Ein Tag auf der Piste reicht

Lara Gut gibt heute in Sölden beim Weltcup-Auftakt überraschend ihr Comeback. Am Mittwoch kam der Gedanke erstmals auf – erst nach dem Training aber fällte sie den Entscheid.

Überraschend früh im Fokus: Lara Gut veredelt die Startliste von Sölden. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Überraschend früh im Fokus: Lara Gut veredelt die Startliste von Sölden. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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«Sölden ist speziell. Sölden ist viel Druck, viel Kino um dich herum, man muss sich jeweils in Erinnerung rufen, dass nicht nur Fotos gemacht und Medienkonferenzen abgehalten werden, sondern dass am Samstag auch noch ein Rennen stattfindet.» Lara Gut sitzt Ende September in einem alten Kinosaal mitten in Zermatt; die abgewetzten Ledersessel sind belegt von Journalisten; oben auf der Galerie sind Kameras auf sie ­gerichtet.

Es ist der erste Auftritt der 26-jährigen Tessinerin seit ihrem Sturz im Training zum Kombinationsslalom der WM in St. Moritz am 10. Februar, bei dem ihr linkes Kreuzband riss und der Meniskus beschädigt wurde. Der Saisonauftakt im Ötztal ist da weit weg, scheint unerreichbar, die Lust auf den Trubel im Touristendorf ist begrenzt.

Gestern jedoch stellte Lara Gut fest: dass auf dem Rettenbachgletscher am Samstag ein Rennen stattfindet, das erste dieses Winters. Und dass sie an diesem eigentlich ganz gern teilnehmen würde. Also rief sie Hans Flatscher an, den Cheftrainer der Schweizerinnen, und fragte, ob er sie auf die Startliste setzen könne. Der Österreicher willigte ein, einen Platz hatte er ohnehin noch frei, das Kontingent von sieben Fahrerinnen nicht ausgeschöpft. Das, weil Simone Wild diese Woche im Training am rechten Schienbein einen Schlag erwischt hatte. Eine mehrwöchige Pause ist die Folge für die Zürcherin.

Es läuft

Den Platz nimmt heute also Lara Gut ein. Völlig überraschend, für die meisten. Nicht ganz so unerwartet für ­Flatscher. Bereits am Mittwoch, dem Tag, als sich Wild verletzte, sei der Gedanke erstmals aufgekommen bei der Tessinerin. Am Freitag würde sie auf der Diavolezza trainieren, sagte Gut, erstmals auf einer mit Wasser präparierten, kompakten und harten Piste. Sie stand diese Woche zuvor nie auf Ski, die ­Woche davor auch nicht. Doch wenn es gut laufen sollte im Bündnerland, dann würde sie sich allenfalls kurzfristig für einen Start entscheiden, teilte sie dem Cheftrainer mit.

Vier Läufe reichten gestern, um festzustellen: Es läuft. «Alle Lichter stehen auf Grün», sagt Flatscher. Und so gibt sie heute ihr Comeback.

Obschon dieses auf dem wohl schwierigsten Riesenslalomhang des Frauenweltcups erfolgen wird, stützt Flatscher die Entscheidung: «Käme sie nach dieser Verletzung hierhin und würde sagen: Ich will gewinnen und zwei unglaubliche Läufe hinlegen, dann wäre das sicher nicht ideal. Aber so geht sie dieses Rennen ja nicht an.» Der Start soll primär dem Aufbau der ganzen Saison dienen. «Ein Renneinsatz bringt mehr als ein Training auf der Diavolezza. Sie soll ­wieder spüren, wie es ist, im Weltcup zu fahren. Das hilft ihr sicherlich für die vier Wochen danach bis zum Riesen­slalom in Killington.»

Lara Gut liess sich in der Mitteilung des Schweizer Verbandes so zitieren: «Seit meiner Verletzung war mein primäres Ziel, stark zurückzukommen und mich nicht unter Druck zu setzen. Deshalb habe ich nie über Sölden gesprochen. Nun aber will ich sehen, wie ich und mein Knie auf das Rennen reagieren.» Dass sie in jüngster Zeit nur auf Konditionstraining setzte, zeigt, wie kurzfristig der Gedanke reifte. «Normalerweise haben wir uns einen Monat lang auf Sölden vorbereitet», sagt Gut, die das Rennen im Vorjahr und 2013 ­gewonnen hat. Und Flatscher sagt: «Bis zu den letzten Tagen lag der Fokus voll auf Killington, sie wollte vermeiden, in einen Trott für Sölden zu geraten.»

Dem Rummel aber, dem «Kino um dich herum», dem konnte sie trotz der Kurzfristigkeit des Entscheids nicht ganz entgehen. Am Donnerstag, beim Ein­trudeln der Grössen der Szene, ist auch sie mit dabei. Ihre Skimarke hat zum Treffen mit ihren Stars geladen, vom «stärksten Team, das es je im Weltcup gab», spricht Head-CEO Johan Eliasch. Dann kommen die Athletinnen auf die Bühne – neben Gut etwa Wendy Holdener, Anna Veith, Tina Weirather und Lindsey Vonn. Die US-Amerikanerin sorgt für einen Knalleffekt, indem sie ­ankündigt, erstmals seit fünf Jahren auf dem Rettenbachgletscher zu starten. Das durch Verletzungen dezimierte Starterfeld ist um eine Attraktion reicher.

Platte Füsse vor Lara Guts Pult

Gleichwohl stehen sich die rund 100 Leute, die mit Foto- und Videokameras ausgerüstet sind, vor allem vor dem Pult von Lara Gut auf den Füssen herum. Es wird geschubst, gedrängelt, die Ellbogen ausgefahren, ein Kabel wird unabsichtlich aus einer Kamera gerissen, die Mikrofone mühsam Richtung Mund der Sportlerin gestreckt. Die Fotografen ­atmen tief, die Hitze drückt.

Gut redet davon, dass sie erst Mitte September auf Schnee trainieren konnte, nicht schon im Juli wie üblich. Dass sie sich auf den Winter freue, auf die Saison. Keiner ahnt da, dass diese für die Gesamtweltcupsiegerin von 2015/16 viel früher beginnen wird als geplant.

Das Schweizer Team hat damit unverhofft seine Leaderin zurück. Auch wenn von dieser noch keine Wunderdinge erwartet werden dürfen, kommt es gelegen, dass der Fokus vor allem auf Gut ­gerichtet sein wird. Mélanie Meillard, seit einem Monat 19, wäre sonst die ­nominell stärkste Schweizerin gewesen.

Holdener fand die Ruhe

Eine Weltcupsaison hat die junge Neuenburgerin erst bestritten. Vor einem Jahr, bei ihrer Premiere in Sölden, wurde sie 18., drei Wochen später Sechste beim Slalom in Levi. Sie hielt sich konstant in der erweiterten Weltspitze, zum Abschluss in Aspen glänzte sie mit den Rängen 5 und 8. «Deshalb ist es schwierig, zu sagen, wie gross das Potenzial für diese Saison noch ist», sagt Meillard.

Das hingegen weiss Wendy Holdener, die Slalomspezialisten und Kombinations-Weltmeisterin von St. Moritz. Ihr Potenzial im Riesenslalom ist gross. «Ich habe zwar nicht mehr Riesenslalom trainiert, aber mit einem klareren Plan. Ich wollte nicht mehr vier Sachen gleichzeitig verändern, sprang nicht vom einen zum anderen. Es war endlich die nötige Ruhe drin», sagt die 24-Jährige. «Ich fühle mich deutlich wohler in dieser Disziplin, dennoch werde ich in Sölden nicht gleich gewinnen.» Es geht ihr damit ganz ähnlich wie Lara Gut, der unerwartet frühen Rückkehrerin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2017, 23:16 Uhr

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