den Trainern zusammen, will weiter die «ganze Emotionalität meines Sports geniessen», kurz: «Ich freue mich jetzt schon auf den kommenden Winter: Ich bin einer der glücklichsten Menschen der Welt.»

Warum soll man ein solches Gefühl ohne Not aufgeben? Vielleicht, weil es halt doch immer jemanden gibt, der piesackt, der meint, er müsse stören. Im speziellen Fall von Cuche hat dieser «jemand» einen Namen und eine Berufsbezeichnung: Günter Hujara, FIS-Renndirektor. Der hatte am Rennwochenende in Kvitfjell einen Disput mit Cuche, es ging um einen Sprung in der Abfahrt, der dem Neuenburger zu gefährlich erschien. Beide erinnern sich unterschiedlich an die Worte, die gefallen sind, Hujara fühlte sich durch Cuches Wortwahl bedroht, er sprach eine Busse von 5000 Franken aus. «Hätte man mich direkt nach diesem Vorfall gefragt», sagte Cuche gestern, «hätte ich meinen Rücktritt erklärt.»

Entscheid schon vor 2 Wochen

Er war sauer, er war restlos enttäuscht, der Gefühlsmensch und Gerechtigkeitsfanatiker Cuche fühlte sich zutiefst missverstanden, wie kann man ihm Respektlosigkeit und unsportliches Verhalten vorwerfen? Er sah sich in der Falle der Mehrsprachigkeit gefangen, «hätte ich mit Hujara in meiner Muttersprache Französisch reden können, wäre das nicht passiert», ist er überzeugt. Mit dem Schwarzwälder Hujara sei das halt nicht möglich. Gut für den Schweizer Skirennsport ist, dass Cuche seinen Entscheid zur Fortführung der Karriere schon vor zwei Wochen gefällt hatte, gemeinsam mit den Brüdern Bernard und Alain, mit Vater Francis.

Aber Cuche hat Konsequenzen aus dem Vorfall gezogen, er hat sein Amt als Mitglied der Arbeitsgruppe Speed niedergelegt. «Ich möchte mich in Zukunft mehr auf mich selbst konzentrieren», sagte er, sollen doch andere all die Diskussionen führen, die seiner Meinung nach letztlich doch nichts fruchten. Die Konkurrenz soll die neue Fokussierung schon heute zu spüren bekommen. Die Terminierung der gestrigen Pressekonferenz war nämlich strategisch durchdacht, «ich wollte ganz befreit um die beiden Kugeln fahren, die ich noch gewinnen kann», sagte er. Ohne die permanenten Fragen nach seiner sportlichen Zukunft oder nach dem Vorfall in Kvitfjell.

Walchhofers Vorfreude

Heute ab 9.30 Uhr geht es am Parpaner Weisshorn gegen Michael Walchhofer und Klaus Kröll um den Weltcupsieg in der Abfahrt, morgen startet Cuche als Führender im Super-G-Weltcup ins Rennen. Kröll hat in der Abfahrt zwar nur theoretische Chancen, aber die will der Österreicher wahren. Sein Teamkollege Walchhofer hingegen freut sich auf «ein heisses Duell mit dem Didier», wie er sagte. Beide können die kleine Kugel in der Abfahrt zum vierten Mal gewinnen, um damit alleiniger Zweiter hinter Franz Klammer (5 Kugeln) zu sein.

Walchhofer hat 14 Punkte Vorsprung, mit einem Sieg sind beide auf jeden Fall durch. «Der Didier weiss schon, was man tun muss für eine Kugel», sagte er, der gegenseitige Respekt ist gross. Und seine Bestzeit im Training wollte er auf keinen Fall überbewerten: «Das war halt nur ein Training.» Das Gleiche galt für Cuche, der an einem Tor vorbeigefahren war.

Auf jeden Fall ist es eine Situation, die beide lieben. «Keiner kann taktieren», sagte Walchhofer, der heute die letzte Abfahrt seiner Karriere bestreiten wird. «Ich habe immer gehofft, dass ich beim Final auf der Lenzerheide nicht nur eine Randfigur bin.» Cuche geht es ähnlich, «das sind doch genau die Momente, auf die wir hinarbeiten: Es geht in einem Lauf um alles, besser kann es für die Fahrer und Zuschauer gar nicht sein.» Der Renninstinkt in beiden ist geweckt, und zumindest heute dürfte das Wetter noch einen korrekten Wettkampf ermöglichen, ehe ab Nachmittag mit einer deutlichen Verschlechterung gerechnet wird.

Vom Erklärer zum Charmeur

Cuche wollte sich gestern von allem Ballast befreien, er hat sich vieles von der Seele geredet. Zwischen seinen ersten und den letzten Sätzen machte er eine Wandlung durch: Aus dem konzentriert vom Blatt ablesenden Erklärer wurde der spontane, schlagfertige Charmeur. Ganz am Schluss wurde Cuche gefragt, was er seinem Nachfolger in der Arbeitsgruppe Speed mit auf den Weg gebe. Cuche überlegte, er lächelte, dann sagte er: «Telefoniere nicht abends um 9 Uhr mit Hujara, rede lieber am Nachmittag mit ihm.» Den grossen Spass hat Cuche also auch beim Reden wieder gefunden.

Tages-Anzeiger

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