Ein Rebell, noch immer

Dominik Paris brach die Schule ab und schuftete auf dem Bau für seine Karriere. Heute startet er als dreifacher Kitzbühel-Sieger zur Abfahrt.

Ein Draufgänger, auch auf der Piste: Dominik Paris (28). Foto: Mario Kneisl (Gepa)

Ein Draufgänger, auch auf der Piste: Dominik Paris (28). Foto: Mario Kneisl (Gepa)

René Hauri@tagesanzeiger

Nein, aus Dominik Paris wird nie etwas. Schulabbrecher ist er, einer, der bis frühmorgens mit seinen Freunden um die Häuser zieht – selbst wenn er mit klarem Kopf zu einem Skirennen starten sollte. Der Domme? Ein Draufgänger, ein Ausgänger, undiszipliniert!

Er hörte die Stimmen nicht, die sich damals mehrten im Ultental, im tiefen Südtirol, seiner Heimat. Er wusste es auch so, der 18-jährige Domme: Es muss sich etwas tun, will er sich seinen Traum vom Leben als Skirennfahrer erfüllen. Er suchte einen Ausweg – und fand ihn in einer Alp auf dem Splügenpass. Schafe um sich, nur Schafe, Tag für Tag. «Keine Sorgen, kein nichts», so sei das gewesen damals in der Einsamkeit, sagt Paris, über ein Jahrzehnt danach. Dabei kratzt jedes K in seinem Hals, der Ultentaler Dialekt ist nichts für Sprachästheten.

Der Ausbruch aus dem Alltag erwies sich als goldrichtig. «Ich war nicht abgelenkt, kam nicht in Versuchung, mit den Kollegen auszugehen. Ich fand die nötige Distanz, konnte alles neu sortieren, mich neu orientieren. Zuvor», so sagt es Paris, «war ich zu wild auf dem Weg.»

Die Arbeit auf der Alp war kräftezehrend – er genoss das. Schuften von früh bis spät, «das Zusammensein mit den Viechern», am Abend zu wissen und zu spüren, was er geleistet hatte. Er sagt: «Ich habe da gemerkt, dass ich hart arbeiten muss für das, was ich will.»

Skirennfahrer, das wollte er werden, seit er als Bub mit seinem Vater, einem Skilehrer, Schwung um Schwung auf den Hängen in Südtirol zog. Also hat er sich nach diesen 100 Tagen in der Abgeschiedenheit und um 12 Kilogramm erleichtert «dahintergeklemmt». Und: Es wurde doch noch etwas aus Dominik Paris.

Selber überrascht von sich

Neunfacher Weltcupsieger, dreifacher Gewinner auf der Streif in Kitzbühel, zweimal in der Abfahrt, das ist Paris nun, mit 28. «Ein bisserl», sagt er in ­Tirol, wo er heute als Vorjahressieger zur Abfahrt startet, «überrascht mich mein Weg auch selber.» Wenig lief gradlinig im Leben des unaufgeregten Mannes mit den spitzen Gesichtszügen und dem schwarzen Kinnbart.

Als er die Schule mit 15 abgebrochen hatte, «weil ich dort einfach nicht zurechtkam», arbeitete er die Sommer über als Maurer. Das Geld der Eltern, des Skilehrers und einer Kellnerin, hätte nicht gereicht, um sein Hobby zu finanzieren. «Ich musste mithelfen, damit wir durchkamen im Winter. Skifahren ist ein teurer Spass.» Also mühte sich der Teenager auf dem Bau ab, neun Stunden täglich, «ein zäher Job», die freien Minuten verbrachte er auf der Piste.

Die Resultate aber waren bescheiden. Nie schaffte er es in einem FIS-Rennen oder im Europacup in die Top 30. Bis dieser Sommer kam, 2007, die Zeit auf der Alp, die sein Leben so veränderte, wo er lernte, dass es viel mehr braucht als nur Talent, um zum Ziel zu kommen. Plötzlich war er danach Dauergast auf den Podesten, er arbeitete sich hoch in den Weltcup, bereits im Folgejahr startete er in Gröden zu seinem ersten Super-G. Zwei Winter später, im Januar 2011, lächelte er in Chamonix als Zweiter vom Podest.

Und nun ist er also einer der besten und konstantesten Speedfahrer. «Ich habe mir oft erträumt, einmal so weit zu kommen. Vorstellen, wie das sein würde, konnte ich mir das aber nicht. Und jetzt ist es einfach so.» Ja, so ist es jetzt einfach, «irgendwie hab ichs halt gerichtet», sagt Paris. Er lächelt. Es ist Genugtuung für ihn, dass es so gekommen ist, Lohn für die Mühsal, Beweis dafür, dass er doch noch einiges richtig gemacht hat.

Ein wenig Rebell steckt aber auch jetzt noch in ihm. Paris ist der Rocker unter den Abfahrern, er singt in einer Metal-Band. Zumindest könne man das ungefähr so nennen, was er da mache, sagt der Südtiroler. «Eigentlich aber singe ich eher weniger.» Paris schreit. Die Musik ist sein Ventil, Ausbruch aus seinem Leben, «ich tauche in eine andere Welt ab, kann mich auspowern».

Der Bruder, tot auf der Strasse

Das half ihm auch 2013, als ein Schicksalsschlag die Familie Paris erschütterte. Fünf Monate nach Dominiks Triumph in Kitzbühel, seinem bis dahin grössten Sieg, verunfallte sein zwei Jahre älterer Bruder René unweit der elterlichen Wohnung mit dem Motorrad. «Ich hatte mitgekriegt, dass es einen Unfall gegeben hatte», erzählt Dominik Paris. «Als ich zu der Stelle hinlief, kamen mir bereits Kollegen entgegen, die mir sagten, mein Bruder liege auf der Strasse. Ich ging sofort zum Notarzt. Er sagte mir: ‹Da ist nichts mehr zu machen.›»

Paris versuchte, seine Eltern zu entlasten, organisierte die Beerdigung, half mit, wo es ging. «Vielleicht auch, um mich abzulenken», sagt er, «vor allem aber, um meinen Eltern zu helfen. Das eigene Kind zu verlieren, ist das Tragischste, was passieren kann.»

Und er verlor auf einen Schlag seinen grossen Bruder, mit dem er so viel unternommen hatte, mit dem er lange die Leidenschaft des Skifahrens geteilt hatte, bis dieser aufhörte, weil er im Programmieren von Computern eine neue Passion gefunden hatte. «Er überlegte viel, arbeitete gerne mit dem Kopf. Ich dagegen brauchte das Physische. Ich ging lieber holzen, als vor dem Bildschirm zu sitzen», sagt Paris.

Die unterschiedlichen Charakterzüge hätten sich auch auf der Skipiste gezeigt. «Er war vor den Rennen aufgeregt, fuhr vorsichtig, technisch besser als ich.» Und er, der Bub, der es liebte, sich im Wald vor dem Haus der Grosseltern auszutoben, sich um die Tiere des Bauern von nebenan zu kümmern? «Ich bin einfach runtergefahren», sagt Dominik ­Paris. «Was geht, geht. Wenn es mich aufstellte, war es mir egal, wenn es nicht ging, wars mir wurst.» Ein Draufgänger eben, auch auf der Piste.

Ein bisschen davon hat er bis heute behalten. Vielleicht ist aus ihm auch ­deshalb doch noch etwas geworden, tritt er deswegen heute als Vorjahres­sieger zur Hahnenkammabfahrt an, dem schwersten Rennen der Welt. Weil es eine fast schon kühne Unbekümmertheit braucht, um sich auf der Streif zu behaupten.

Infografik: Die Streif-Abfahrt

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