Er schraubt an seinem Traum

Dimitri Isler war ein talentierter Turner, ehe ihn Schmerzen an den Handgelenken stoppten. Nun stürzt er sich waghalsig über die Skischanze.

Die Konzentration gilt nur noch Pyeongchang: Dimitri Isler (links) und sein Konditionstrainer Tobias Krähenbühl. Bild: Adrian Moser

Die Konzentration gilt nur noch Pyeongchang: Dimitri Isler (links) und sein Konditionstrainer Tobias Krähenbühl. Bild: Adrian Moser

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Einst war er von Holmen eingeengt, heute dreht er frei. Damals zog ihn die Schwerkraft schnell zu Boden, jetzt ist der Aufprall umso heftiger. Wo er seinerzeit an Grenzen stiess, durchschlägt er sie nun. Dimitri Isler suchte als talentierter Kunstturner in jungen Jahren den Erfolg und findet ihn nun als gestandener Skiakrobat. Nur wenig fehlt ihm noch zur Olympiaqualifikation. Am Weltcup in China könnte er sie an diesem Wochenende schaffen.

Sollte sie ihm gelingen, wäre das die vorläufige Krönung eines bemerkenswerten zweiten Bildungswegs des 24-jährigen Aargauers. Quer eingestiegen in die neue Sportart ist er vor wenigen Jahren, einfach aus Neugier, weil er sich viel zu gern bewegte, um sich nicht zu bewegen. Bis 13 war er hoffnungsvoller Turner, der bis zu 28 Trainingsstunden wöchentlich an seinem Traum arbeitete, es im Kunstturnen zu etwas zu bringen. So weit wie Oliver Hegi vielleicht, damals sein Teamkollege beim TV Lenzburg, mit dem und gegen den er Wettkämpfe bestritt – 2005 wurden sie als Junioren zusammen Schweizer Mannschaftsmeister. Mit seinem Talent war Hegi der Antreiber für Isler und der ganzen Trainingsgruppe, 2016 nahm er an den Olympischen Spielen in Rio teil, vor acht Monaten gewann er EM-Silber am Reck.

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Die Wege der beiden Turnfreunde trennten sich, bevor ab der nächsten Stufe die nationale Förderung einsetzte. Isler plagten chronische Schmerzen an den Handgelenken, ausgerechnet, sind doch seine liebsten Geräte, Pauschen und Barren, besonders stützintensiv. Isler vertrieb sich die Freizeit weiterhin in der Turnhalle des Aargauer Leistungszentrums in Niederlenz, zum Plausch, mit Freunden, doch die Ambitionen blieben. Auf Einladung des Aerials-Nationaltrainers Michel Roth absolvierte er in Mettmenstetten – auf der einzigen Wasserschanze der Schweiz – ein Schnuppertraining. Es gefiel ihm, er gefiel Roth, doch ein Zufall war das nicht, Isler sagt: «Das jahrelange Training nimmt man aus dem Turnen natürlich mit.»

Tatsächlich ähneln sich die Bewegungen. Ein Dreifachsalto mit vierfacher Schraube ist ein Basissprung an der Weltspitze, doch Doppelsalti und Schrauben hatte Isler schon gedreht, als er 13 war. «Das Körpergefühl und die Grundspannung helfen einem Turner in jeder anderen Sportart», erklärt Tobias Krähenbühl. Der 29-Jährige ist Konditionstrainer des Aerials-Kaders und weiss, wovon er spricht: Auch er war einst Kunstturner auf Spitzenniveau, hatte es zwischenzeitlich gar ins nationale Juniorenkader geschafft, ehe ein übler Sturz von den Ringen und eine schwere Halsund Rückenverletzung seine Karriere 2012 beendeten.

Oliver Hegi verfolgt seine Karriere

Nach seiner Ausbildung zum eidgenössisch diplomierten Fitnesstrainer betreibt Krähenbühl ein Crossfit-Studio und arbeitet im Nebenamt schon seit ein paar Jahren als Konditionstrainer für Swiss-Ski. In dieser Saison wurde sein Pensum auf hundert Prozent erhöht, weshalb sich Krähenbühl seinen Traum von Olympia nun doch noch erfüllt. Nicht als Turner, nicht als Athlet, aber immerhin als Trainer und «Mädchen für alles», wie sich der Aargauer mit Wohnort Rapperswil-Jona selbst nennt. Die bevorstehende Reise nach Südkorea sieht er als «Kompensation für meine Turnkarriere».

So weit würde Dimitri Isler nicht gehen. Er sei Realist, sagt er: «Als Turner hätte ich es garantiert nicht an die Olympischen Spiele geschafft.» Andererseits wäre er ohne das Kunstturnen auch in der Skiakrobatik nicht so weit gekommen, glaubt er. Und sagt deshalb: «Dass ich überhaupt noch den Weg eines Profisportlers gehen konnte, macht mich schon sehr froh.» Auch sein einstiger Teamkollege Oliver Hegi freut sich für ihn. «Ich verfolge seine Resultate ständig», sagt er. Auch wenn der Kontakt nicht mehr eng sei, sagt Isler: «Wenn wir uns im Ausgang oder in Magglingen sehen, sind wir auf einer Wellenlänge.»

Überwindung gekostet

Ihn kostete es damals, mit 16, mitten in der Pubertät, einiges an Überwindung, den Trainingsaufwand wieder hochzufahren. Zunehmend hatte dieser abgenommen, je mehr er sich von seinen Zeiten als Nachwuchsturner entfernte. Bei einem Sportartikelhersteller konnte er eine Sportlerlehre beginnen, 2015 und 2016 absolvierte er in zwei Tranchen die Sportler-RS, seither ist er Profi. Und wie: Vor zehn Monaten sprang er bei der Hauptprobe auf der Olympiaschanze in Südkorea auf Rang 7.

Für den Höhepunkt in wenigen Wochen in Pyeongchang feilt Isler an einem dreifachen Rückwärtssalto mit Fünffachschraube, noch schwierigere Sprünge erlaubt die FIS gar nicht. Beherrscht er ihn, wird Isler zum Medaillenkandidaten, nur, was heisst das in der Skiakrobatik schon: beherrschen? Die Schanze mit ihrer rund 15 Meter hohen Flugkurve verzeiht noch weniger Fehler als jedes Turngerät: Berührt die Hand bei der Landung den Schnee, ist die Medaille dahin. «Anders als beim Turnen im Mehrkampf habe ich kein nächstes Gerät», sagt Isler. «Im schlimmsten Fall fliege ich nach Südkorea, springe einmal über die Schanze und reise wieder heim.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.12.2017, 10:46 Uhr

Was ist Aerials?

Die Skiakrobatik kam Ende der Achtzigerjahre auf, an den Olympischen Spielen 1988 in Calgary waren Springen, Buckelpistefahren und Skiballett Demonstrationssportarten. Dank der Erfolge der Solothurnerin Conny Kissling erlangte das Ballett in der Schweiz Bekanntheit, international durchgesetzt haben sich jedoch nur Buckelpiste und Springen. Als Moguls und Aerials sind die Disziplinen inzwischen bekannt. Sie werden von der FIS dem Freestyle-Skiing zugeordnet – zusammen mit jüngeren Disziplinen wie Skicross, Halfpipe, Slopestyle oder Big Air.

Aerials wurde 1994 olympisch, Andreas «Sonny» Schönbächler gewann in Lillehammer die erste Goldmedaille. Der Zürcher ist ein Pionier, 1996 baute er in Mettmenstetten die erste Wasserschanze Europas. Sportler aus aller Welt nutzen sie zu Trainingszwecken. Zwei weitere Olympiamedaillen folgten für die Schweiz: 1998 gewann Colette Brand Bronze und 2006 Evelyne Leu Gold. Deren Sprung Full-Full-Full ist legendär, wird aber längst übertroffen. Zum Standardrepertoire der weltbesten Springer gehört heute ein Dreifachsalto mit fünffacher Schraube. (wie)

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