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Die pinke Pionierin

Kikkan Randall (35) verkörperte den US-Langlauf lange als Solistin. Nach der Geburt ihres Sohnes kam eine neue Welt hinzu. Sie löste die Doppelrolle brillant, tritt mit Olympiagold ab.

Eine Leidensfähigkeit bis zum Erbrechen hat Kikkan Randall zur ersten amerikanischen Sieglangläuferin gemacht.
Eine Leidensfähigkeit bis zum Erbrechen hat Kikkan Randall zur ersten amerikanischen Sieglangläuferin gemacht.
Keystone

Der Grossvater knöpfte sich Kikkan Randall vor. Gerade hatte die 19-Jährige ihre Olympiapremiere absolviert. 44. war sie 2002 im Sprint von Salt Lake City geworden. Er riet ihr: «Hör mit dem Langlauf auf, geh an die Uni und konzentriere dich dann auf deinen Beruf.» Ihr Grossvater (mütterlicherseits) war keineswegs ein konservativer Patriarch, sondern ein Langlaufexperte.

Zwei seiner drei Kinder hatten es als Langläufer an Olympische Spiele gebracht. Darum wusste er: Nie hatte eine Amerikanerin im Langlauf ein Sprint-Weltcuprennen gewonnen, nie eine Medaille an WM oder Spielen geholt. Die Chance, dass ausgerechnet seine Enkelin zu dieser Pionierin werden würde, war also sehr gering.

Randall ignorierte den Rat. Nach diesem Wochenende wird die mittlerweile 35-Jährige mit fünf Teilnahmen an Olympischen Spielen und neun Weltmeisterschaften zurücktreten: als Olympiasiegerin (die erste im US-Langlauf ), Weltmeisterin (dito), Gewinnerin des Sprint-Weltcups (dito) und 13-fache Weltcupsiegerin. Als würde dieses Erbe nicht reichen, hat Kikkan Randall für zahlreiche Nachfolgerinnen mitgesorgt. Reiste sie in ihren Weltcupanfängen als einzige Athletin in einem Team aus Männern durch Europa, sind später zahlreiche Athletinnen hinzugekommen, allen voran Jessica Diggins. Mit ihr gewann sie in Südkorea das erwähnte Gold – im Teamsprint. Diggins bezeichnete Randall lange als Vorbild.

Der Lebenslauf von Kikkan Randall ist auch einer des Widerstands und der grossen Träume, der einer Aussenseiterin und Kämpferin. Oder salopper formuliert: Ihr Leben ist das einer Wegbereiterin für amerikanische Langläuferinnen, einer Art Langlaufemanze. Ihre pinken Haarsträhnen hat sie darum stets als ironische Anspielung an ihr «Girl»-Sein verstanden. Schliesslich wird sie im Weltcup gerade wegen ihrer Leidensfähigkeit bis zum Erbrechen gefürchtet.

Hilfsbereit in der Niederlage

Zu dieser Fähigkeit, sich lange plagen zu können, kommt ein für Sportler erstaunlich kleines Ego. Als Randall 2014 als Hauptfavoritin an Olympia im Viertelfinal ausgeschieden war, rannte sie zur erfolgreicheren Teamkollegin – um ihr Tipps für den Halbfinal zu geben.

Randall hat ihre Rolle im kleinen US-Langlaufteam mit den Jahren darum immer mehr auch als Beraterin bzw. Motivatorin ihrer deutlich jüngeren Kolleginnen verstanden. Dass diese immer besser wurden und Randall damit in den täglichen Trainings helfen bzw. fordern konnten, war ein willkommener Nebeneffekt und dieser besonderen Teamdynamik geschuldet.

Weit von zu Hause weg sind die Kollegen und Kolleginnen ein bisschen zur Ersatzfamilie geworden. Vier Monate verbringen die US-Langläufer jedes Jahr in Europa – am Stück. Basis bildet dabei Davos, es ist eine Art Heimat fern der Heimat.

Ein bisschen Glück für dieses bewegte Leben brauchte Kikkan Randall auch: Sie wuchs in Anchorage, Alaska, als ältestes von drei Kindern in einer skiund langlaufaffinen Familie auf. Zumindest in dieser Region der USA sind Skifahren und Langlauf keine Mikrosportarten, sondern etablierte Freizeitbeschäftigungen. Darum stand Randall schon mit einem Jahr auf Alpinski. In den Abfahrten zählte sie bis zuletzt zu den besten Technikerinnen. Erst als Teenager hatte Randall begonnen intensiver zu langlaufen. Dieses Defizit sollte ihre Karriere prägen: Im klassischen Stil war sie, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, chancenlos im Weltcup.

Zu ihrer illustren Karriere passt die letzte Phase. Im April 2016 gebar Randall einen Sohn. Breck war keineswegs zufällig in diesem Jahr auf die Welt gekommen. Jene Saison war eine ohne Grossanlass und darum ideal für die Spitzenathletin Randall, ein Kind zu bekommen. Drei weitere Toplangläuferinnen wurden damals ebenfalls schwanger, unter ihnen die Norwegerin Marit Björgen, die Erfolgreichste ihres Sports.

Wie jede Spitzenathletin trainierte Randall fast bis zur Niederkunft, obschon sie 12 kg zunahm. Zwar musste sie ab dem siebten Monat aufs Laufen verzichten. Schwimmen, Biken oder Krafttraining aber absolvierte sie fast bis zum Schluss – und begann schon nach sechs Wochen, den Körper wieder zu belasten. Zehn Monate nach Brecks Ankunft, im Februar 2017, holte sich Randall an der WM Sprint-Bronze.

Mit Sohn und Mann «on tour»

Dass ihr Mann Jeff Ellis, ein Kanadier, für den internationalen Skiverband als Social-Media-Verantwortlicher im Langlauf arbeitet, erleichtert das Familienleben. So waren Randall und ihre Mannen in den letzten beiden Wintern stets gemeinsam «on tour». Dabei galten klare Regeln, auch um die Kollegen und Kolleginnen zu schützen: Die Randalls sassen an einem eigenen Tisch, nächtigten oft in einem separaten Hotel, um den anderen das Aufwachen wegen Brecks gelegentlichem Schreien zu ersparen. Als Entlastung reisten phasenweise sowohl Randalls wie Ellis’ Eltern an die Weltcups und halfen aus.

Ohne umfassende Team-bzw. Familienarbeit hätte Randall, wie sie sagt, ihre Karriere niemals derart erfolgreich beenden können. Ihr Grossvater bekam ihren späten, goldigen Erfolg übrigens nicht mehr mit. Er war zuvor gestorben – aber wäre zweifelsfrei verblüfft gewesen, was Kikkan Randall geleistet hat.

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